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WITNESS
(Reut Shemesh)
Besuch am
4. Juli 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Im Juli lädt der Kunstpalast im Düsseldorfer Ehrenhof am Rhein zu einem lohnenden Besuch ein. In diesem Monat kann man sich Die Große anschauen, eine Kunstausstellung, die sich „zu Recht als die größte von Künstlern für Künstler organisierte Ausstellung in Deutschland bezeichnen“ kann, so das Museum. Wie und wo Ausstellungen zeitgenössischer, bildender Künstler gezeigt werden, ist seit Mutter Ey nicht nur im Rheinland ein Thema. Die Große rühmt sich, „eine der wenigen Ausstellungen, in der der Museumsbesucher die ausgestellten Werke ohne Beteiligung einer Galerie käuflich erwerben kann“, zu sein. Was für die Besucher eher zweitrangig ist, ist für die rund 180 ausgestellten Künstler existenziell, die von einer Jury ausgewählt werden. Auch ohne sich mit der sozialen Komponente auseinanderzusetzen, lohnt sich der Besuch. Schließlich bekommt man hier vermutlich einen ganz guten Querschnitt aktueller Kunst aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Fotografie, Grafik und Neue Medien zu sehen.
Ein weiterer Pluspunkt für einen Besuch wäre eigentlich das Begleitprogramm, das den Namen Donnerhall trägt. Trotz mehrfacher Versuche ist es nicht gelungen, auf der Website irgendeine Information zum aktuellen Donnerhall ausfindig zu machen. Er existiert schlicht und ergreifend nicht. Dabei gibt es in diesem Begleitprogramm eine durchaus interessante Kooperation mit dem Tanzhaus NRW. Reut Shemesh entwickelt im Auftrag des Tanzhauses eine neue Choreografie. Unter dem Titel Witness – Zeuge – gewährte sie bereits zur Eröffnung des Impulse-Theater-Festivals Mitte Juni einen Einblick in ihre neue Arbeit. Eine Weiterentwicklung gibt es jetzt also im Foyer des Kunstpalastes. Es ist ausdrücklich nicht die endgültige Fassung, die wird irgendwann später im Tanzhaus zu sehen sein.

Das Projekt klingt trotz des englischen Titels interessant. Shemesh hat dreizehn Mädchen der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf eingeladen, sich mit ihr gemeinsam auf die Reise zu einer Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Gardetanz zu machen. Ulla Gering als Trainerin der Mädchen ist mit an Bord. Blonde Perücken, blendendweiße Zähne, gebräunte, dramatisch geschminkte Gesichter, schwarzweiße Uniformen sind die Grundausstattung der Tanzmariechen.
Die Tanzmariechen sind eine rheinländische Erfindung und verstehen sich ursprünglich als reizvolle Weiterentwicklung der Marketenderinnen, die dereinst die Soldaten im Feld mit den Dingen des täglichen Lebens versorgten. Inzwischen handelt es sich um eine Art Hochleistungssport. Wer sich entscheidet, Tanzmariechen zu werden, unterwirft sich nicht nur einem Drill, der im Konkurrenzkampf mit anderen Tanzgesellschaften notwendig wird, sondern entscheidet sich auch für ein Hobby, dessen artistische Leistungen so enorm anspruchsvoll sind, dass bereits in frühen Lebensjahren Schluss damit ist. Hinzukommt ein Leistungswettbewerb innerhalb der Truppe, der schlicht mörderisch ist. Wer kommt in die erste Reihe, wer tanzt mit dem Tanzoffizier? Das Erste Tanzmariechen in den Karnevalsgesellschaften zu werden, ist für viele Mädchen im Rheinland nach wie vor das größte Ziel. Dabei ist der Wettbewerb gnadenlos hart.
Choreografin Shemesh lebt in Köln. Da bietet es sich an, sich mit den Tanzmariechen auseinanderzusetzen, die längst um begehrte Auftritte in den Fernsehübertragungen kämpfen, um zur nötigen Geltung zu kommen. Ein Verdrängungswettbewerb. Und was so leicht wie lustig auf der Bühne aussieht, ist harte Arbeit, von der man sich als Rheinländer oft genug fragt, worin der Lustgewinn liegt, wenn man sieht, wie rasch die „Tanzeinlagen“ bei den alljährlichen Karnevalssitzungen durchgereicht werden. Ehe Shemesh kam, konnte man sich zumindest der Illusion hingeben, dass die Mädchen viel Spaß bei ihren Auftritten hätten. Das hat sich jetzt erledigt.

Wenn Shemesh selbst sagt, sie suche nach dem Verbindenden zwischen dem Garde- und zeitgenössischen Tanz, wird das aus ihrer Arbeit nicht ersichtlich. Die mutet vielmehr wie eine scharfe Kritik am sich professionalisierenden Tanzvergnügen an. Eine Spur zu stramm marschieren die dreizehn Mädel auf der Galerie des oberen Foyers im Robert-Schumann-Saal auf und anschließend hinab ins Foyer. Mit streng abgezirkelten, puppenhaften Bewegungen und maskenhaften Gesichtern, die uniform das Lächeln an- oder ausknipsen, wird der Formationstanz gezeigt. Selbst bei den üblichen Hebungen und Spagaten wird eine Diszipliniertheit zur Schau gestellt, die eher an ein Straflager als an einen karnevalistischen Spaß erinnert. Wirklich steht auch oft genug die dreizehnte Person abseits und könnte als Aufseherin verstanden werden. Simon Bauer hat dazu Karnevalsmusik variiert, die eher an maschinelle Musik oder Punk erinnert und mit ihren harten Rhythmen die Unerbittlichkeit unterstreicht. Nach einer halben Stunde hakt es wenigstens bei der Applausordnung, ehe die Formation wieder auszieht – oder besser: abmarschiert.
Die Aufführung gefällt in der handwerklichen Präzision, und selbstverständlich ist auch die Kritik Shemeshs so gerechtfertigt wie legitim, vor allem, wenn man sie als künstlerisch überhöht begreift. Zudem bekommen die Zuschauer im Foyer nur etwa die Hälfte des später zu vollendenden Werks zu sehen. Und wirklich ist es ja nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite ist nämlich zu erkennen, dass die Mitarbeit in Karnevalsgesellschaften und Tanzgarden sich – zumindest in Köln und Düsseldorf – bei der Jugend größter Beliebtheit erfreut. Gerade in den letzten Jahren sind die Mitgliederzahlen zumindest bei den großen Gesellschaften stetig angestiegen. Es muss also etwas geben, was die Jugendlichen Drill und Kosten in Kauf nehmen lässt. Möglicherweise ist es dann auch genau das, was Gardetanz und zeitgenössischen Tanz miteinander verbindet. Bis zur Uraufführung wird es Shemesh vermutlich gelingen, das noch herauszufinden, um ein ganzheitliches und damit künstlerisch wertvolles Bild zu zeichnen. Bei einem Wettbewerb übrigens wäre diese Präsentation mit Bausch und Bogen durchgefallen. Denn die Karnevalisten legen sehr viel Wert darauf, dass Freude und Leichtigkeit bei einem Auftritt nicht gespielt wirken. Ist ja schließlich Karneval.
Michael S. Zerban