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CROMFORD CLASSIC NIGHT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
5. Juli 2019
(Einmalige Aufführung)
Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford, Cromford-Park, Ratingen
1783 gründete der Wuppertaler Johann Gottfried Brügelmann am Angerbach in Ratingen die Textilfabrik Cromford und damit die erste Fabrik auf dem europäischen Kontinent. Er hatte großen wirtschaftlichen Erfolg, erbaute neben der Fabrik ein Herrenhaus und legte einen englischen Landschaftspark an. Das Unternehmen ist seit 1977 Geschichte, Fabrik und Herrenhaus sind ein Museum, das Firmengelände ist überbaut. Geblieben ist ein idyllisches Fleckchen Erde, das ziemlich versteckt liegt. Viel zu schade, um es ungenutzt zu lassen, fanden die Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford und beschlossen, ein jährliches Open-Air-Konzert zu veranstalten. Im ersten Jahr begann man mit einem Streichquartett, im nächsten Jahr war es ein Salonkonzert und heuer soll es richtig groß werden.
Als Thomas Gabrisch 2013 die Künstlerische Leitung des Konzertchors Ratingen übernahm, ging damit eine Neuerung einher. Statt wie bisher Gastorchester für die Konzerte einzuladen, gründete der Dirigent die Sinfonietta Ratingen als choreigenes Ensemble, das seither flexibel für die einzelnen Konzerterfordernisse zusammengestellt wird. Inzwischen hat Gabrischs Ehefrau, Sabine Schneider, diese Aufgabe höchst erfolgreich übernommen und sorgt für Kontinuität in der Zusammenstellung der Musiker. Gabrisch verfolgt derweil seinen Plan weiter, das Orchester nicht nur bei Auftritten des Konzertchors zusammenzurufen, sondern die Sinfonietta Ratingen als Aushängeschild der Stadt Ratingen auch bei anderen Gelegenheiten allein auftreten zu lassen. Nachdem Mitglieder der Sinfonietta bereits die ersten beiden Jahre der Cromford Classic Night bestritten hatten, wurde Gabrisch, der auch als Professor für die Opernklasse an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf arbeitet, gebeten, ein geeignetes Programm klassischer Musik zu 200 Jahren Cromforder Geschichte zusammenzustellen. Um es mit der Sinfonietta unter freiem Himmel aufzuführen.

Freier Himmel ist schon wegen der Akustik relativ. Im Cromford-Park, der unmittelbar vor dem Herrenhaus liegt, ist ein Zelt für das 32-köpfige Orchester aufgestellt, direkt davor ist ein freistehendes Zeltdach für das Publikum aufgebaut worden, das größte in Deutschland, so ist zu hören. Darunter stehen eingedeckte Tischreihen mit bequemen Stühlen. Nach einem Sektempfang nehmen dort rund 170 Gäste Platz. Der Eintrittspreis ist nicht geeignet, jugendliches Publikum anzuziehen. Allerdings gibt es weder Absperrmaßnahmen noch Sichtbehinderungen. Theoretisch könnten also Jugendliche den restlichen Park bevölkern, um, das sei schon verraten, ein herrliches Konzert zu genießen. Eine schöne Vision, wie mindestens 400 junge Menschen sich auf den Wiesen niederlassen, um der klassischen Musik ganz privilegien‑, aber kostenfrei zu lauschen. Die Vision bleibt Wunschvorstellung. Immerhin werden einige Spaziergänger verweilen.
Das Wetter könnte schöner nicht sein. Um die 23 Grad, vereinzelt ziehen ein paar Wattewölkchen unter der Sonne her, es herrscht Windstille. Der Blick fällt auf das Herrenhaus, das im goldenen Abendlicht von vergangener Größe erzählt. Nach 19 Uhr beginnt das Konzert. Die meisten Anwohner sind längst in die luxuriös erscheinenden Eigenheime zurückgekehrt, so dass auf der schmalen Straße zwischen Herrenhaus und Park so gut wie kein Verkehr mehr herrscht. Da kann der historische VW Käfer mit vier jungen Menschen, die fröhlich herüberwinken, mehr als Nostalgie denn als Störung wirken.

Nach einigen angenehm kurzen Grußworten, mit denen auch die Anwesenheit von Bürgermeister Klaus Pesch erwähnt wird, könnte nun eigentlich ein kurzweiliger und abwechslungsreicher Konzertabend beginnen. Aber die Veranstalter haben es zu gut gemeint und sich selbst ein Bein gestellt. Machen die flott vorgetragenen und kenntnisreich zusammengestellten Anmoderationen von Thomas Gabrisch noch Spaß, werden die Vorträge von Museumsleiterin Claudia Gottfried zur Cromford-Unternehmensgeschichte zunehmend zum Zeitfresser und die abgehackte Vortragsweise immer unerträglicher. Wie gut, dass es die Musik gibt.
Die Sinfonietta eröffnet mit Franz-Joseph Haydns Symphonie Nr. 81. Der erste Satz gefällt mit feinem, ja, filigranem Streichereinsatz. Gleich danach strebt das Orchester dem ersten Höhepunkt entgegen. Die Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni erklingt spannungsgeladen und flott. Und wer ein bisschen opernaffin ist, weiß, was jetzt folgen muss. Sopranistin Agnes Lipka und Bariton Tomas Kildisius, der gerade senkrecht durchstartet, treten auf, um den ewigen Opernschlager La ci darem la mano spaßig, jugendlich frisch und mit Schlusspointe zu servieren. Und der nächste Spaß wartet schon. Zurück zu Haydn muss beim ersten Satz der Militärsymphonie eine „Militärkapelle“ her. Danach gefragt, erheben sich Maxime von Koblinski, die Tochter des Paukisten, Sophie und Blanca Gabrisch aus dem Publikum, um Triangel, Pauke und Trommel zu bedienen. Ein schöner Einfall. Bis zur Pause gibt es den ersten Satz aus der zweiten Symphonie und den vierten Satz aus der vierten Symphonie von Ludwig van Beethoven, letzterer nach Ansage von Gabrisch „schnell, temperamentvoll und ruppig“. Natürlich wird von der Sinfonietta nichts „ruppig“ gespielt. Stattdessen werden die Brüche fein und sauber herausgearbeitet.

Nach der Pause arbeitet Thomas Gabrisch weiter daran, die 200-jährige Unternehmensgeschichte von Cromford mit Musik zu unterlegen. Im Jahr 1846 ging bei Cromford wieder irgendetwas schief. Man mag den gehaspelten Ausführungen von Gottlieb inzwischen nicht mehr zuhören. Und auch bei Robert Schumann lief es mit der zweiten Sinfonie anfangs nicht so gut. Umso besser, dass die Sinfonietta das Werk im Griff hat und das Scherzo rundherum gelungen spielt. Auch mit Mendelssohn-Bartholdys Notturno aus dem Sommernachtstraum läuft hier alles verträumt und rund. Ja, und dann gibt es den ganz großen Schmelz. Lipka und Kildisius kosten ihn so dermaßen aus. Aus Franz Lehárs Lustiger Witwe erklingt Lippen schweigen. Ein Geschenk für die älteren Herrschaften, die ganz ungeniert und voller Freude mitsingen, obwohl die beiden Sänger ein Genuss sind. Dass sie zum Abschluss gar das Tanzbein schwingen, entzückt auch den letzten. Da springen die ersten beim Applaus auf. Ach, ist das schön an diesem herrlichen Sommerabend. Bei Sergei Prokofjevs Symphonie classique gelingt der erste Satz mit kleinen Einstiegsschwierigkeiten. Und dass bei dem Duett Bess, you is my woman aus Porgy und Bess von George Gershwin die Stimmen der Sänger locker überdeckt werden, spielt zu dem Zeitpunkt keine Rolle mehr. Der nächste Bruch gelingt mit Dmitri Schostakowitschs Kammersymphonie, aus der der zweite Satz mit viel Fieber und Überreizung die Stimmung der 1940-er Jahre widerspiegelt. Das wird vom Orchester unter vollem Dirigenteneinsatz grandios und einspielungswürdig dargeboten, obwohl Gabrisch sich verpflichtet fühlt, vor der ungewöhnlichen Komposition zu warnen. Muss man gar nicht.
Zum Schluss des offiziellen Programms ist Penny Lane von den Beatles angekündigt. Eine Finte. Tatsächlich bekommt das Publikum die Version von Peter Breiner zu hören, der mit Beatles go Baroque gezeigt hat, dass Penny Lane sich ganz wunderbar in der barocken Spielweise anhört.
Gabrisch hat ein formidables Programm zusammengestellt, das die Sinfonietta Ratingen im Großen und Ganzen hervorragend interpretiert hat. Das Publikum goutiert das mit begeistertem Pfeifen und langanhaltendem Applaus. Die Zugabe, nur noch aus der Ferne gehört, wirkt ein wenig dünn. Aber die Vision bleibt. Dass die Jugendlichen im kommenden Jahr bei hoffentlich ähnlichem Wetter das Zelt umlagern werden, um ein vergleichbar überzeugendes Programm zu hören. Das Vergnügen der Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford wäre vermutlich ein ungleich höheres.
Michael S. Zerban