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Kinder im Fadenkreuz von Gewalt und Flucht

DAS LABYRINTH
(Jonathan Dove)

Besuch am
5. Juli 2019
(Premiere)

 

Opernhaus Wuppertal

Wenn Kinder aus Athen über das Mittelmeer geschifft werden, um dem monströsen Minotaurus im kreti­schen Labyrinth zum Fraß vorge­worfen zu werden, graust es uns angesichts solcher Horror­ge­schichten aus barba­ri­schen Zeiten. Aber sind die Mythen soviel grausamer als der heutige Alltag, wenn ertrin­kende Flücht­lings­kinder teilnahmslos in Kauf genommen werden und Helfer krimi­na­li­siert werden?

Die Verknüpfung antiker Mythen mit aktuellen Verbrechen an der Mensch­lichkeit gelingt selten so unver­krampft und überzeugend wie in Jonathan Doves Oper Das Labyrinth, die jetzt als „Community-Oper“ mit überwäl­ti­gendem Erfolg den Premie­ren­reigen des Wupper­taler Opern­hauses abschloss. Vor vier Jahren in Aix-en-Provence unter Leitung von Simon Rattle urauf­ge­führt, hat das einstündige Werk seine Tauglichkeit als Oper für „Kinder, Jugend­liche und Erwachsene“ bereits mehrfach bewiesen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In Wuppertal übernimmt man die szenische Einrichtung der franzö­si­schen Urauf­führung durch die Regis­seurin Marie-Eve Signeyrole, besetzt jedoch alle Rollen mit Kräften aus Wuppertal und der Region. Damit tummeln sich an die 270 Mitwir­kenden auf und vor der Bühne. Den Löwen­anteil nimmt der Chor ein, bei dem die Profis des Opern­hauses durch einen eigens erstellten Projektchor mit Laien­sängern von ganz jung bis ziemlich alt verstärkt werden. Beteiligt sind auch verschiedene Chöre aus Schulen und Vereinen. Und das Wupper­taler Sinfo­nie­or­chester erhält tatkräftige Unter­stützung, nicht nur an den Schlag­in­stru­menten, durch Schüler der Bergi­schen Musikschule.

Anderthalb Jahre wurde an dem Projekt unter der Leitung des Wupper­taler Chordi­rektors Markus Baisch gearbeitet. Eine lange Zeitspanne, die aber auch nötig war, denn Jonathan Dove hat eine suggestive, spiel- und singbare, aber durchaus anspruchs­volle Partitur erarbeitet, die vor allem den Laien einiges abver­langt. Dass am Premie­ren­abend alles reibungslos ablief, verdient Beachtung.

Foto © Claudia Scheer van Erp

Die Handlung stellt das Schicksal der Athener Kinder ins Zentrum, die der Rache des kreti­schen Königs Minos zum Opfer fallen und vom Minotaurus gefressen werden sollen. Theseus begleitet die Kinder ins Labyrinth, tötet das Monster und führt sie, geleitet von Dädalus, dem Archi­tekten des Labyrinths, in die Freiheit, in der sie aber noch die gefahr­volle Rückreise nach Athen erwartet. Eine Reise, die durch Dokumen­tar­ein­blen­dungen realer Boots­flücht­linge in diesem Fall angemessen illus­triert wird. Die Geschichte geht in der Oper glücklich aus. Getragen von der Zuver­sicht der Kinder, die die Bedenken der Erwach­senen, etwa der Mutter Theseus‘, zerstreuen. Und mit entwaffnend dynami­scher Überzeugung singen und spielen vor allem die jungen Chormit­glieder ihre Rolle aus. Dafür konzen­triert sich die Regis­seurin Marie-Eve Signeyrole auf eine genaue Choreo­grafie der Chormassen. Die Sänger sind ständig in Bewegung und entwi­ckeln eine unter die Haut gehende Dynamik. Optisch proji­ziert eine Live-Kamera Video-Sequenzen einzelner Darsteller auf eine Leinwand, wodurch auch die gefähr­liche Wanderung ins Innere des Labyrinths nachvoll­ziehbar wird. Eine prakti­kable, in der Umsetzung mit fast 200 Choristen jedoch nicht einfache Aufgabe.

Musika­lisch hält Markus Baisch die Fäden sicher in Händen. Doves plastische, jedoch alles andere als plakative Musik steht auf der Höhe der Zeit, orien­tiert sich aber stets am Emoti­ons­gehalt der Handlung. Eine gelungene Synthese von Bühnen­in­stinkt und zeitge­mäßen Ausdrucks­mitteln. Der Übermacht des Chores stehen vier Solisten gegenüber, deren Rollen Voll-Profis erfordern. An der Spitze glänzt der Tenor Martin Koch als Theseus, der die teilweise halsbre­che­ri­schen Anfor­de­rungen der Partie mühelos erfüllt. Eindringlich gelingt Belinda Williams die Klage der Mutter des Theseus, Sebastian Campione steuert mit sonorer Tiefe einen verzwei­felten Dädalus bei und Gregor Henze wütet als rachsüch­tiger König Minos.

Der Beifall des Premie­ren­pu­blikums will schier keine Ende nehmen. Schade, dass diese Glanz­leistung am Ende der Saison nur noch zwei Mal gezeigt werden kann.

Pedro Obiera

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