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YOUNG MOVES
(Brice Asnar, Helen Clare Kinney, Michael Foster, So-Yeon Kim)
Besuch am
9. Juli 2019
(Premiere am 5. Juli 2019)
Ballett der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Opernhaus Düsseldorf
Junge Bewegungen nennt das Ballett der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg ein vergleichsweise neues Format, bei dem Arbeiten von Nachwuchschoreografen aus den eigenen Reihen auf der großen Bühne gezeigt werden. Und damit nicht so auffällt, wie nichtssagend und fantasielos der Begriff ist, wird er kurzerhand ins Englische übersetzt. Young Moves klingt schick und wird dann auch nicht von so vielen verstanden. Um die Verwirrung fortzusetzen, findet Young Moves „im Rahmen der Plattform Choreographie Young Moves“ statt. Der liederliche Umgang mit der deutschen Sprache findet sich dann auch im Programmheft wieder, wo man von „Choreograph*innen“ lesen kann. Dieses Wort, offenbar eine Eigenerfindung des Hauses, gibt es nicht. Die „Choreographie“ existiert seit gefühlten sechs Rechtschreibreformen nicht mehr, wird im Duden nur noch als historischer Begriff geführt, und Sternchen kommen in der deutschen Sprache nach geltenden Regeln nicht vor. Wenn Kulturinstitutionen in vorauseilendem Gehorsam scheinbar politisch korrekt sein wollen, erfüllt das historisch informierte Deutsche mit größtem Misstrauen. Aber die können der Rheinoper ja fernbleiben.
Oder manchmal eben auch nicht. Denn natürlich möchte man erfahren, was dabei herauskommt, wenn die Tänzer des „Balletts am Rhein“ – gemeint ist damit das Ballett der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg – sich als Choreografen versuchen. Schließlich können sie hier unter Produktionsbedingungen arbeiten, von denen Choreografen der so genannten Freien Szene nur träumen können. Entsteht unter solchen Bedingungen Größeres? Remus Şucheanã, Ballettdirektor, sieht darin jedenfalls „Neuland für uns alle“.
Vier Tänzer dürfen im vierten Durchgang der Young Moves ihre Arbeiten präsentieren: Brice Asnar, Helen Clare Kinney, Michael Foster und So-Yeon Kim. Asnar und Kinney treten zum ersten Mal an, Foster und Kim sind bereits zum dritten Mal dabei. Dass die Choreografien ausnahmslos englische Titel tragen, wird hier nicht mehr erörtert, dass der Saal im Opernhaus Düsseldorf zur zweiten Aufführung nur noch zur Hälfte gefüllt ist, auch nicht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Asnar hat seine Choreografie mit As It Leaves … überschrieben, was man mit Wenn es verschwindet übersetzen könnte. Der Tänzer mit jahrelanger Erfahrung an verschiedenen Häusern und unter bekannten Choreografen setzt sich damit auseinander, wie es sich anfühlt, wenn einem liebgewonnene Personen oder Dinge abhandenkommen. Sein gerade mal 15-minütiges Debüt überzeugt. 19 blinde oder vermummte Gestalten scheinen auf der Bühne zu stehen, wenn der Vorhang sich hebt. 18 davon entschwinden in den Himmel, die 19. streift ihr T‑Shirt vom Kopf und beginnt zu tanzen. Daniel Vizcayo gesellt sich zu Wun Sze Chan, um ein Pas de deux zu gestalten, das vor Kraft und Einfallsreichtum strotzt. Zur Musik When the Party’s Over von Billie Elish, Looped von Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen und Palemate von Slow Meadow, erster ein gesungener Titel, letztere eher elektronisch geprägt, wiegen sich die Tänzer mit schreienden Gesichtern durch ihre Beziehungskämpfe. Gleichberechtigt zeigen sie ein zeitgenössisches Bewegungsmaterial, wie man es im Tanzhaus NRW kaum besser findet. Die schwarzgrauen Kostüme unterstreichen die Tristesse. Ein Wermutstropfen, der sich durch drei Viertel des Abends zieht, ist das Licht von Thomas Diek. Zwar gelingen Diek gerade in As It Leaves … einige beeindruckende Effekte, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er lieber mehr versteckt als zu zeigen. Das ist, positiv ausgedrückt, old school, die die Dramatik in der Dunkelheit sieht. Asnar hat darunter insofern zu leiden, als die Mimik der Tänzer, die für das Stück wichtig ist, in Reihe fünf des Saals nicht mehr erkennbar wird. Dem Publikum gefällt der Einstand trotzdem, und Asnar darf sich über lauten Jubel freuen.

Erheblich diskussionsfreudiger zeigt sich die ebenfalls 15-minütige Arbeit von Helen Clare Kinney mit dem Titel Unqualified, also unqualifiziert. Selbstverständlich sind die Tänzer des Rheinballetts hochqualifiziert, aber empfinden sie das auch, wenn sie im oft quälenden künstlerischen Arbeitsprozess bei der Entwicklung eines neuen Stücks an ihre Grenzen gehen? Zweifel, Selbstzweifel gehören dazu. Das kennt Kinney alles nur allzu gut. Sie lässt sich davon aber nicht ins Bockshorn jagen, sondern probiert sich aus. Das kommt nicht bei allen Besuchern gut an, ist aber mutig. Die Kostüme von Rike Droescher und Sabrina Podemski wirken eher, als seien sie einer Modeschule entsprungen, interessiert aber genauso wenig. Die Landschaftsprojektionen im Hintergrund von Bergen und Wäldern wie von einer Sanddüne unterstreichen die Fantasiefreude der Choreografin. Als Musik hat sie Couch Cushion von Homeshake, Hymn Eala von Tonstartssbandht, Pari Intervalla für Orgel von Arvo Pärt und eine Soundcollage ausgewählt. Ihr Versuch, Sprache mit Tanz zu verbinden, scheitert am gewählten Beispiel. Die Geschichte des schwedischen Möbelhauses mit den 86 Schrauben bleibt ohne Pointe und ist so abgenutzt, dass man sich hier weniger Schleichwerbung, stattdessen eine andere Profanität gewünscht hätte. Dass die Tänzer sich währenddessen im Posing üben, sorgt statt für Originalität für Langeweile. Auch im Timing hapert es. Aber kein Grund zur Sorge. Die Besucher haben hier eine Menge Ansätze gesehen, die dafür sprechen, dass man von Kinney in Zukunft noch viel erwarten darf.
Mit Opus 29 lässt Michael Foster Die Toteninsel Opus 29 von Sergej Rachmaninow vertanzen. 25 Minuten lang gibt es dramatische Musik vom Feinsten, wenn auch nur über die Lautsprecher. Im Hintergrund hängen in der Höhe acht weiße Platten, die sich verschieben und gegenläufig zu einer weißen Wand verhalten, die zwischenzeitlich nach oben steigt. Wenn man will, kann man darin eine Abstraktion des Gemäldes von Arnold Böcklin erkennen. Davor treten neun Tänzer in den Alltagskostümen von Hélène Vergnes auf. Sie zeigen viel Rücken, aber auch Spitzentanz und schöne Hebungen. Den Höhepunkt des Abends bildet ein traumhaft schön getanztes Solo von Doris Becker. Allein dafür hat sich der gesamte Abend gelohnt. Und wäre die Aufführung damit beendet gewesen, hätte man sich schwelgend und ohne Murren nach Hause begeben können. Aber Foster belässt es nicht dabei, sondern bricht die sehr gelungene Mischung aus klassischen Elementen und zeitgenössischer Sprache, indem er das Saallicht einschalten lässt. Die Tänzer stellen sich in Reih und Glied an die Rampe und starren ins Publikum. Möglicherweise, um die Beziehung zwischen Darstellern und Publikum zu erforschen. Das war Fosters Grundidee. Anschließend setzen sich acht Tänzer mit dem Rücken zum Publikum an die Rampe und versperren damit die Sicht auf Aleksandra Liashenko, die ein kurzes Solo präsentiert. Dieser Einfall ist so überflüssig wie der Pas de deux der beiden Herren, der etliche Hebungen eher unprätentiös beinhaltet.

Die Idee des gleichgeschlechtlichen Paartanzes vertieft So-Yeon Kim in ihren Rococo Variations, einer etwa 20-minütigen Aufführung, mit der Freunde des klassischen Balletts voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Hier lässt sich der englische Titel sogar rechtfertigen, formen die sechs Tänzer das Wort gleich zu Beginn der Darstellung körperlich als Scherenschnitt. Und das ist sogar gut erkennbar, denn Diek lässt in dieser Choreografie eine Grundbeleuchtung zu. Kim hat zudem eine blau erleuchtete Rückwand gewählt, vor der ein Kronleuchter in den Vordergrund rückt. Zu den Variationen über ein Rokoko-Thema op. 33 für Violoncello und Orchester von Peter Tschaikowsky gibt es klassisches Ballett vom Feinsten, technisch mit höchster Präzision dargeboten, choreografisch höchst einfallsreich und mit der nötigen Freude am höfischen Tanz versehen. Die Kostüme von Irene Vaqueiro im klassischen Schnitt mit Tütü, aber in modernen Farben unterstreichen die Wirkung. Der Pas de deux von Mann und Mann respektive Frau mit Frau mag künstlerisch wertvoll sein, weil er Sehgewohnheiten bricht. Ein ästhetischer Gewinn ist darin nicht erkennbar. Kontrast gegen Gleichförmigkeit einzuwechseln, war noch nie ein guter Tausch. Allerdings schadet es dem positiven Gesamteindruck auch nicht.
Die Begeisterung des Publikums ist groß. Zu Recht. An diesem Abend gibt es viel Neues zu entdecken. Der Einfallsreichtum und die Leidenschaft des Nachwuchses lassen für die Zukunft des Tanzes viel Gutes erhoffen. Fehlende Berührungsängste zwischen Ballett und zeitgenössischem Tanz sprechen für eine gesunde Weiterentwicklung. Da darf man sich auf einen fünften Durchgang der „jungen Bewegungen“ freuen, die bis dahin vielleicht auch in den Köpfen der heutigen Nichtbesucher stattfinden.
Michael S. Zerban