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Foto © Karl Forster

Von der traurigen zur armseligen Gestalt

DON QUICHOTTE
(Jules Massenet)

Besuch am
18. Juli 2019
(Premiere)

 

Bregenzer Festspiele, Festspielhaus

Sie ist vielleicht Jules Massenets persön­lichste, aber beileibe nicht beste Oper: Don Quichotte, die letzte seiner 27 Opern, die 1910 ein Jahr vor seinem Tod in Monte Carlo  mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben wurde. Mit Massenets eher leisem „Schwa­nen­gesang“ setzen die Bregenzer Festspiele, wie in jedem Jahr, einen scharfen Kontra­punkt zum bühnen­wirk­samen Spektakel auf der Seebühne.

Mit Cervantes‘ vielschich­tigem Roman hat das schwache Libretto aller­dings kaum mehr als die Haupt­fi­guren und einige Handlungs­fetzen gemein. Im Gegenteil: Mit der Umdeutung wichtiger Figuren, vor allem die der Dulcinée, geht die Oper eigene Wege. Dulcinée ist bei Massenet nicht die tumbe Bauernmagd, die der Titelheld in seiner Fantasie zur angebe­teten Göttin erhöht, sondern eine heiß begehrte Dorfschönheit, der Don Quichotte verspricht, ihr eine gestohlene Perlen­kette wieder­zu­bringen. Er zieht aus, entreißt den Räubern die Kette, wird aller­dings enttäuscht, als sich Dulcinée weigert, ihn aus Dank zu heiraten. Einsam und verbittert stirbt er.

Mariame Clément, eifrige feminis­tische Strei­terin auf der Suche nach einer „neuen Männlichkeit“, sieht in dem Stück die Chance, einge­fahrene Rollen­kli­schees unter dem Aspekt der „MeToo“-Kampagne zu hinter­fragen. Dafür reicht das Werk allein freilich nicht aus. Bevor Daniel Cohen den Taktstock erhebt, kann sich das verblüffte Publikum erst einmal an einem skurrilen Werbeclip für Rasier­klingen erfreuen, der zwei „Zuschauer“ zu einem insze­nierten Disput um männliche Eigen­schaften heraus­fordert. Der wird freilich so hektisch geführt, dass nur wenig zu verstehen ist und eine Verbindung zum Stück ohnehin nicht wirklich schlüssig herge­stellt werden kann.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Bereits die harmlose Tatsache, dass die Männer des Dorfes die schöne Dulcinée umschwärmen, berührt für Clément schon anrüchige Tabus. Aller­dings bewegt sich in den Bühnen­bildern von Julia Hansen hier alles noch in roman­tisch verklärten Bildern wie aus einem Bilderbuch aus alten Zeiten. Die lose Anbindung des Librettos an Cervantes‘ Vorlage unter­streicht die Regis­seurin durch eine extrem zersplit­terte Gestaltung der Szenen­folge. Wenn sich Don Quichotte und sein Kumpan Sancho Pansa aufmachen, um die Halskette zurück­ge­winnen, landen sie zunächst in einem kühlen, modernen Hotel­zimmer, in dem der Ritter gegen die Mühlräder eines Venti­lators ankämpft. Den Räubern begegnet er im Superman-Kostüm in einer Drogen­höhle, bevor er seiner Angebe­teten in einem Großraumbüro das Schmuck­stück überreichen kann. Klar, dass sich die attraktive Schreib­kraft Dulcinée an der Kaffee­ma­schine allen Klischees männlicher Anmache-Tricks erwehren muss. Der zurück­ge­wiesene Ritter darf am Ende in einer stili­sierten Waldland­schaft sterben.

Foto © Karl Forster

Die „MeToo“-Anspielungen lassen sich in Bezug auf das vermeintlich männliche Verhalten der Dorfbur­schen wenigstens teilweise recht­fer­tigen. Don Quichotte, dem „Helden“ der Oper, geht es jedoch bei Massenet ganz unver­blümt und altmo­disch um die „echte Liebe“. Dazu passt ganz und gar nicht die proble­ma­tische Schrumpfkur vom Ritter der „traurigen“ zur „armse­ligen“ Gestalt, wenn Clément den „Helden“ wie einen schlaffen Pantof­fel­helden in einen Mega-biederen Pollunder steckt, um die Freiheits­liebe der stark ge‑, wenn nicht überzeich­neten Dulcinée noch zu unter­streichen. Ist das der „Weg zu einer neuen Männlichkeit“, wie die Regis­seurin es nennt? Oder nicht eher eine imaginäre Kastration auf offener Bühne?

Von der aggres­siven Hektik des Vorspiels lässt sich der Dirigent Daniel Cohen zunächst zu einem recht derben Umgang mit Massenets Musik verleiten, findet im Laufe des Abends jedoch mit den Wiener Sympho­nikern zu erheblich diffe­ren­zier­teren Tönen. Schade, dass Gábor Bretz in der anspruchs­vollen Titel­rolle angesichts der fragwür­digen Insze­nierung wenig Chancen hat, die innere Größe der Figur voll auszu­spielen. Gesanglich bereitet ihm die Rolle keine Probleme. Ebenso wenig wie David Stout in der von Massenet erheblich aufge­wer­teten Partie des Sancho Pansa. Mit noch mächti­gerer Stimme als sein adeliger Herr gelingt ihm eine Rollen­studie von bestri­ckender Eindring­lichkeit. Und Anna Gorya­chova erobert mit ihrem volumi­nösen, sinnlichen Mezzo als Dulcinée nicht nur die Herzen der Dorfbur­schen, sondern im Handum­drehen auch die des Publikums. Wie immer in Bregenz wird auch bei der Besetzung der kleineren Rollen auf einen hohen Standard geachtet, so dass die Produktion musika­lisch erheblich schlüs­siger wirkt als szenisch.

Viel Beifall für alle Beteiligten.

Pedro Obiera

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