O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
ABGESÄNGE
(Theresa Hupp, Gwendolin Lamping)
Besuch am
23. Juli 2019
(Premiere)
Genreübergreifend: Das ist eines der ganz großen Zauberwörter in der Theaterwelt. Kaum jemand, der das nicht mindestens grundsätzlich anstrebt. Regisseure stellen Opernsängern schon mal Balletttänzer zur Seite, um die großartige, spartenübergreifende Zusammenarbeit im Theater hervorzustreichen. Und dann gibt es Menschen, die entwickeln Konzepte, schreiben – bisweilen poetische – Texte, finden die rechte Musik dazu, erschaffen Kostüme und Bühnenbilder, tanzen selbstgefundene Choreografien, singen und sprechen … und nennen das Ganze dann kurzerhand Tanztheater. Zwei von ihnen heißen Theresa Hupp und Gwendolin Lamping. Als die beiden zusammentrafen, um ein solches Werk zu kreieren, erklärten sie, dass es das letzte Stück gemeinsamer Arbeit sei. Das war anlässlich einer Kurzresidenz im Kölner Theater der Keller, und es entstand Abgesänge, ein etwa einstündiges Werk, das am 2. Februar vergangenen Jahres eben dort uraufgeführt wurde.
Die Vermutung, es könne sich um das letzte gemeinsame Stück gehandelt haben, trifft allzu oft in der so genannten Freien Szene zu. Schließlich werden dort nur Erstaufführungen gefördert. Und wenn es dann keine Gastspiele respektive Einladungen gibt, werden die Stücke an den Orten der Kooperationspartner, so ist es ja inzwischen gängige Praxis, abgespielt, ehe sie wieder in der Schublade verschwinden, um nur schnell genug das nächste Stück zu zaubern, das wieder gefördert werden kann. Das nennt man Vielfalt fördern und Repertoire vermeiden, auch wenn das Repertoire das Gedächtnis der Theaterwelt ist. So wäre es möglicherweise auch Hupp und Lamping gegangen, hätten sie nicht bei ihren Proben im Quartier am Hafen Jens Kuklik kennengelernt, der vor diesem Künstlerquartier ein Theaterzelt, das Atelier mobile, aufgebaut hat. Noch bis zum kommenden Frühjahr ist das bewegliche Theater am Poller Kirchweg in Köln aufgebaut, dann müssen voraussichtlich neue Standorte gefunden werden. Nachdem Kuklik die Proben gesehen hat, lädt er das Duo ein, im Theaterzelt aufzutreten.
Und niemand hätte es Hupp&Lamping verübelt, wenn sie diese Aufführung abgesagt hätten. Denn inzwischen ist nicht nur Lamping hochschwanger, sondern das Thermometer verkündet in den Abendstunden dieses Tages satte 36 °C. Aber die beiden Künstlerinnen ficht das nicht an. Das Zelt weist noch verhältnismäßig moderate Temperaturen auf, also etwa 36 °C, was sich erst durch den Einsatz der Scheinwerfer maßgeblich ändern wird.

Mit der Einspielung von West Lawn Dirge der Eureka Brass Band betreten die in schwarze Overalls gekleideten Künstlerinnen die Bühne, um ein Theaterstück aufzuführen, wie man es sich schöner nicht wünschen könnte. Bühne und Kostüme hat das Duo selbst entworfen, für das eindrucksvolle Licht haben Jens Kuklik und Tim Borner noch bis zum letzten Moment gesorgt. Mutig minimalistisch ist die Bühne ausgestattet. Auf der schwarz verkleideten Bühne finden ein paar Acryl-Stühle, ein Mikrofon, ein Acryl-Tisch mit ein paar Origami-Figuren Platz. Und damit muss es reichen. Die Overalls werden zwischenzeitlich abgelegt, darunter kommen enganliegende, figurbetonte, glänzende Stoffe zum Einsatz. Über die Auswahl der Kostüme zeigt sich Hupp im Nachhinein beglückt, schließlich hätten sie „mitwachsen“ können.
Aber eigentlich ist die Bekleidung vollkommen nachrangig. Schließlich beeindrucken die Künstlerinnen durch Auftritt und Dialog. Immer wieder sorgt Lamping für wohlmeinende Heiterkeit, wenn sie mit ihrem inzwischen ausladenden Bauch die Annäherung an Hupp sucht. Da wird der Tanz zu Dmitri Schostakowitschs Walzer Nummer zwei ein echtes Erlebnis. Zwischendurch wird geredet und gesungen. Philosophisches, Selbsterkennendes und Lakonisches findet seinen Weg über das Mikrofon. Am eindrucksvollsten ist vielleicht der Vortrag Lampings über die Relativierung der ich-bezogenen Meinungsbildung angesichts weltbewegender Ereignisse.

Hupp ist diejenige, die sich dem Schwanengesang aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns mit nahezu vollendeter Kunstfertigkeit widmet. Ihr Kostüm in Form eines Tütü und eines Schwanenhalses zeigt, dass es aber nicht gar so ernst gemeint ist mit der Aufführung – und der geknickte Spagat am Ende des Tanzes tut sein Übriges dazu. Humor, Poesie, Selbsterkenntnis und eine gesunde Portion körperlicher Ertüchtigung gerinnen zu einem unvergesslichen, appetitlichen Abend, der die zum Leben erforderliche Melancholie wohldosiert hinzufügt.
Eine großartige Vorstellung, die die Zuschauer zu langanhaltendem Applaus beflügelt. Zu den Klängen von Béla Reinitz‘ Wenn das Eisen mich mäht verabschieden die beiden Künstlerinnen sich viel zu schnell von der Bühne. Nach der Aufführung läuft niemand weg. Stattdessen setzt man sich vor dem Zelt zusammen, um noch miteinander zu reden, obwohl niemand dazu aufgefordert hat. Über irgendwas. Denn das Leben geht weiter. Man fühlt sich nach diesen Abgesängen nur ein wenig leichter.
Am 23. Oktober wird man in der Orangerie in Köln eine neue Uraufführung erleben dürfen. Dann wird man Theresa Hupp in Mint Condition sehen, einer Hommage an Gertrude Stein, die aus ihren Texten über Geld zitiert. Unbedingt hingehen.
Michael S. Zerban