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Foto © Verbier-Festival

Mit jugendlicher Frische

FRAU OHNE SCHATTEN
(Richard Strauss)

Besuch am
22. Juli 2019
(Premiere)

 

Verbier-Festival, Salle des Combins

Zum 100. Mal jährt sich die Urauf­führung der Oper Frau ohne Schatten von Richard Strauss dieses Jahr. Die märchen­hafte Geschichte über das Schicksal des Kaisers zu seiner myste­riösen Geliebten, der Tochter des Geister­gottes Keikobad, die, von einem Falken aufge­spührt, einer Gazelle entsprang und als mensch­liches Lebewesen keinen Schatten wirft, verpackte Hugo von Hofmannsthal in ein roman­ti­sches, humanis­ti­sches Opern­li­bretto, eine Psycho­analyse über Liebe, Frucht­barkeit, Opfer und Erlösung. Richard Strauss gibt dem Wechsel­spiel der Gefühle und Charaktere einen ausge­feilten weit ausge­stal­teten Strauß an Melodien, Harmonien in diffe­ren­zierter Rhythmik. Die Anfor­de­rungen an die Sänger und das Orchester sind groß. Für einen Klang­körper wie das Verbier-Festival-Orchester, das ausschließlich aus jungen Künstlern besteht, die nur eine gewisse Zeit im Orchester verbleiben, eine besondere Heraus­for­derung. Valery Gergiev widmet sich vermehrt den grossen deutschen Opern­kom­po­nisten Richard Wagner und Richard Strauss und nutzt diesen Jahrestag, um sich mit dem Orchester dieser Heraus­for­derung zu stellen.

Foto © Verbier-Festival

Nahezu ausver­kauft ist der Salle des Combins, ein großes Veran­stal­tungszelt, das dem Festival als Konzertsaal dient und am Ende wieder abgebaut wird. Die Orches­ter­bühne ist eng bestuhlt, um das große Orchester und die Solisten, die an der linken Seite, hinter den ersten Violinen Platz finden, für diese konzer­tante Aufführung aufzu­nehmen. Akustisch ist der Saal in dieser großen Besetzung schwer zu bespielen, für die Sänger zusätzlich eine Aufgabe, sich gegenüber dem Orchester zu positio­nieren. Gergiev legt viel Augenmerk auf die Ausge­staltung des Orches­ter­parts. Kammer­mu­si­ka­lisch über weite Strecken angelegt, lässt er die Instru­men­ten­gruppen mit Rücksicht und Vorsicht spielen. Den kunst­vollen elegi­schen Instru­men­tensoli, besonders von Cello und Violine, lässt er viel Raum und Wirkung. Die monumen­talen, expres­sio­nis­tisch gefärbten Tutti werden immer wieder zu drama­ti­schen Ausbrüchen, die ihre Wirkung nicht verfehlen.

Das prominent angekün­digte Sänger­ensemble muss kurz vor der Aufführung einige Absagen hinnehmen. Nina Stemme wird von Miina Liisa Värelä als Färberin ersetzt. Die 36-Jährige feierte vor kurzem einen großen Erfolg als Elektra am Landes­theater Linz. Ihre klare Höhe ohne Schärfe beein­druckt, ebenso die Wucht ihrer Stimme, die sie versteht, farben­reich zu bändigen. Sprünge und Läufe werden wie auch die Wortver­ständ­lichkeit ab und an ungenau. John Lundgren übernimmt den Part des Färbers von Mathias Goerne. Auf das deutsche Fach ausge­richtet, wirkt er auch im äußeren Erschei­nungsbild drama­tisch und sehr präsent. Gekonnt verteilt er seine Kräfte und bleibt bis zu seinem Abschluss­jubel sicher und ausba­lan­ciert. Auch mit lyrischen, wohlge­formten Melodie­bögen weiß er sich gegenüber dem Orchester zu behaupten. Die Stimme von Emily Magee wiegt schwer und für die Kaiserin zu gealtert mit wenig Strahl­kraft. Evelyn Herlitzius zeigt viel Ausdrucks­kraft und Farbe als Amme, kämpft aber gegenüber dem mächtigem Orches­ter­klang und verliert dabei an Verständ­lichkeit. Gerhard Siegel springt kurzfristig für Bogdan Jovanovich als Kaiser ein. Sein Tenor steigt nur schwer­fällig in die Höhe, die gepresst wirkt und wenig schillert. Bogdan Baciu liefert als Geisterbote elegante magische Botschaften mit seiner jugendlich frei klingenden Stimme. Auch die Neben­rollen sind durch­gängig gut besetzt, und es gelingt eine Präsen­tation dieses anspruchs­vollen Werks auf höchstem Niveau. Das Publikum ist begeistert und bedankt sich mit viel Beifall.

Helmut Pitsch

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