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MEROPE
(Riccardo Broschi)
Besuch am
7. August 2019
(Premiere)
Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Tiroler Landestheater
Sie dauert durch die ausgedehnten Balletteinlagen und die umfangreichen dreiteiligen Da-capo-Arien, die wieder rekonstruierte Oper Merope von Riccardo Broschi, dem Bruder des weitaus berühmteren Sängers Farinelli, 1737 zum letzten Mal aufgeführt. Nun feiert sie bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im Tiroler Landestheater eine erstaunliche Erweckung dank Alessandro De Marchi. Allerdings erfordert sie viel Sitzfleisch.
Die Frage ist nur, ob die langen Ballettszenen nötig sind. Denn sie tragen nichts zum Verständnis der Handlung bei. Sichtbar wird das vor allem beim „Maskenball“ am Ende des zweiten Akts, als commedia-dell’arte-Figuren als hungrige Mäuse eine Schinkenkeule pantomimisch anknabbern und mit einer Kette aus Würsten spielen. Solche „Harlekinaden“ waren in der Barockzeit zum reinen Amüsement gedacht; heutzutage aber sinkt der Unterhaltungswert bei dem schon etwas ermüdeten Publikum ziemlich. In der barocken Aufführungspraxis aber war ein längerer Tanz nach jedem Akt obligatorisch. Da aber die Komponisten von Tänzen geringer als die von Opern geschätzt wurden, holte man sich Spezialisten für Ballettmusik. Auch De Marchi bedient sich in der Merope anderer Meister, so Jean-Marie Leclair für das Ende des ersten und dritten Akts, für den Tanz am Schluss des zweiten Akts der Musik von Carlo Alessio Rasetti, allesamt Zeitgenossen von Broschi. Hübsch klingen solche „Zutaten“ ja schon, aber sie halten auf und sind vom Gang des Geschehens her eigentlich entbehrlich.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Und das Libretto von Apostolo Zeno weist ohnedies einige logische Ungereimtheiten auf. Denn warum leugnet Argia hartnäckig gegenüber Merope, dass der vermeintliche Cleonte identisch ist mit ihrem lang ersehnten Sohn Epitede, obwohl sie es eigentlich besser weiß, und gefährdet damit sein Leben? Oder dass Minister Trasimede irgendwie doch noch den Königssohn erkennt und ihn entgegen dem Befehl der Königin nicht tötet? Die eigentlich spannende Handlung orientiert sich an einer Episode aus der griechischen Mythologie: Merope, Königin in Messenien, ist die Witwe des Herrschers aus dem Geschlecht der Herakliden, ihr Gemahl und zwei ihrer Kinder wurden von Polifonte ermordet, nur ihr Sohn Epitede überlebte als Gefangener in Ätolien, wo er sich in die dortige Königstochter Argia verliebte, die von Polifonte entführt wurde, um die Auslieferung des Epitede zu erzwingen. Hier setzt die Oper ein: Epitede ist unter dem Namen Cleonte in die Heimat zurückgekehrt, erlegt einen wilden Eber und soll als Belohnung die gefangene Prinzessin heiraten, die sich, als sie ihn wiedererkennt, ihrer beiderseitiger Liebe freut. Weil aber Polifonte behauptet, Cleonte habe Epitede ermordet, will Merope ihn töten lassen. Als der von Polifonte gedungene Meuchelmörder Anassandro durch seine Hinrichtung zum Schweigen gebracht werden soll, gesteht er, um seinen Kopf zu retten, die Wahrheit über die verbrecherischen Pläne des machtgierigen Herrschers, der auch Merope durch falsche Anschuldigungen aus dem Weg räumen will. Nur sie wird nicht informiert über die Identität des Cleonte, will ihn töten lassen. Im letzten Moment aber klären sich alle Intrigen: Der böse Polifonte wird in den Tod, der geständige Auftragskiller Anassandro aber ins Exil geschickt, und einer glücklichen Beziehung zwischen Epitede und Argia steht nichts mehr im Wege. Wie aber steht es um Merope und den in sie verliebten Trasimede? Sie werden wohl, geschuldet den Standeshierarchien, sich weiterhin aus der Ferne anschmachten müssen, denn Merope beharrt auf ihrer „Tugend“.
Aus heutiger Lesart erscheint das etwas seltsam. Die Oper selbst aber wirkt eindrucksvoll durch ihre wunderbare Musik und in der Innsbrucker Aufführung auch durch ihre optische „Exotik“. Denn die Inszenierung von Sigrid T’Hooft belässt im Zusammenspiel mit dem Ausstatter Stephan Dietrich das Werk in seiner Entstehungszeit 1732. Ein fiktives Geschehen zur höfischen Unterhaltung spielt sich hier ab, ganz im Stil des Barock, in üppigen, weit ausladenden, schimmernden Kostümen, die am schnellen Agieren hindern, mit Federbüschen oder Helmen auf dem Haupt; und durch die reduzierte Beleuchtung, die das Kerzenlicht im Barocktheater nachahmen soll, sind die Darsteller gezwungen, meist vorne positioniert oder seitlich gedreht sich in sparsamer, symbolhafter Gestik zu bewegen; Singen nach hinten oder rasches Reagieren sind nach den Regeln des frühen 18. Jahrhunderts verpönt. Alles findet statt unter Kronleuchtern, entweder auf dem Platz vor einem Palast mit Säulen oder im Inneren eines prunkvollen Saales, der durch die Scheinperspektive etwa an Theaterarchitektur wie in Vicenza erinnert. Im Vordergrund steht laut Regie „das bildhafte Schönheitsideal“; oft vermeint der Zuschauer, auf ein altes Gemälde zu blicken.

Das Entscheidende bei der Rekonstruktion der Merope durch Alessandro De Marchi aber ist das Aufblühen der Musik von Broschi, dem „Meister der neapolitanischen Oper mit einem besonderen Feingefühl für langsame Arien“. De Marchi hat die Oper neu eingerichtet, vieles ergänzt, und für sein groß besetztes, neu gebildetes Festivalorchester erweitert. Denn es existieren von ihr nur eine lückenhafte Partitur und nach der damaligen Tradition die Überlieferung einer sparsamen Orchestrierung. Jeder Aufführungsort erforderte eben eine andere Instrumentierung; von Fall zu Fall wurde das von Kopisten notiert. Warum aber die Oper Merope bald in Vergessenheit geriet, mag vielleicht auch damit zusammenhängen, dass Riccardo Broschi seinem berühmten Bruder Carlo, dem virtuosen Kastraten Farinelli, die unglaublich schwierige Partie des Epitede in die geläufige Kehle geschrieben hatte, und kaum jemand das singen konnte. Die Qualität der Musik ist sicher nicht der Grund, im Gegenteil. Denn Broschi komponierte höchst melodiöse Arien, charakterisierte damit die Rollen ganz individuell und ließ besonders in der Partie des Epitede seiner schöpferischen Fantasie freien Lauf. Für diesen gibt es sehr „empfindsame“ Arien, mit weiten Linien, in die der Sänger nach Belieben Variationen oder Färbungen einfügen konnte, heutzutage aber wegen des riesigen Stimmumfangs, den Farinelli einst beherrschte, und wegen der bravourösen Verzierungen von einem Countertenor kaum zu bewältigen. De Marchi hat für Innsbruck passende Besetzungen ausgewählt: Den Bösewicht Polifonte singt ein reifer Tenor, den Minister Trasimede, ursprünglich eine Kastraten-Partie, eine Mezzosopranistin, und die Titelrolle der Merope eine lyrische Vertreterin dieses Fachs. Die männlichen „Nebenrollen“ werden im Gegensatz zur Uraufführung diesmal von Countertenören gestaltet. Da aber De Marchi ein glühender Verfechter des Authentischen ist, werden bei ihm auch alle Da-capo-Arien im vollen Umfang, also in ihrem dreiteiligen Aufbau, gesungen. Auch das benötigt Zeit, nicht nur die angehängten Ballette.
Zum Gelingen des Ganzen aber trägt vor allem das neu gebildete, „historisch“ musizierende Innsbrucker Festwochenorchester bei, groß besetzt, mit hervorragenden Bläsern, unter der aufmerksamen Leitung von De Marchi, der auch am Cembalo die lebendig gestalteten Rezitative begleitet. Schon die Ouvertüre leuchtet frisch, bewegt akzentuiert, und die tiefere Stimmung lässt alles etwas dunkler, voller klingen, wozu das manchmal etwas gemächlichere Tempo verhilft.

Da Jeffrey Francis erkrankt ist, singt aus dem Orchestergraben heraus Carlo Vincenzo Allemano den bösen König Polifonte, auf der Bühne szenisch vertreten durch Schauspieler Daniele Berardi, was sich irgendwie als Glücksfall erweist: Denn der reife, füllige Tenor des italienischen Sängers passt mit seinen Möglichkeiten zur wütenden Steigerung hervorragend zum Charakter eines skrupellosen Tyrannen. Die unglückliche Königin Merope aber wird durch den runden, vollen Mezzosopran mit seinen großen Höhen und die farbige, dramatische Gestaltung von Anna Bonitatibus exzellent verkörpert. Leider aber ist, jedenfalls in der Premiere, der australische Countertenor David Hansen mit der Rolle des Epitede etwas überfordert, kein Wunder, war sie einst für einen Extrem-Virtuosen der Kastratenzunft geschrieben. Hansens Stimme, eher dunkel timbriert, in den Koloraturen nicht allzu beweglich, zeigt vor allem im zweiten Akt Ermüdungserscheinungen; da muss er sich hörbar anstrengen, verlangsamt das Tempo, so dass er nicht immer mit dem Orchester harmoniert, und der Wechsel von der Bruststimme in die höchsten Höhen wirkt etwas unvermittelt. Dennoch kann er in der Rolle des unglücklichen Prinzen sehr überzeugen. Begleitet wird er vom Botschafter Ätoliens, Licisco, den Hagen Matzeit mit seinem kräftigen Countertenor glänzend gestaltet. Den lügnerischen Intriganten und Auftragsmörder des Polifonte, Anassandro, gibt Filippo Mineccio mit seinem elanvollen, hellen Countertenor in all seinen Wendungen sehr glaubhaft. Den treuen Diener und Vertrauten der Merope, Trasimede, singt Vivica Genaux mit ihrem klangvollen, ausgewogenen Mezzosopran sehr abwechslungsreich; glänzend ihre Bravourarie Occhi amati. Anrührend als jugendliche Prinzessin Argia ist Arianna Venditelli im fließenden, weißen Kleid, und ihr klarer, heller, strahlender und flexibler Sopran unterstreicht noch diese Wirkung. Dass das Ballettensemble Corpo Barocco aus Gent mal mit Zweigen wedelnd, in hellen, antikisch anmutenden Gewändern einen Hupftanz aufführt, mal als neckische Maus-Harlekine herumwuselt, mal als griechisch-folkloristische Truppe auftritt, ist auch verantwortlich für die Dauer von fast sechs Stunden. Das verzeiht man aber gern angesichts der musikalischen Genüsse.
Im fast vollen Tiroler Landestheater feiert das Premierenpublikum ausgiebig und begeistert diese nostalgisch anmutende Opern-Aufführung. Ob sie sich jedoch für den Normal-Betrieb eignet, mag bezweifelt werden.
Renate Freyeisen