O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kaum zu glauben, dass dieses Jugendwerk von Carl Orff – er war gerade mal 18 Jahre alt, als er es fertig komponierte – erst 2010 in Darmstadt zur Uraufführung kam. Orff selber hatte, nach dem überwältigenden Erfolg seiner Carmina Burana, dieses Frühwerk zurückgezogen. Heuer ist es das Herzstück des Orff-Festes auf dem Heiligen Berg im pittoresken bayerischen Andechs.
Der vollständige Titel von Orffs Bühnenerstling lautet: Gisei, das Opfer, Musikdrama, Dichtung von Carl Orff frei nach dem japanischen Drama Terakoya – Die Dorfschule von Takeda Izumo in der Übersetzung von Karl Florenz, op. 20, 1913. Aber wie kam es überhaupt, dass der junge Orff gerade diese alte japanische Geschichte auswählte? Schon als kleiner Junge hatte ihn das ferne Land interessiert und er las darüber alles, was ihm unter die Finger kam. Als er 1912 als Weihnachtsgeschenk Noten japanischer Lieder erhielt, beflügelten diese seine Fantasie. Terakoya ist Teil des epischen Historiendramas Sugawara denju tenarai kagami von Takeda Izumo aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In diesen letzten Szenen des bis zu acht Stunden lang dauernden Bunraku-Figurentheaters, laufen viele Handlungsfäden zusammen, was es dem jungen Orff nicht leicht machte, überhaupt Persönlichkeiten zu einem knapp 50-minütigen Stück zu entwickeln. Unweigerlich denkt der heutige Zuschauer an den letzten Akt von Götterdämmerung, ohne die vorhergehenden Werke gehört zu haben.
Zum Inhalt: Im Hause des Lehrers Genzo werden die Kinder des Dorfes unterrichtet. Es wird ein neuer Schüler, Kotaro, in die Schule gebracht. Kotaro ist der Sohn von Matsuo, ehemals Vasall des Fürsten Michizane, und seiner Frau Chiyo.
Da Genzo nicht da ist, übergibt Chiyo ihren Sohn an Tonami, die Frau Genzos.
Als Genzo zurückkommt, bemerkt er sogleich die erstaunliche Ähnlichkeit des neuen Schülers mit seinem eigenen Adoptivsohn Kwan Shusai. Der ist eigentlich der Sohn des ermordeten Fürsten Michizane. Genzo erzählt seiner Frau, dass die Gefolgsleute des neuen Machthabers Tokihira den Ort, an dem Kwan Shusai versteckt wird, gefunden haben und jetzt seinen Kopf verlangen. Die Gefolgsleute erscheinen, unter ihnen Matsuo, der jetzt dem neuen Herren Tokihira dient. Scheinbar folgsam übergibt Genzo einen abgeschlagenen Kopf. Es ist aber der Kopf von Kotaro, Matsuos eigenem Sohn, den er aber nicht erkennt. Seine Frau Chiyo kommt, um Kotaro abzuholen und sieht den Kopf. Sie beschwört Genzo, ihr zu sagen, ob das ihr Sohn ist, was er bejaht. Der dramatische Höhepunkt ereignet sich aber erst, als Chiyo und Matsuo einsehen, dass sich ihre Vorahnungen erfüllt haben – sie haben ihren eigenen Sohn in der Absicht, ihn zu opfern, zu Genzo gebracht. So wird Matsuos schuldhaftes Verhalten, seine Untreue gegenüber Fürst Michizane, mit dem Opfertod Kotaros gesühnt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Musik, die Orff für diese tragische Geschichte komponiert hat, ist kaum mit seinen späteren Werken zu vergleichen, zeigt aber erstaunliche Tiefe und Einsichten in menschliche Emotionen für einen 17-Jährigen. Man kann behaupten, dass er von Puccini, Debussy, Wagner und Strauss beeinflusst war, und das ist sicherlich auch nachvollziehbar. Basis ist ein spätromantisches Orchester samt Bühnenmusik und Chor. Kammermusikalische, ja, fast transparente Passagen alternieren mit komplexen Orchestrierungen. Außer einem Gong werden keine typisch asiatischen Instrumente eingesetzt, wohl aber solche, die differenziert eingesetzt werden: ein Klavier, drei Saxofone und eine Glasharmonika, die schon die späteren Orffschen Klangfarben erahnen lassen.
Regisseur Florian Zwipf-Zaharia erzählt die komplizierte und tragische Geschichte mit überzeugender Schlichtheit. Er lässt die Sänger mit angedeuteter japanischer Haltung, Bewegung und Gestik die menschlichen Emotionen interpretieren, die im Rahmen der brutalen, feudalen Auseinandersetzung der epischen Handlung sonst leicht verloren gingen. Bühnenbildner Thomas Bruner baut dafür einen Raum, der mit Scherenschnitten von Kirschblüten eine heile Welt darstellt. Mit der Wendung der Geschichte verschwinden die Blüten und es bleibt die Öde der harschen Realität. Die Kostüme von Tatjana Sanftenberg stellen eine Brücke zwischen Tradition und Moderne dar.

Beide weiblichen Hauptrollen sind mit Mezzo-Sopranstimmen besetzt: Ulrike Malotta, als Mutter Chiyo, die ihren eigenen Sohn opfert, und Ezgi Kutlu als Tonami stechen mit ihrer guten – deutschen – Sprachverständlichkeit und Innigkeit hervor. Die männlichen Hauptrollen sind von Baritonstimmen gesungen: Raymond Ayers als Genzo meistert seine Rolle mit Bravour, zumal er kurzfristig eingesprungen ist. Joachim Goltz bringt den abtrünnigen Vasallen mit starker Emotionalität. In Anbetracht des völlig unbekannten Textes, wäre seine Verfügbarkeit eine willkommene Ergänzung im Programmheft gewesen.
Hansjörg Albrecht dirigiert die Münchner Symphoniker mit Gespür für die Tonsprache des jungen Orff. Zwipf und Albrecht haben sich entschieden, das Werk mit Mozarts Lacrimosa-Chor als Prolog und Epilog zu umrahmen. Ein Überraschungseffekt, der aber stilistisch überzeugt, zumal von dem Münchener Bach-Chor mit großer Eindringlichkeit gesungen wird.
Da Gisei nur etwa 50 Minuten lang ist, wird dem Abend das Klavierkonzert d‑Moll, KV 466, vorangestellt. Unter der Leitung von Albrecht spielt Margarita Oganesjan in Begleitung der Münchner Symphoniker das wohl bekannteste Klavierkonzert von Mozart mit satten Klangfarben. Unkonventionell ist die visuelle Ausarbeitung mit sechs Tänzern des Münchner Gärtnerplatztheaters in der Choreografie von Matteo Carvone und Raphael Kurig als Individualist, so seine Bezeichnung im Programmheft. Unverständlich die Breakdance-ähnlichen Abläufe und close-up-Projektionen der Tänzer, die in keiner Weise einen Bezug zur Musik von Mozart darstellen.
Der warme Applaus für Gisei am Ende des Abends beweist, dass es doch sinnvoll ist, so manche Anweisungen des Komponisten zu ignorieren – dieses Stück verdient, in das Repertoire aufgenommen zu werden.
Zenaida des Aubris