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ORPHÉE EN ENFERS
(Jacques Offenbach)
Besuch am
21. August 2019
(Premiere am 14. August 2019)
Nunmehr gibt es auch Operette während der Salzburger Festspiele. Als Anlass dient der 200. Geburtstag des Komponisten Jacques Offenbach. Ob das nunmehr zum Standardprogramm neben Oper, Schauspiel und Konzert eine weitere Sparte wird oder nur ein einmaliges Experiment, wird das Programm der nächsten Jahre zeigen. Das „seriöse“ Publikum, auf klassische Meisterwerke ausgerichtet, zeigt sich begeistert, lacht über die Scherze herzlich und lässt sich auch von der geschickt verpackten Frivolität in dieser spritzig-witzigen und genauso schlüpfrigen Inszenierung von Barrie Kosky im Haus für Mozart nicht abschrecken.
Mit 14 Jahren kam der Deutsche Jakob Offenbach nach Frankreich und fand dort seine neue Heimat. Als Jacques Offenbach reüssiert er in Paris zuerst als Cellist und später als Komponist zahlreicher Operetten mit zündender Musik und frechen Texten. Sein Orphée en enfers, 1858 uraufgeführt, gehört zu seinen Meisterwerken sowie zu den Wegweisern für das Genre Operette. In einer zweiten Fassung wurde der Bühnenhit noch um weitere Nummern ergänzt. Die schwungvolle Parodie der altgriechischen Mythologie überzeugt mit der Explosionskraft seiner Musik und der Eingängigkeit der Melodien, die Tanz- und Straßenmusik, aber auch die jüdische Klezmer-Musik aufgreift und einbindet. Der abschließende Galopp infernal ist als Can Can berühmt geworden und wird immer und überall zu den verschiedensten Gelegenheiten gespielt. Filmmusik inklusive.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Immer ist in der Geschichte der Operette die Umsetzung auf der Bühne für den Erfolg von Bedeutung. Mehr als in der Oper, die auch durch die Musik alleinstehen kann, braucht die Operette die Wucht der Aufführung, um zu überzeugen. Das haben sich auch Kosky und sein Team zum Ziel gesetzt. Und es ist Ihnen dabei viel eingefallen, um das Publikum über drei Stunden bei Laune zu halten. Rufus Didwiszus schafft ein einfach anmutendes, aber umso aussagekräftigeres Bühnenbild. Eurydices Schlafzimmerwände sind bedruckte schwarzweiße Stoffbahnen, die Götterwelt haust auf einem übergroßen Sofa im Empirestil, die Unterwelt wird von einem übergroßen grünen Teufel auf einem Fahrrad überragt. Viel Aufmerksamkeit und unterhaltsame Wirkung steckt in den überaus komischen, verrückten, bunten Kostümen und Perücken von Victoria Behr, die viel Atmosphäre erzeugen. Trotz Stringtangas, Korsetts oder offenen Dekolletés wirkt nichts abstoßend, und der Reiz des Frivolen stößt nicht auf. Dazu gestaltet Otto Pichler eine Choreografie, die keine Wünsche offenlässt. Homoerotische Tänze von männlichen Teufeln begleiten Jupiters Weg in die Unterwelt. Der berühmte Can Can wird von einem gemischten Ensemble gewirbelt. Die Beine fliegen hoch, die Röcke fliegen in die Luft, die Genitalien sind aufgeklebt und die Jauchzer fehlen auch nicht.
Als besonders humorvollen Einfall ist die Ausgestaltung der Rolle des John Styx gelungen und ausgezeichnet von dem Schauspieler Max Hopp umgesetzt. Kosky lässt ihn alle Dialoge auf Deutsch sprechen. Die Musik und der Gesang sind französisch, die gesprochenen Worte auf Deutsch. Dazu beherrscht Max Hopp auch die Fähigkeit, eine Vielzahl von Geräuschen markant zu imitieren, so dass sich die komische Wirkung noch verstärkt. Da knarrt die Türe, da klappert die Sohle am Boden, da wird geschnarcht, gerülpst und geräuspert. Zahlreiche Handlungen bekommen noch Gehör.

Ebenbürtiges schauspielerisches Talent steuert auch Kathryn Lewek als Eurydice bei. Mit prägnanter, üppiger Figur ist sie wendig geblieben und zeigt ihre humoristische Seite und selbstbewusstes Spiel. Im kessen Korsett mit Fülle wirbelt sie herum, schafft dabei die Spitzentöne bis zum hohen Anschlag sicher und lässt sich noch Raum für Nuancen. Als Königin der Nacht hat sie sich weltweit einen Ruf aufgebaut. Ihre Koloraturen flicht sie auch hier ein. Sehr elegant mit langem Haar und schlanker Figur ist Joel Pietro als Orphée auch ein Abbild des magischen Geigers Nicolo Paganini, der Jacques Offenbach für die Ausgestaltung der Rolle inspirierte. Anklänge der Musik Paganinis stecken auch in der Partitur. Orphée ist ja Geigenvirtuose und Lehrer und darf hier mit einer Unzahl von Geigen Eurydike erfolglos bezirzen. Gesanglich ist er sicher, bleibt aber farblos. Anne Sofie von Otter hat sichtlich Freude an der Rolle der allgemeinen Meinung und spaziert mal schwarz, mal kunterbunt gekleidet durch das muntere Geschehen auf der Bühne und setzt dabei gesanglich ihre Akzente. Marcel Beekmann stolziert akrobatisch auf seinen hufgleichen Schuhen als Pluto im orangefarbenen Fransenkleid und verführt nebst Eurydice gleich die Götterwelt. Martin Winkler lässt sich als Jupiter nur zu gerne in das lasterhafte Leben einführen und schlüpft in verschiedene Outfits. Als Fliege verkleidet, lässt er seiner Lust freien Lauf und bringt dabei noch gesanglich eine perfekte Leistung. Ebenso meistern eine Vielzahl von Solisten als auch das Vocalconsort Berlin ihre Rollen, und es entsteht gemeinschaftlich ein knallbuntes Bild aus Gesang, Spiel und Ausstattung, das Freude macht.
Enrique Mazzola hat sich bereits intensiv mit dem französischen Repertoire auseinandergesetzt und wurde dafür auch zum Chevalier ernannt. Die Wiener Philharmoniker lässt er hier nuancenreich aufspielen. Vom tänzerischen Symphonieorchester bis hin zum Varietéensemble spannt er den klanglichen Bogen. Ein sicherlich sehr unterhaltsamer Abend auf höchstem Niveau. Ein neues Genre wird festspielfähig, sofern es in das Gesamtbild mit seinem musikalischen Anspruch passt.
Helmut Pitsch