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Tanzen gehört zum Leben, besonders im August, wenn in Berlin das gleichnamige Festival stattfindet. In drei prall gefüllten Wochen können Begeisterte zwischen insgesamt 70 Veranstaltungen, 31 Produktionen an elf Spielstätten wählen. Die Retrospektive, die im Zweijahresrhythmus eine prägende Choreografin vorstellt, gilt diesmal der Amerikanerin Deborah Hay, einer bedeutenden Vertreterin des postmodernen Tanzes.
Bei etlichen Publikumsformaten, wie Talks, Einführungen und Diskussionen gibt es die Möglichkeit, den Mitwirkenden näherzukommen. Sogar Selfie-Sessions für Kinder und Jugendliche sind vorgesehen. Nicht zu vergessen die Bibliothek im August im Festivalzentrum des HAU 2, in der man in Büchern schmökern kann, die die Tanzschaffenden inspiriert haben oder für wichtig halten.
Das zweite Wochenende beginnt im HAU 2 mit der Deutschlandpremiere von White Dog der Choreografin Latifa Laâbissi. Das Stück führt in einen stilisierten Urwald, in dem Baumstämme mit daran befestigten Lianen und Dschungelgeräusche exotische Stimmung simulieren. Anfangs sitzen drei Tänzerinnen und ein Tänzer aus vier Nationen im Kreis und verknüpfen Seile zu Kopfbedeckungen, die später zu Fesseln, Hängematten oder Käfigen umgeformt werden. Allmählich gerät das Quartett in Bewegung. Sie fliehen voreinander, bekämpfen sich, finden aber auch regelmäßig wieder zusammen. Ein sich wiederholender, folkloristischer Gemeinschaftstanz demonstriert ungeachtet aller Unterschiede, wie die minimalen Abweichungen der ansonsten fast identischen Kostüme oder die rotbemalten Fußsohlen von Jessica Batut, die Verbundenheit dieses Kollektivs. White Dog ist eine Reaktion auf politische Zustände in Frankreich, sagt Laâbissi, worauf die knallgelben Seile als mögliches Synonym für die gelben Westen der Protestierenden hinweisen. Mehr noch aber wirkt das Stück wie ein Plädoyer für kulturelle Vielfalt in einer zunehmend fremdenfeindlichen Gesellschaft. Nicht umsonst bezeichnet die Choreografin Romain Garys gleichnamige Erzählung White Dog, die den Rassismus anprangert, als Inspirationsquelle.

Ganz ohne Interpretationsdruck kann man sich an der kraftstrotzenden Performance Kata erfreuen, mit der die Compagnie par Terre von Anne Nguyen im Radialsystem gastiert. Ihre Gruppe, bestehend aus einer Frau und sieben Männern, imaginiert eine Straßengang, in der die Beziehungen untereinander ausgelotet werden. Es gibt einen Außenseiter, Hugo de Vathaire, der das Stück mit einem eindrucksvollen Solo eröffnet, und ein einziges weibliches Mitglied – Valentine Nagata-Ramos – um deren Aufmerksamkeit die Jungs buhlen. Sie belauern sich gegenseitig, verbünden sich, kämpfen gegeneinander und gegen die Außenwelt. Die Anspannung findet ihr Ventil in einer Choreografie aus Breakdance und Kampfsportelementen, die das Ensemble mit einer Virtuosität, die geschmeidig und energetisch zugleich ist, ausführt.
Ihr bejubeltes Debüt bei Tanz im August gibt die in Belfast geborene Choreografin Oona Doherty im HAU 1. Sie verarbeitet in der Performance Hard to Be Soft – A Belfast Prayer ihre Erfahrungen und Empfindungen während der Unruhen in der nordirischen Hauptstadt, die sie als Jugendliche vor den Friedensverhandlungen erlebte. Zu einer akustischen Kollage aus Stimmen und Geräuschen, in die sich liturgische Gesänge mischen, erscheint Doherty, ganz in weiß gekleidet, wie ein gefallener Engel. Die herrschende Gewalt findet auch im Kopf der Protagonistin statt und wird in mal aggressiven, mal ängstlichen oder gepeinigten Bewegungen umgesetzt. Im zweiten und dritten von insgesamt vier Teilen zeigt Doherty erst eine Frauentruppe – es sind Berliner Laiendarstellerinnen – die sich in selbstbewussten Posen präsentiert, dann als Kontrast zwei schwergewichtige Männer, angelehnt an Dohertys Vater und Bruder, die ihr schwieriges Verhältnis in einem Ringkampf austragen. Beide Szenen vermitteln gesellschaftliche Zustände aus weiblicher und männlicher Sicht. Am Ende tanzt Oona Doherty, nun in Alltagskleidung, ein zweites Solo, das gelöster und befreiter wirkt, ganz so, als ob sie ihr Trauma überwunden habe. Ihre emotionalen und persönlichen Reflektionen auf ihre Jugenderinnerungen treffen genau den Nerv des Publikums, was sich in dem so gut wie selten besuchten anschließenden Künstlerinnengespräch widerspiegelt.
Während Doherty in Berlin eine Newcomerin ist, gehört Jérôme Bel zu den renommierten Choreografen. Folglich ist das Deutsche Theater, in dem sein neuestes Stück Isadora Duncan uraufgeführt wird, an allen drei Abenden restlos gefüllt. Die legendäre Pionierin des Ausdruckstanzes, die um 1900 ihre Karriere begann und auf Konventionen wenig gab, wird von Bel mit einer berührenden Hommage gewürdigt, die seine Reihe von Porträts bedeutender Tanzpersönlichkeiten fortsetzt. Sie ist ganz schlicht gehalten und doch ein Ereignis. Vor allem wegen Elizabeth Schwartz, die die Duncan mit absoluter Hingabe und Stilbewusstsein verkörpert und sich ihr auch optisch mit locker fallenden, griechischen Tuniken annähert. Die 69-Jährige studierte bei einer von Duncans Adoptivtöchtern überlieferte Tänze der Mutter ein, von denen sie einige jeweils dreimal aufführt: mit und ohne Musik und erläuternden Kommentaren. Zwischendurch erzählt Bels Assistentin Sheila Atala, die an einem seitlichen Pult sitzt, von wichtigen Momenten in Duncans Leben. Isadora Duncan ist eine so unterhaltsame wie lehrreiche Mixtur aus Tanzgeschichte und Solodarbietungen, in die auch das Publikum miteinbezogen wird. Denn wer mutig ist, kann auf der Bühne eines der Stücke miteinstudieren.
Nur wenig Platz benötigen Albert Quesada und Katie Vickers für ihr Duo OneTwoThreeOneTwo, das Quesada gemeinsam mit Zoltán Vakulya kreiert hat.
Es wird im HAU 3 präsentiert, wo das Publikum im Rechteck um die Spielfläche herumsitzt. Grundlage ist die Auseinandersetzung mit dem Flamenco, dessen Rhythmus dem Stück den Titel gibt. Mit Folklore hat OneTwoThreeOneTwo freilich nichts zu tun. Sie blitzt nur in der roten Bolerojacke von Quesado auf. Vielmehr erlebt man eine Dekonstruktion des spanischen Volkstanzes in einzelne Splitter aus Formen und Techniken, aus Soli und Duetten, gelegentlich untermalt von traditioneller Musik. So entsteht ein dichtes Beziehungskaleidoskop mit teils aggressiven, teils erotischen Momenten, das viel Raum für Assoziationen bietet.
Karin Coper