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Plötzlich regiert der Wassermann

HAIR
(Galt Macdermot)

Besuch am
25. August 2019
(Premiere am 16. August 2019)

 

Bad Hersfelder Festspiele

Unter den mächtigen Linden des Parks um die Stifts­ruine in Bad Hersfeld , deren Schatten heute sehr willkommen sind, sammelt sich und flaniert ein buntes, sommerlich geklei­detes und gestimmtes Publikum, ein stämmiger Mit-Fünfziger mit strammem Jimi-Hendrix-Outfit, seine Begleitung ähnlichen Alters als Flowergirl mit einem bunten Blumen­kranz auf den erblon­deten Locken. Mancher der Besucher hat schon eine Hair-Melodie im Kopf wie Hair, Hare Krishna oder Aquarius, Ohrwürmer seit ihrer ersten Aufführung 1968 in New York – wo sonst.

Regisseur Gil Mehmert nennt die Urauf­führung einen „Urknall am Broadway“, eine „radikal neue Erzählform“. Er selbst hat dieses Jugend­protest-Friedens-Antivietnam-Erzähl­stück mit den langen Haaren inzwi­schen mehrfach insze­niert, in München, Hildesheim und jetzt zum zweiten Mal in Bad Hersfeld. Kein Zweifel, Mehmert ist der anerkannte Spezialist für gelungene Musical-Insze­nie­rungen. Es ist fast so, als wenn jede Generation ihre Protest­welle findet, ob es die Jugend­be­wegung, die Studen­ten­be­wegung oder eben, zur Zeit des ameri­ka­ni­schen Vietnam­krieges die Hippie-Bewegung oder heute die aus dem kleinen Dänemark gestartete Umwelt­be­wegung ist, alle haben ihre besondere Ausdrucks­formen gefunden. Bei den 1960-ern sind es die Titel gebenden Haare: „Es schießt und sprießt und wächst eben wie verhext … schul­terlang und länger“. Es sind nicht die aktuellen brennenden und bewegenden Fragen, die vor allem das junge Publikum anziehen, Mehmert sagt „Die Handlung war keine.“ Es ist die rockig-poppige, fetzige Musik, die ein junges und vielfach auch älteres Publikum anspricht und faszi­niert. Die „Botschaften“ dieser Musicals, auch dieser Insze­nierung sind verhalten, ja versteckt, selten plakativ. Da weht über der Bühne eine schmutzig verun­zierte ameri­ka­nische Flagge, eine Verun­glimpfung des natio­nalen Emblems, wie man sie von den respekt­losen Arbeiten des Malers Jasper John aus Georgia kennt. Für viele Ameri­kaner ein absolutes no go. Für Mehmert bringen die „auf der Bühne anwesenden Charaktere … eine Live-Perfor­mance“ ihre Botschaft in Form eines Sit-In. Die „Schönsten“ einer Misswahl aus Cuba, Russland, Vietnam und Korea lockern den Abend auf. Ein Soldat in Uniform und Darsteller mit Gasmasken erinnern daran, dass es irgendwo draußen noch eine andere Welt gibt. Ein großes Peace-Zeichen, das berühm­teste Protest­zeichen der Welt,  wird aufge­richtet und schließlich unter dem Beifall der  Protago­nisten verbrannt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und so kann sich die Bühnen­de­ko­ration weitgehend darauf beschränken, die Technik als Staffage zu nutzen. Geschickt werden zwei deckenhohe Schein­werfer-Wagen vielfach genutzt. Neben dem Jeep kommen noch ein elektri­scher Stuhl und zahlreiche Matten, Decken und dicke Mäntel zum Einsatz. Ein Ensemble von gut zwanzig Darstellern und Tänzern wirbelt gut zwei Stunden lang über die Bühne und lässt die Zuschauer schon vom allei­nigen Zusehen atemlos werden. Tanzein­lagen, Akrobatik und Slapstick mischen sich zu der Musik einer etwa zehnköp­figen Life-Band. Melissa King ist es gelungen, das Ensemble in dauernder Bewegung zu halten und keine Lange­weile aufkommen zu lassen. Ob es die Szenen vor der Cannabis-Plantage sind oder das träge Aufwachen nach einer bekifften und frei flirtenden Nacht, der Zuschauer hat Mühe, in dem reichlich aufwal­lenden Bühnen­nebel alle Bewegung wahrzu­nehmen. Und immer wieder erklingen die Songs, die letztlich das Rückgrat der Aufführung bilden. Von  Let the Sunshine in über Aquarius , Hare Krishna und Donna erklingen sie alle, im  Original über 30. Und es gibt keine Zeile, bei der das Ensemble als Formation still und steif vor den Zuschauern steht.

Foto © O‑Ton

Diese Hair-Insze­nierung ist Bewegung, wie die Protago­nisten persönlich und als Generation in Bewegung sind. Da flattern und fliegen die langen Haare, die leichte Kleidung schwebt und entblößt, das ganze Ensemble setzt ständig die mitrei­ßende Musik in Bewegung um und findet sich doch zu kleinen Ballett­ein­lagen oder Sprüngen zusammen, mal gekonnt trainiert, mal assoziativ und „aus dem Nebel der Drogen“ entsprungen. In fliegenden Röcken, wehenden Schals, Blumen­ketten und Zigeu­nerlook präsen­tieren die Darstellern das, was landläufig mit „Woodstock“- Generation assoziiert wird: Ein lebens­frohes, sorgloses, fröhliches „Völkchen“, das vor allem eines will: Leben! Dazwi­schen ein gruse­liger Auftritt von Ku-Klux-Klan-Gespenstern, auch die schwer­ge­wichtige „Mom“ im boden­langen, goldenen Paillet­ten­kleid auf schwarzer Haut darf nicht fehlen. Als Kontra­punkt in diesem ganzen Gewusel das Elternpaar von Claude, brave Klein­bürger. Sie im geblümten Küchen­kittel mit den unver­meid­lichen „Rölleckes“ im Haar, er ein stock­steifer Bürokrat mit randloser Brille. Kaum möglich, bei diesem inten­siven, oft ausge­las­senen Spiel einzelne Darstel­le­rinnen und Darsteller heraus zu heben – einfach eine gelungene Ensemble-Leistung.

Zunächst halten die Zuschauer das leichte Glitzern  über der Bühne und vor den Schwein­werfern für einen weiteren Regietrick, der den nächsten Song vorbe­reiten soll. Als dann aber klatschende Geräusche hinzu­kommen und die ersten Zuschauer auf den Randplätzen merken, dass ihre Haare und Sommer­gar­derobe erst feucht, dann aber richtig nass werden, wird allen klar: Das ist ein heftiger Sturz­regen, der für knappe zehn Minuten die Stifts­ruine unter einen Wasserfall verlegt, da helfen alle Zeltdächer über dem Zuschau­erraum wenig – es schüttet in Strömen. Die Musiker rennen nach Plastik­ab­de­ckungen für ihre Instru­mente, die Elektro­niker fürchten um ihre Geräte, die Darsteller spielen und singen in triefender Kleidung weiter, ein Teil des Publikums flieht vor dem Wasser­ein­bruch. Kurz: Die Aufführung wird unter­brochen, nach dem Schauer dauert es einige Zeit, bis alle elektro­ni­schen Kontakte wieder herge­stellt sind und das Stück – schon ein wenig gestört – vor den stand­haften Zuschauern zum songreichen Schluss kommt – Anerkennung für die Fortsetzung des Nachmittags.

Die Zuschauer sind von der Spiel­freude und dem Einsatz der Darsteller, der Musizierlust der Band und den eingän­gigen Melodien des Stücks begeistert. Nach langem, oft mitschwin­gendem Beifall und in bester Laune löst sich die Schar der Besucher langsam auf, um den Abend in einer der markt­nahen, einla­denden Kneipen ausklingen zu lassen … Darling, gimme head with hair, long beautiful hair.

Horst Dichanz

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