O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
PARAPROXIMITY
(Jenniger Döring, Philine Herrlein)
Besuch am
4. September 2019
(Uraufführung)
Ich seh mich noch mit dem Damenrad und der Nietenhose an der Theke vom Büdchen auf dem Chlodwigplatz“, das waren die Worte, mit denen Wolfgang Niedecken einem der bis heute schönsten oder urwüchsigsten Plätze Kölns 2011 auf dem Album Halv su wild ein Denkmal setzte. Niedecken ist der, der mit seiner Band BAP abseits des Karnevals der Stadt Köln eine eigene Musik gab. Seit Niedecken war in Köln irgendwie alles Tradition. Wer allerdings heute mit dem Auto nach Köln muss, wird die Stadt nicht wiedererkennen. Was die Stadtplaner hier veranstalten, ist der Alptraum, der vielen Städten noch bevorsteht. Kollaps statt Konzept. Für Radfahrer scheint es keine Verkehrsregeln mehr zu geben, für die Autofahrer an jeder Ecke Kameras, die das Geld für die unsinnige und lebensgefährliche Straßennutzung der Fahrradfahrer einsammeln. Wer nach einem Besuch der Kölner Innenstadt noch die Kennzeichnungspflicht von Fahrrädern anzweifelt, um sekündliche Verstöße anzeigen zu können, sollte sich einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen. Die Schizophrenie geht an den Ringen so weit, dass es hier gleich zwei Fahrradspuren in einer Fahrrichtung gibt, die so angelegt sind, dass Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer gleichermaßen gefährdet sind. Am Chlodwigplatz einen Parkplatz zu finden, ist Illusion. Es ist schon möglich, dass die nachfolgenden Generationen auf das Fahrrad zurückgreifen, weil sie sich von der Technik eines Automobils überfordert fühlen. Ob das allerdings rechtfertigt, in die Welt des Neandertalers zurückzugehen, darüber mögen sie selbst entscheiden. Bis dahin ist von einem Besuch der Kölner Innenstadt dringend abzuraten.

Es sei denn, Jennifer Döring und Philine Herrlein laden dazu ein, Tanztheater im öffentlichen Raum zu erleben. Dann sollte man alles daransetzen, zum Chlodwigplatz zu finden. Denn dort findet Nebennähe statt. Paraproximity nennen die beiden Tänzerinnen ihr neuestes Stück, das bewusst im und für den öffentlichen Raum angelegt ist. Und schon vor der eigentlichen Uraufführung sind die Erfahrungen bei den Proben außerordentlich erfreulich, erzählt Herrlein. Der Platz mit dem Severinstor am Kopf- und dem Kreisverkehr am Fußende ist ein lebhaft besuchter Ort. Zahlreiche Kneipen, eine Drogerie, eine Bäckerei und andere Geschäfte umsäumen den Platz, auf dem sich Fahrräder stapeln wie auf einer Schrottdeponie. In der Mitte gibt es eine Freifläche, auf der in den vergangenen Tagen bei schönstem Sommerwetter Erstaunliches passierte. Da probten zwei Tänzerinnen ihr neues Stück, eroberten mit ihren Kunstobjekten – transparente Luftpolster, die aus so genannten Air Lounges entstanden – den gesamten Raum. Passanten hielten inne, schauten zu, suchten das Gespräch, mischten sich ein und wirkten mit. Schöner kann eine Aufführung im öffentlichen Raum gar nicht sein.
Und jetzt also die Uraufführung. Am Nachmittag bewölkt sich der Himmel, Windböen verfangen sich im Häuserkessel, gegen Abend kommt Regen auf. Döring, Herrlein und ihr Team lassen sich davon nicht beirren. Die luftigen Plastikkissen werden mit Sandsäcken beschwert. Die Veranstaltung findet statt.

Unter dem Severinstorbogen sammeln sich die Besucher und erhalten Kopfhörer, während Passanten nun nur noch vereinzelt stehenbleiben, stattdessen lieber über den Platz hasten, um ins Trockene zu kommen. Komponist Axel Pulgar findet ebenfalls Unterschlupf unter dem Torbogen und sendet von seinem Notebook aus sphärisches Knistern, in das er immer wieder Geräusche mischt, auf die Kopfhörer. So kann der Besucher sich alsbald aus der Wirklichkeit in die Aufführung entfernen. Die Tänzerinnen vermessen läuferisch den Platz, suchen die Nähe zu den Fußgängern, um ihnen wie zufällig ein Stück weit zu folgen, eben Nebennähe zu erzeugen. Sie verkriechen sich in den Luftpolstern und schaffen so eine eigene Intimität in der Öffentlichkeit. Scheitern immer wieder bei ihren gegenseitigen Dialogversuchen. In regennasser Kleidung winden sie sich auf dem Kopfsteinpflaster, erkunden so die Nähe des Körpers zum öffentlichen Raum, erden sich, ohne eine emotionale Mimik zu zeigen.
Dank des Wetters hat sich unter dem Torbogen eine Stehtribüne gebildet, während nur wenige Menschen die übrigen Ränder des Platzes säumen. So wird aus der Eroberung des Raums eher eine Entfernung vom Publikum. Herrlein und Döring müssen improvisieren. Das gelingt ihnen hervorragend. Eine Stunde lang können sie das Publikum, wie in der so genannten Freien Szene üblich eher spärlich erschienen, fesseln, auch wenn die Dramaturgie, gerade nach hinten raus, keinen Höhepunkt, keine Pointe findet. Schließlich entschwinden die beiden hinter dem Tor und entziehen sich so dem wohlverdienten Applaus. Die verlöschende Musik zeigt das Ende der Aufführung an. Dabei hätte man gerne den beiden Beifall gezollt, allein schon dafür, dass sie dem Wetter getrotzt haben, aber in erster Linie dafür, dass es ihnen gelungen ist, das Thema Nähe im städtischen Raum so assoziativ gekonnt umzusetzen.
Zwei weitere Aufführungen sind vorgesehen. Die werden dann hoffentlich an warmen, regenfreien Abenden stattfinden, um bei freiem Eintritt den Zauber der Beziehungssuche noch zu intensivieren.
Michael S. Zerban