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Die Hamburgische Staatsoper bietet zur Zeit mit gleich zwei gelungenen Inszenierungen eindrucksvolle Realisierungen von Musiktheaterwerken Dmitri Schostakowitschs: Vera Nemirova war bereits in der letzten Spielzeit eine differenzierte Umsetzung des Spätwerks Moskau, Tscherjomuschki gelungen, nun folgt die Oper Die Nase des noch jungen, bei Komposition erst 21-jährigen Komponisten, inszeniert von Karin Beier. Die Regisseurin debütiert mit dieser Arbeit an der Staatsoper, in Hamburg wirkt sie jedoch seit einigen Jahren als geschätzte Künstlerintendantin des Deutschen Schauspielhauses, das sie nach Übernahme im Jahr 2013 in kurzer Zeit wieder als eines der führenden Sprechtheater Deutschlands positionieren konnte. Daran haben ihre eigenen Regiearbeiten einen nicht unwesentlichen Anteil.
Die Oper basiert auf der Novelle von Nikolai Gogol und wird in der neuen deutschen Fassung von Ulrich Lenz gespielt, die mit einer Reihe von beziehungsreichen, zeitgemäßen Wortschöpfungen wie Fake News oder Entnasifizierung aufwartet und sich bereits in der Kosky-Inszenierung des Werkes an der Komischen Oper Berlin bewährt hat. Erzählt wird die albtraumhafte Geschichte des Kollegienassessors Kowaljow, der eines Tages ohne Nase aufwacht, diese später in allerlei fremden Verkörperungen, unter anderem in der Uniform eines Staatsrates wiedersieht, ihrer aber nicht habhaft werden kann. Bei seiner Suche und Verfolgung durch verschiedene Stationen St. Petersburgs begegnet ihm ein Kaleidoskop von Typen und Situationen, welche archetypisch menschliche Schwächen und Beschränktheiten abbilden, und die durchaus nicht bereit oder willens sind, Kowaljow in der ihn beängstigenden Situation zu helfen. Nachdem sich die Nase ebenso so unerwartet am rechten Ort wieder eingefunden hat, wird schließlich absehbar, dass auch der arme Kowaljow alsbald seine Erfahrungen vergessen haben wird und sehr wohl dauerhaft Teil dieser behäbigen und geistig nur mäßig beweglichen, spießbürgerlichen Gesellschaft wieder werden und bleiben wird.
Die Kostüme von Eva Dressecker sind vor allem durch die demonstrativ ausladend eingebrachten Bäuche und Hinterteile aller Akteure gekennzeichnet, die in Bild und Bewegung lebende Karikaturen der Selbstzufriedenheit und geistigen Immobilität schaffen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Die selten so beschäftigte Drehbühne scheint mit der Nase um die Wette zu laufen und vermag so unter Einbeziehung sinnvoller, einfallsreicher Aufbauten und Projektionsflächen auf der Bühne von Stéphane Laimé in rascher Folge szenische, fast filmische Übergänge zu schaffen. Dabei dreht sich zum Zwischenspiel im ersten Akt auch eine neunköpfige Schlagzeuggruppe aus dem Orchester ins Bild und alsbald wieder heraus, nicht ohne für ihr effektvolles Spiel einen im hanseatisch-zurückhaltenden Hamburg so seltenen donnernden Szenenapplaus zu erhalten.
Das Team um Beier setzt dabei nicht auf eine Zuspitzung dieser grotesken Revue um das Individuum Kowaljow, sondern sucht nach bildhaften Öffnungen der Szene über den individuellen Albtraum hinaus. So werden in der aufwändigen Videokunst von Meika Dresenkamp und Severin Renke Bezüge zu städtischen Orten in Hamburg hergestellt wie auch zu Szenen von Polizeieinsätzen wie etwa beim letzten G20-Treffen in der Stadt. Das sind dramaturgisch sinnvolle gesellschaftliche und politische Querbezüge, die eindrücklich vor Augen führen, wie schnell eine ganze Welt aus den Fugen geraten kann. Zur Darstellung des Überwachungsapparats erscheinen wiederholt und unerwartet wie aus dem Nichts bewaffnete Wachsoldaten, deren Aufgabe nicht geheuer erscheint. Auch wird die Hysterie unkontrollierter Massen auf der Bühne und in den Videoeinspielungen vermittelt. Eine Welt der bewährten Wahrheiten kippt schnell ins Groteske der Fake News. Was die Wahrheit ist, das bringt dann kein Mensch mehr heraus.

Die Ideenvielfalt und die vielleicht etwas brave Aneinanderreihung all dieser Handlungsmomente verliert allerdings im zweiten Teil etwas an Stringenz und Spannkraft. Koskys Umsetzung für Berlin und London gelang eine intensivere Darstellung der Verknüpfung von individueller und kollektiver Sphäre. Die Engführung gesellschaftlicher Untiefen mit der paradigmatischen Opferfigur des schwachen und angstverzerrten Individuums Kowaljow – zweier Welten, die sich in ihre Dynamik von Angst, Hochmut, Dummheit und Hysterie gegenseitig hineinsteigern und bedingungslos aneinander gekettet sind, gelang mit wilderem physischem Furor.
Die Premiere in Hamburg wird von Bo Skovhus als Assessor Kowaljow musikalisch und szenisch mit großer Hingabe gemeistert. Seine bedingungslose Hingabe im Spiel gebrochener Charaktere sucht auf der Opernbühne seines Gleichen. Er ist in der Lage, den armen Kowaljow gewissermaßen zwischen Wozzeck und einem archetypischen Opern-Buffo-Charakter irrlichtern zu lassen und dabei zu jeder Zeit das gesamte weitere Ensemble mitzureißen.
Die Oper bringt darüber hinaus eine Vielzahl von Solorollen bei der Darstellung verschiedenartiger Szenen des grotesken, gesellschaftlichen Lebens auf die Bühne. Hier seien beispielhaft Gideon Poppe als Iwan, Katja Pieweck und Athanasia Spingler als Podtotschina und ihre Tochter sowie Renate Spingler als alte Gräfin und Hellen Kwon als Ossipowna und Verkäuferin genannt.
Das große Darstellerensemble wird wirkungsvoll und zunächst fast unmerklich durch eine achtköpfige Tänzergruppe ergänzt, die in der Choreografie von Altea Garrido weitere Akzente in einem immer unwirklicheren Ambiente setzt.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt unter der Leitung seines Chefdirigenten Kent Nagano, der mit dem Werk lange vertraut ist, und es beispielsweise 2002 an der Staatsoper Berlin musikalisch betreut hat. Nagano gelingt mit seinen Musikern eine klangschöne und ausgereifte Umsetzung der Partitur. Er lässt sich keineswegs durch das Tempo der Handlung auf der Bühne aus der Balance bringen. Jeder einzelne Instrumentalist, beispielhaft seien hier die Holzbläser und das Schlagwerk genannt, erhält die Chance, seine Kunst zu Gehör zu bringen. Die differenzierte Klangfarben-Palette der Partitur wird durchhörbar realisiert, und jeder einzelne Philharmoniker glänzt an diesem Abend: Zu hören ist eine nachgerade unendliche Vielfalt im überzeugenden Solo- und Ensemblespiel, auch ein Ergebnis der intensiven gemeinschaftlichen Arbeit des Orchesters mit seinem Chefdirigenten seit 2015.
Nachhaltiger Applaus mit Bravorufen für Skovhus, Nagano und das Orchester. Die Hamburger dürfen mit dem Saisonstart ihres Opernhauses sehr zufrieden sein.
Achim Dombrowski