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Foto © Thomas Aurin

Vergebliche Sinnsuche

LA FORZA DEL DESTINO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
8. September 2019
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Mittler­weile ist wohl jedem Besucher bekannt: Wenn man eine Insze­nierung von Frank Castorf besucht, dann wird es kein entspannter Spaziergang unter Kirsch­blüten. Castorf ist einer der Haupt­fi­guren der derzei­tigen deutsch­spra­chigen Theater­szene. Der Ring in Bayreuth machte ihn inter­na­tional bekannt. Nun ist diese Forza del Destino seine erste Opern­auf­führung in Berlin.

Castorf setzt die erste Hälfte des Abends im Spani­schen Bürger­krieg an, die zweite Hälfte während der Befreiung Neapels durch die von den USA geführten Truppen im Zweiten Weltkrieg. Das von Aleksandar Denić entworfene Bühnenbild dreht sich regelmäßg und zeigt die verschie­denen Orte des Geschehens mit realis­ti­schen, überla­denen Details – das Haus des Marchese, den Vorplatz einer Kirche, Solda­ten­ba­racken, ein Feldkran­kenhaus, wo unglaub­liche Mengen an Theaterblut geschmiert werden. Live-Action-Kameras, die auf zwei großen Leinwänden proji­ziert werden, geben verschiedene Ansichten wieder, quasi was hinter der Bühne passiert, wobei Gesichter und Blick­winkel oft grotesk verzerrt werden. Auf den Leinwänden werden auch Sequenzen aus alten Schwarzweiß-Filmen gezeigt, die sicherlich zur weiteren Erläu­terung dienen sollen, aber nur zur einer visuellen Überladung führen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dieser visuellen Überflutung wird noch eine zusätz­liche Ebene hinzu­gefügt: Texte, die das Leben Christus, das Abschlachten der Urein­wohner Südame­rikas sowie den Tod behandeln, unter­brechen die Musik und werden von verschie­denen Mitgliedern der Besetzung vorge­tragen. Und damit man ja nicht vergisst, dass Alvaro ja eigentlich aus dem wilden Südamerika stammt, fügt Castorf Roni Maciel als „Indio“-Charakter dazu, der als Engel der Verzweiflung – kostü­miert wie ein brasi­lia­ni­scher Revue­tänzer in glitzernder Tanga mit üppigem Kopfputz und Marab­ufe­dern­stola – den dazuge­hö­rigen Text von Heiner Müller aus Der Auftrag einmal auf Deutsch, einmal auf Portu­gie­sisch ins Publikum schleudert. Padre Guardiano darf er auch sexuell beläs­tigen. Das Leben im Kloster und in der Armee wird mit deutlicher Homoerotik angedeutet. Als Castorf zum dritten Mal sein schon bekanntes Stilbruch­mittel in Form von gespro­chenen Texten einsetzt, kommt es zum Publi­kum­seklat. Vermutlich liegt es an der holprigen und völlig emoti­ons­losen Vortrags­weise der Sänger, die den Text aus Curzio Malapartes Die Haut im vierten Akt sprechen. Pfeifen und Buhrufe bringen die Aufführung fast zum Abbruch. Erst nach gefühlten zehn Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Die Texte und diverse einge­spielten Videos bringen keine neuen Erkennt­nisse, sondern lassen den Abend endlos erscheinen.

Die Musik von Verdi braucht diese Ablen­kungen nicht, sie besteht auch so und überlebt auch diese Behandlung. Von seitens der Sänger und der Musik besteht sie sogar sehr gut. Allen voran Russell Thomas, der mit noblem Tenor und wunder­barer Phrasierung dem edlen Alvaro die Echtheit seiner Gefühle glaubhaft macht. Leider muss er seine große Arie La vita è inferno all’in­felice … o tu che in seno agli angeli fast in totaler Dunkelheit singen. Gleich­zeitig läuft ein Video über ihm, in dem zwei Soldaten wiederholt in die Luft beißen und lachhaft wirken. Dass Thomas sich in all dem behaupten kann, ist ein Beweis für seine große Professionalität.

Foto © Thomas Aurin

Auch der Carlo von Markus Brück ist völlig überzeugend. Die Inbrunst seiner Emotionen lässt er durch seinen dunklen Bariton scheinen und verleiht seiner großen Arie zwingende Autorität. Zwischen beiden Männern ergibt sich eine fast elektrische Spannung in ihrer Szene im dritten Akt. Da stört es auch nicht, dass ein großes Schild vor den Gefahren von Syphilis und Gonorrhoe warnt.

María José Siris Leonora braucht eine Weile, um sich zurecht zu finden. Vielleicht hat auch das voluminöse Gewand von Adriana Braga Peretzki – dem Porträt der Infantin von Diego Velazquez nachemp­funden – gestört. Im Laufe des Abends setzt sich ihr stimm­liches und charak­ter­liches Selbst­be­wusstsein durch. Preziosilla wird von Agunda Kulaeva mit einem etwas plumpen Mezzo gesungen, der durch undurch­sichtige Diktion und zu enge Kostüme unter­strichen wird.

In der restlichen Besetzung singt Marko Mimica einen Padre Guardiano mit großer Lyrik und einem warmen Bass. Mischa Kiria ist ein Fra Melitone, der die Szene mit riesiger Stimme und guter Verständ­lichkeit sowie Sinn für Komik beherrscht. Der Chor, von Jeremy Bines einstu­diert, ist wie immer eine Freude anzuhören und sehen.

Auch aus dem Graben Löbliches – Jordi Bernàcer entlockt dem Orchester der Deutschen Oper feine Phrasie­rungen und Akzente. Er hält auch die Kommu­ni­kation zur Bühne aufrecht, was oft nicht leicht ist angesichts des vielen Trubels.

Trotz der scheinbar radikalen Prämisse ist Castorf letzt­endlich eine eher langweilige Insze­nierung gelungen. Entferne man die Dialoge, Videos und Bühnen­ge­schehen, so bleibt wenig echte Perso­nen­regie übrig. Anstatt das Werk neu zu beleuchten, erstickt Castorf es unter fremden Text- und Filmschichten, die nur zur Ablenkung dienen.

Einhel­liger Applaus für die Solisten und den Dirigenten. Das Regieteam wird mit Tumult und ziemlich gleich geteilten Buh- und Bravo-Rufen empfangen.

Zenaida des Aubris

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