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Foto © Barbara Frommann

Der Anti-Paulus

DAS PARADIES UND DIE PERI
(Robert Schumann)

Besuch am
8. September 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Inter­na­tionale Beetho­ven­feste Bonn, WCCB

Es gibt nicht unbedingt zwingende Gründe, Robert Schumanns Das Paradies und die Peri für Solostimmen, Chor und Orchester, 1843 in Leipzig entstanden und dort urauf­ge­führt, im Konzertsaal zum Leben zu erwecken. In Bonn, wo die Kompo­sition ein Teil des Eröff­nungs­wo­chen­endes des diesjäh­rigen Beetho­ven­festes ist, vielleicht schon. Hat doch der hochsen­sible Künstler gegen Ende seines Lebens in der Heilan­stalt in Endenich, heute ein Stadtteil der Bundes­stadt, seine dunkelsten Jahre und auch sein Ende gefunden. Den einschlä­gigen Quellen zufolge zählt das Oratorium zu den erfolg­reichsten Werken Schumanns zu Lebzeiten. Träumt er, wie es in einem seiner Briefe heißt, von einem „neuen Genre für den Concertsaal, nicht für den Betsaal, sondern den heiteren Menschen“, will sich diese „Heiterkeit“ im akustisch heiklen großen Saal des World Confe­rence Center Bonn (WCCB) so recht nicht einstellen.

Sie ist ja auch nicht im Sinne einer buffa oder eines dramma giocoso à la Mozart gemeint, sondern in Distanz speziell zu Mendels­sohns Oratorium Paulus in der Tradition Bachs und Händels, das sieben Jahre zuvor die Musikwelt aufrüttelt und auch Schumann beschäftigt. Musika­lisch dagegen springt in Bonn der Funken über. Das semire­li­giöse Erlösungs­drama im orien­ta­li­schen Modetrend der damaligen Zeit zaubert beim Publikum die gesamte Palette der emotio­nalen Reaktionen hervor. Vom ergrif­fenen Schweigen bis hin zur lautstarken Begeisterung.

Schau­plätze der Geschichte, die auf einer Dichtung aus Lalla Rookh des briti­schen Autors Thomas Moore in der Übersetzung des Schumann-Freundes Emil Flechsig beruht, sind Ägypten, Indien sowie das islamische Syrien. Die Peri darf man sich als einen gefal­lenen, aus dem Paradies vertrie­benen Engel vorstellen, der zur einen Hälfte der irdischen, zur anderen der himmli­schen Sphäre zuzuordnen ist. „Erlöst“ wird, seinen Sehnsuchtsort, den Himmel, erreicht dieser Engel erst, wenn er eine Gabe zustande bringt, die dem Himmel zurei­chend erscheint. Zweimal scheitert die Peri. Erst im dritten Anlauf, in dem ein Beschul­digter im Anblick eines „reinen Kindes“ in Tränen ausbricht, gelingt die Heimkehr. Peri erblickt die „Pforte geöffnet zum Himmel hinan“ und jubelt: Wie selig, o Wonne, wie selig ich bin.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Der Pseudo­kitsch eines Erlösungs­dramas, das die Klang­ro­mantik des Okzidents mit der sprach­ma­le­ri­schen Poesie des Orients im Stil von 1001er Nacht paart, mutet heute eher befremdlich an. So geht die Aufführung mit dem Ensemble Le Cercle de l‘Harmonie unter seinem Gründer und Dirigenten Jérémie Rhorer denn auch nach der Devise prima la musica über die Bühne. Das Orchester hat sich im Sinne seiner Vorbilder Nikolaus Harnon­court und Gustav Leonhardt darauf spezia­li­siert, durch die Verwendung histo­ri­scher Instru­mente den „Original-Klang“ von Kompo­si­tionen zwischen 1750 und 1850 hervor­zu­bringen. So entfaltet sich im WCCB ein Klangbild, das dank weicherer Orches­ter­farben eine Idee von der Vorstellung vermittelt, die Schumann bei der Kompo­sition seines „Anti-Paulus“ beherrscht haben dürfte. Es ist Rhorers ganzes Trachten, durch sein empathi­sches Dirigat die Stimmigkeit des Werks zur Geltung zu bringen. Das, um es gleich zu verraten, gelingt vorzüglich.

Die musika­lische Gestalt der Peri-Episode verrät viel über die Inspi­ra­tionen, mit denen sich Schumann in seiner Leipziger Zeit ausein­an­der­ge­setzt hat. Der Melodie gehört der Vorrang. Das Monoli­thische des Barock­zeit­alters und das Kolossale des religiösen Orato­riums sind überwunden. Die überkommene Struktur der Abfolge Rezitativ-Arie-Chor weicht einer durchaus modernen Verknüpfung von Solo- und Tutti-Auftritten der Solisten einer­seits und breit­wan­digen, vierstim­migen Chorse­quenzen anderer­seits, teils hymnisch, teils polyphon. Schon kurios: An Ensem­ble­nummer bietet die Partitur lediglich zwei Quartette an, wobei das zweite O heil’ge Tränen inn’ger Reue in Verbindung mit dem Chor schon opern­hafte Züge besitzt. Die drei Finali trimmt Rhorer auf effekt­vollen Sound, wobei das dritte beseligt ausklingt: Du hast gerungen und nicht geruht/​Nun ist‘s errungen, das köstliche Gut.

Foto © Barbara Frommann

Das insgesamt beein­dru­ckende Sänger­ensemble ist nach drama­tur­gi­schen Aspekten postiert. Aus der Sicht des Publikums links vom Dirigenten die Peri und der Erzähler, rechts die weiteren vier Solisten. Sopra­nistin Sarah Wegener ist mit lyrischer Raffi­nesse und affir­ma­tiver Kraft die zentrale Figur nicht nur der Kompo­sition, sondern auch der Aufführung. Die in Opern­partien und als Konzert­so­listin erfahrene Sopra­nistin Katja Stuber, 2011 bis 2014 Junger Hirt im Bayreuther Tannhäuser, kuratiert ihre Aufgabe mit Hingabe. Lange 45 Minuten braucht es aller­dings, bis sie als Jungfrau, dann als Solistin in das Geschehen eingreifen kann. Auch die in Rollen von Mozart, Massenet und Bizet erfahrene Mezzo­so­pra­nistin Valentina Stadler, seit 2017 Mitglied des Ensembles am Gärtner­platz­theater München, meistert ihre Rollen im Alt- und Mezzofach beeindruckend.

Bei den Solopartien für Männer­stimmen ragt der Tenor Werner Güra, lange Zeit Ensem­ble­mit­glied an der Dresdner Semperoper, mit Mozart-affinen Quali­täten heraus. Er nimmt die tragende Rolle ein, die mit der eines Evange­listen in Passionen von Bach zu vergleichen wäre. Der Bassba­riton Krešimir Stražanac entpuppt sich als eine Offen­barung der Aufführung. Sein angenehmes Timbre, seine warme Höhe und der lyrische Schmelz präde­sti­nieren ihn für Partien vom Zuschnitt des Tannhäuser-Wolfram. Tenor Sascha Emanuel Kramer als Jüngling, zu dessen breit gefächertem Reper­toire Jacquino aus Fidelio zählt, lässt mit erfri­schenden Farben und kantabler Wärme aufhorchen. Für einen Teil des Publikums ist, wie am Schluss­beifall erkennbar wird, die erstmals in Bonn auftre­tende Audi-Jugend­chor­aka­demie in der Einstu­dierung Martin Steidlers eine Entde­ckung. 2007 gegründet, ist sie seit 2016 gemein­nützig organi­siert. Furios intonieren die zwischen 16 und 27 Jahre jungen Nachwuchs­sänger insbe­sondere die Chorfuge Denn heilig ist das Blut, für die Freiheit verspritzt vom Heldenmut. Ein Unikat der Partitur, fordernd wie eine Gratwan­derung im Gebirge.

Das Publikum im nicht voll besetzten Saal hält sich nach den Finali eins und zwei mit jeglichen Beifalls­kund­ge­bungen zurück. An denen, durch­setzt mit allerlei Bravo-Rufen, mangelt es am Ende der rund zweistün­digen Aufführung inklusive Pause, der einige Striche im dritten Teil guttun, wahrlich nicht. „Mondschein“ lautet das Motto des diesjäh­rigen Beetho­ven­festes in Bonn, das bis zum 29. September währt. Nike Wagner, die Inten­dantin, versteht darunter mehr als eine sinnige Anspielung auf die Mondschein­sonate Beethovens. „Mondschein“, meinen die Festi­val­macher, sei ein extrem roman­ti­sches Thema, „im Heimlich-Träume­ri­schen wie im Unheimlich-Bizarren“. Das Motto trägt kurio­ser­weise selbst an diesem Schumann-Abend, insofern der Mond expressis verbis in Peris Lied vom fallenden Tropfen auf Ägypten in Erscheinung tritt. Insofern hat sich mit der Aufführung die erhoffte Inspi­ration ein Stück erfüllt, zumindest programmatisch.

Ralf Siepmann

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