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Ein Kessel Buntes. So in etwa kann man das Konzertprogramm beschreiben, mit dem das 100-jährige Casino in Bern Anfang September neu eröffnet wurde. Es war ein reichlich kunterbuntes Unterfangen, obschon die Idee dahinter mit Sicherheit den Zeitgeist einfängt. Der Start mit einem Bombast-Bach glückt jedenfalls prächtig. Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Mario Venzago schlägt bei der Toccata in der legendären Stokowski-Fassung Funken und agiert mit elektrisierender Verve. Natürlich kommt auch der Liebling des Maestros wieder zum Zug, und das ist der deutsche Komponist Richard Strauss. Dessen Vertonung der lustigen Streiche von Till Eulenspiegel sei laut Venzago eine Belastungsprobe für das Haus. Der eine oder andere Zuhörer massiert sich dazu tatsächlich den Nacken. Belastungsprobe? Nun, Richard ist nicht Johann. Konzentration geht vor Walzerseligkeit. Aber der Chefdirigent des BSO dachte mehr an die neue Akustik im Saal, und die halle noch ein wenig. Man hört jedenfalls Nuancen und Farben, soweit die Gehörgänge reichen. Und jetzt Mozart?
Beim Klassik-Komik-Duo Igudesman & Joo scheidet sich dann aber der Geist des Kritikers von denjenigen des mehrheitlich verzückten Galapublikums. Es ist die Art Humor, wenn jemand mit der Pistole droht und drängt: „Lach jetzt, oder ich schieße!“ Kein „Little Britain“, sondern eher „Big Kalauer“. Klar, die Jungs sind hoch musikalisch und super agil. Trotzdem gefriert einigen Gästen das Grinsen im Gesicht, ähnlich wie dem hyperaktiven Pianisten, der auf Biegen und Brechen eine gute Figur machen will. Als die beiden noch anfangen zu singen, blitzt der erste gesprochene Satz von Aleksey Igudesman wieder auf: „Und jetzt Mozart!“ Nein, nein, nein: Und jetzt Pause! Die lautstarken Bravo-Rufe stimmen nicht um. Ein Gedanke drängt sich vielmehr auf: Hier entfaltet offensichtlich der eine oder andere Champagner seine volle Wirkung. Prosit!

Das Gastronomieangebot im Casino Bern ist übrigens breitgefächert. Neue Maßstäbe gelten, und das bedeutet einen ähnlich weiten Bogen wie im Konzertprogramm, der Tradition und Innovation umfasst. Beim Schlemmen und Trinken gilt die Devise: „Alles aus einer Hand“. Die insgesamt fünf Gastronomie-Konzepte bieten an 365 Tagen je 263 Personen Platz, die Essenszeit reicht von frühmorgens bis spät am Abend. Pasta nach Verdi also. Der Direktor des Casinos ist der Schweizer Starkoch Ivo Adam. Laut Venzago ist das ein weiser Entscheid, denn früher habe hier einmal ein Abt das Sagen gehabt. Die Verlinkung vom Klerus zur Küche bleibt hingegen schleierhaft, wenn man die Bierbrauerkunst in Klöstern mal ausklammert.
Nach der Unterbrechung gibt es wieder Bach. Diesmal das Zweite der Brandenburgischen Konzerte. Formschön und auf den Punkt gespielt, aber der Perlwein verursacht jetzt eine erste Schläfrigkeit. Dann endlich der Höhepunkt: Pianist Fazil Say haut in die Tasten und lässt Ravels Klavierkonzert in G‑Dur in allen Schattierungen und mit reichlich Impetus erglühen. „It sends cold shivers up and down my spine”, würde Marilyn Monroe vermutlich wie bei Rachmaninoff sagen. Wer den Filmtitel errät, erhält 100 Punkte. Jetzt ist es Zeit für stehenden Beifall und ein sonores Bravo.
Das Berner Kultur- und Gesellschaftshaus wurde 1909 erbaut. Das bedeutet Beton, Sandstein und reichlich Gold für die Verzierungen im neoklassizistischen Stil. „Zurück in die Zukunft“ lautet das Motto des Hauses nach zwei Jahren Totalrenovierung. Grandezza hier, Art déco da. Die Belle Époque blitzt auch etwas durch. Die Säle, ein großer und ein wesentlich kleinerer Konzertsaal, sind nicht nur deutlich herausgeputzt, sondern wie alles andere im Haus technisch aufgerüstet. Das Casino sei fit für Jahrzehnte, und das bedeutet auf der künstlerischen Ebene: Auf zu neuen Ufern! Igudesman & Joo leuchten den Weg. Kabarett ist genauso geplant wie das vielfach angesagte Crossover. Laut Nik Leuenberger, Leiter Kultur, will man die großen Klassikanbieter wie Meisterzyklus oder Obrasso auf keinen Fall verscheuchen. Das Potpourri soll alle ansprechen und Lücken füllen.

Fast am Ende und nach reichlich munterem Geplauder von Maestro Venzago, gibt‘s den Berner Marsch als Sahnehäubchen und in Überlänge. Nein, halt! Da ist ja noch ein Überraschungsgast. Mario greift zum roten Telefon, und es folgt ein gespielter Witz mit dem Stadtpräsident Alec von Graffenried am Draht. Sinn dieser Einlage ist die Ankündigung der zwei Berner Hitparadenstürmer Lo & Leduc, deren Auftritte Ende dieses Jahres im Casino schon fast ausgebucht sind. Aber sie sind bereits da und singen ihren Dauerbrenner 079. Eine Schweizer Sozialdemokratin bezeichnete den Ohrwurm als einen „Stalkersong“, weil die Jungs darin unbedingt die Nummer einer Angebeteten ausfindig machen wollen. Sie ist aber nicht anwesend.
Das Stück ist prickelnd orchestriert mit Großorchester und funktioniert auch in dieser Klassik-Variante. Leider ist die Verbindung zu einem Mikro zeitweilig gestört. Aber das Schweizer Telekommunikation-Unternehmen Swisscom trägt diesmal keine Schuld. Das war’s auch schon eine halbe Stunde vor Mitternacht.
Etwas festlicher hätte es gerne sein dürfen. Das perfekte Finale für die Eröffnung eines Hauses, an dem es einst auch Galakonzerte gab mit Edita Gruberova; oder Thomas Hampson wäre ein Heldentenor gewesen, der Puccinis Nessun dorma schmettert. Vincerò heißt ja Sieg! Man darf ruhig stolz sein auf das Resultat dieser Renovierung in Rekordzeit. Mit der Heldenarie hätte auch Italien als Komponisten-Land seinen Platz gehabt an einem Abend, der einmal mehr nach dem einseitigen Geschmack der alten Riege zusammengestiefelt ist. Aber bald kommt ja Florian Scholz, der derzeit noch die Geschicke in Klagenfurt leitet. Der 49-Jährige ist der designierte Intendant von Konzert Theater Bern. Und der zieht dann hoffentlich ein paar andere Saiten auf.
Peter Wäch