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Foto © Berner Symphonieorchester

Funkenschlagende Toccata

GALA
(Berner Symphonieorchester)

Besuch am
5. September 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Casino Bern

Ein Kessel Buntes. So in etwa kann man das Konzert­pro­gramm beschreiben, mit dem das 100-jährige Casino in Bern Anfang September neu eröffnet wurde. Es war ein reichlich kunter­buntes Unter­fangen, obschon die Idee dahinter mit Sicherheit den Zeitgeist einfängt. Der Start mit einem Bombast-Bach glückt jeden­falls prächtig. Das Berner Sympho­nie­or­chester unter der Leitung von Mario Venzago schlägt bei der Toccata in der legen­dären Stokowski-Fassung Funken und agiert mit elektri­sie­render Verve. Natürlich kommt auch der Liebling des Maestros wieder zum Zug, und das ist der deutsche Komponist Richard Strauss. Dessen Vertonung der lustigen Streiche von Till Eulen­spiegel sei laut Venzago eine Belas­tungs­probe für das Haus. Der eine oder andere Zuhörer massiert sich dazu tatsächlich den Nacken. Belas­tungs­probe? Nun, Richard ist nicht Johann. Konzen­tration geht vor Walzer­se­ligkeit. Aber der Chefdi­rigent des BSO dachte mehr an die neue Akustik im Saal, und die halle noch ein wenig. Man hört jeden­falls Nuancen und Farben, soweit die Gehör­gänge reichen. Und jetzt Mozart?

Beim Klassik-Komik-Duo Igudesman & Joo scheidet sich dann aber der Geist des Kritikers von denje­nigen des mehrheitlich verzückten Galapu­blikums. Es ist die Art Humor, wenn jemand mit der Pistole droht und drängt: „Lach jetzt, oder ich schieße!“ Kein „Little Britain“, sondern eher „Big Kalauer“. Klar, die Jungs sind hoch musika­lisch und super agil. Trotzdem gefriert einigen Gästen das Grinsen im Gesicht, ähnlich wie dem hyper­ak­tiven Pianisten, der auf Biegen und Brechen eine gute Figur machen will. Als die beiden noch anfangen zu singen, blitzt der erste gespro­chene Satz von Aleksey Igudesman wieder auf: „Und jetzt Mozart!“ Nein, nein, nein: Und jetzt Pause! Die lautstarken Bravo-Rufe stimmen nicht um. Ein Gedanke drängt sich vielmehr auf: Hier entfaltet offen­sichtlich der eine oder andere Champagner seine volle Wirkung. Prosit!

Fazil Say – Foto © Gudrun Meyer

Das Gastro­no­mie­an­gebot im Casino Bern ist übrigens breit­ge­fä­chert. Neue Maßstäbe gelten, und das bedeutet einen ähnlich weiten Bogen wie im Konzert­pro­gramm, der Tradition und Innovation umfasst. Beim Schlemmen und Trinken gilt die Devise: „Alles aus einer Hand“. Die insgesamt fünf Gastro­nomie-Konzepte bieten an 365 Tagen je 263 Personen Platz, die Essenszeit reicht von frühmorgens bis spät am Abend. Pasta nach Verdi also. Der Direktor des Casinos ist der Schweizer Starkoch Ivo Adam. Laut Venzago ist das ein weiser Entscheid, denn früher habe hier einmal ein Abt das Sagen gehabt. Die Verlinkung vom Klerus zur Küche bleibt hingegen schlei­erhaft, wenn man die Bierbrau­er­kunst in Klöstern mal ausklammert.

Nach der Unter­bre­chung gibt es wieder Bach. Diesmal das Zweite der Branden­bur­gi­schen Konzerte. Formschön und auf den Punkt gespielt, aber der Perlwein verur­sacht jetzt eine erste Schläf­rigkeit. Dann endlich der Höhepunkt: Pianist Fazil Say haut in die Tasten und lässt Ravels Klavier­konzert in G‑Dur in allen Schat­tie­rungen und mit reichlich Impetus erglühen. „It sends cold shivers up and down my spine”, würde Marilyn Monroe vermutlich wie bei Rachma­ninoff sagen. Wer den Filmtitel errät, erhält 100 Punkte. Jetzt ist es Zeit für stehenden Beifall und ein sonores Bravo.

Das Berner Kultur- und Gesell­schaftshaus wurde 1909 erbaut. Das bedeutet Beton, Sandstein und reichlich Gold für die Verzie­rungen im neoklas­si­zis­ti­schen Stil. „Zurück in die Zukunft“ lautet das Motto des Hauses nach zwei Jahren Total­re­no­vierung. Grandezza hier, Art déco da. Die Belle Époque blitzt auch etwas durch. Die Säle, ein großer und ein wesentlich kleinerer Konzertsaal, sind nicht nur deutlich heraus­ge­putzt, sondern wie alles andere im Haus technisch aufge­rüstet. Das Casino sei fit für Jahrzehnte, und das bedeutet auf der künst­le­ri­schen Ebene: Auf zu neuen Ufern! Igudesman & Joo leuchten den Weg. Kabarett ist genauso geplant wie das vielfach angesagte Crossover. Laut Nik Leuen­berger, Leiter Kultur, will man die großen Klassik­an­bieter wie Meister­zyklus oder Obrasso auf keinen Fall verscheuchen. Das Potpourri soll alle ansprechen und Lücken füllen.

Igudesman & Joo – Foto © privat

Fast am Ende und nach reichlich munterem Geplauder von Maestro Venzago, gibt‘s den Berner Marsch als Sahne­häubchen und in Überlänge. Nein, halt! Da ist ja noch ein Überra­schungsgast. Mario greift zum roten Telefon, und es folgt ein gespielter Witz mit dem Stadt­prä­sident Alec von Graffenried am Draht. Sinn dieser Einlage ist die Ankün­digung der zwei Berner Hitpa­ra­den­stürmer Lo & Leduc, deren Auftritte Ende dieses Jahres im Casino schon fast ausge­bucht sind. Aber sie sind bereits da und singen ihren Dauer­brenner 079. Eine Schweizer Sozial­de­mo­kratin bezeichnete den Ohrwurm als einen „Stalkersong“, weil die Jungs darin unbedingt die Nummer einer Angebe­teten ausfindig machen wollen. Sie ist aber nicht anwesend.

Das Stück ist prickelnd orches­triert mit Großor­chester und funktio­niert auch in dieser Klassik-Variante. Leider ist die Verbindung zu einem Mikro zeitweilig gestört. Aber das Schweizer Telekom­mu­ni­kation-Unter­nehmen Swisscom trägt diesmal keine Schuld. Das war’s auch schon eine halbe Stunde vor Mitternacht.

Etwas festlicher hätte es gerne sein dürfen. Das perfekte Finale für die Eröffnung eines Hauses, an dem es einst auch Galakon­zerte gab mit Edita Gruberova; oder Thomas Hampson wäre ein Helden­tenor gewesen, der Puccinis Nessun dorma schmettert. Vincerò heißt ja Sieg! Man darf ruhig stolz sein auf das Resultat dieser Renovierung in Rekordzeit. Mit der Helde­narie hätte auch Italien als Kompo­nisten-Land seinen Platz gehabt an einem Abend, der einmal mehr nach dem einsei­tigen Geschmack der alten Riege zusam­men­ge­stiefelt ist. Aber bald kommt ja Florian Scholz, der derzeit noch die Geschicke in Klagenfurt leitet. Der 49-Jährige ist der designierte Intendant von Konzert Theater Bern. Und der zieht dann hoffentlich ein paar andere Saiten auf.

Peter Wäch

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