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Sechs Jahre nach der grandiosen Premiere von Don Pasquale und knapp drei Jahre nach Katharina Thalbachs überzeugender Interpretation von Lucia di Lammermoor steht in Leipzig als erste Opernpremiere der Spielzeit 2019⁄20 mit Der Liebestrank wieder eine Donizetti-Oper auf dem Spielplan, ein Klassiker des Belcantos. Gaetano Donizetti, gerne auch „Maestro orgasmo“ genannt, gilt neben Rossini und Bellini als einer der drei großen Vertreter des Belcantos und komponierte das Werk um das Liebesglück verheißende Gebräu innerhalb von zwei Wochen. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Ein Liebestrank soll es richten. Zumindest setzt Nemorino all seine Hoffnung in dieses Gebräu: Schließlich hat er als kleiner Niemand – so die wörtliche Übersetzung seines Namens – sein Herz an die anbetungswürdige, aber eher am schneidigen Belcore interessierte Adina verloren. Welch ein Glück, dass der fahrende Wunderdoktor Dulcamara ein solches Mittel rein zufällig in seinem Sortiment führt. Das Wunderelixier, bei dem es sich freilich um nichts anderes als Alkohol handelt, zeigt auch prompt seine Wirkung: Mit frisch gewonnenem Selbstvertrauen steigt Nemorino zum begehrtesten Junggesellen weit und breit auf – wozu das Gerücht einer beträchtlichen Erbschaft wohl nicht unwesentlich beiträgt. So gelingt es Nemorino nicht nur, seinen Nebenbuhler auszustechen, sondern letztlich auch Adinas Herz zu gewinnen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Rolando Villazón, der im Laufe seiner erfolgreichen Gesangskarriere den Nemorino an den großen Bühnen dieser Welt gegeben hat, inszeniert zum ersten Mal an der Oper Leipzig und sorgt natürlich im Vorfeld für großes Interesse und Nachfrage. Selbstredend ist die Premiere ausverkauft, die Spannung und Vorfreude im Publikum ist groß. Bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden 2012 hat Villazón in seiner zweiten Regiearbeit insgesamt das erste Mal diese Oper als „Italo-Western“ inszeniert und dabei selbst den Nemorino gesungen.
In Leipzig konzentriert sich Villazón ausschließlich auf die Regie, die an sein Baden-Badener Konzept von 2012 anknüpft, aber die Personenregie an die Sängerdarsteller der Oper Leipzig anpasst. Villazón verlegt in seiner Inszenierung die Handlung an das Filmset eines Western-Movies der 1940-er Jahre in klassischer John-Ford-Kulisse und schafft damit ein Spiel im Spiel. Am Filmset soll der Italo-Western The Wild, Wild Girl gedreht werden – mit Adina und Belcore in den Hauptrollen. Dulcamara ist der Regisseur und gibt – unterstützt von Regieassistentin Giannetta – im Film den indianischen Medizinmann. Als einfacher, mexikanischer Statist ist Nemorino Hals über Kopf in die Filmdiva Adina verliebt, hat aber zunächst keine Chancen bei ihr, zumal er auch nicht immer zwischen Realität und Filmfiktion unterscheiden kann. Alle Verwicklungen um seine Liebe zu Adina werden in der Rahmenhandlung am Set und im „Film auf dem Theater“ gespiegelt. Erinnerungen und Parallelen zu den frühen Stummfilmstars wie Buster Keaton, Harold Lloyd oder Charlie Chaplin sind gewollt. Um die zwei Handlungsebenen voneinander zu trennen, setzt Villazón an seinem „Filmset“ auf von der Commedia dell ´arte inspirierte Gestik und Mimik, die beinahe pantomimische Momente entstehen lassen.

Dabei schafft er es, den Spagat zwischen clowneskem Humor und der immer wieder durchscheinenden Melancholie so anzusetzen, dass das Pendel weder in die eine noch in die andere Richtung zu stark ausschlägt. Durch die Slapstick-Einlagen, bei denen auch schon mal jemandem eine Torte ins Gesicht gedrückt wird, ist viel Heiterkeit im Spiel, und der Regisseur des Films darf dann auch schon mal im breitesten Schwarzenegger Akzent „action“ oder „cut“ rufen. Villazón achtet in seiner Personenregie schon penibel auf die Details, denn die schnellen Abfolgen müssen sitzen, sonst hängt die Szene. Jeder Chorsänger, jeder Komparse hat eine sehr individuelle und zum Teil tragende Rolle in diesem Gesamtkonzept. Da gibt es einen Indianer, der fast 2 ¾ Stunden stoisch auf der Bühne steht, grimmig schaut und ab und zu ein lautes „Howgh“ von sich gibt. Oder ein Chinese, der im Hintergrund die ganze Zeit „Thai-Chi“-Übungen in Zeitlupe durchführt. Am Anfang wirken diese Statisten wie Fremdkörper, doch im Laufe der Handlung werden sie dem Publikum immer vertrauter und gehören schlichtweg dazu. Und so fügen sich die Handlungsstränge und die Querverbindung zwischen Filmszenerie und reiner Opernhandlung harmonisch zusammen und ergeben ein durchaus schlüssiges Regiekonzept, in dem durch die vielen bekannten Filmzitate für jeden Zuschauer etwas Bekanntes dabei ist, und wenn es King Kong ist, der sich aus einem anderen Filmstudio ans Set verirrt hat.
Das Bühnenbild von Johannes Leiacker scheint einem der großen Western-Filme wie Die Glorreichen Sieben entliehen zu sein. Man sieht den obligatorischen Saloon, eine Bank, das Haus des Sheriffs und natürlich ein Gefängnis, alles als Hintergrundkulisse des Filmsets, gut verschiebbar und drehbar, so dass im zweiten Akt der offene Saloon als Kulisse fungiert.
Die Kostüme von Thibauld Vancraenenbroeck sind der Filmkulisse entsprechend konzipiert und würden auch wunderbar zu Puccinis Oper Das Mädchen aus dem Goldenen Westen passen.

Auch musikalisch und sängerisch stimmt die Mischung an diesem Abend. Allen voran Bianca Tognocchi mit ihrem fulminanten Rollendebüt als Adina. Mit leichtem Stimmansatz bewältigt sie mühelos die Koloraturen und die dramatischen Höhen. Registerwechsel und Tessitura sind bei ihr perfekt angelegt wie zum Beispiel in der großen Arie Chiedi all’aura. Auch ihr Spiel als Hollywood-Diva ist köstlich, eine Ähnlichkeit zu einer gewissen Rita Hayworth ist schon offensichtlich. Piotr Buszewski ist als Nemorino so etwas wie eine Idealbesetzung und tritt mit seinem geschmeidigen Belcanto-Tenor und dem naiv-clownesken Spiel aus dem Schatten seines Regisseurs, der diese Rolle stark geprägt hat. Höhepunkt ist natürlich die große Arie Una furtiva lagrima, die er mit großem stilistischem Ausdruck und der notwendigen Melancholie interpretiert, und hier zeigt sich die tiefgründige Seele des kleinen Nemorino. Jonathan Mitchie als Belcore begeistert mit kraftvollem und doch schmeichelndem Bariton und chargierendem Spiel als eitler, selbstverliebter Belcore, während Sejong Chan als Dulcamara mit seinem markanten Bass und herrlich witzigem Spiel fast den Hauptprotagonisten etwas die Schau stiehlt. Sandra Maxheimer als Giannetta kann die wenigen sängerischen Passagen überzeugend gestalten.
Der Chor der Oper Leipzig, hervorragend von Alexander Stessin eingestellt, überzeugt wieder durch eine beeindruckende Stimmharmonie und engagiertes Spiel. Die junge Dirigentin Giedrė Šlekytė am Pult des Gewandhausorchesters war im letzten Jahr bei der Premiere von Schwanensee die Entdeckung des Abends. Šlekytė lässt das Gewandhausorchester einen leichten, aber intensiven Donizetti spielen. Und gerade diese Leichtigkeit aus dem Graben auf die Bühne und ins Publikum zu transponieren, das ist eine große Herausforderung. Sie wechselt die Tempi, ohne sich zu vergaloppieren und begleitet sehr sängerfreundlich das Ensemble. An manchen Stellen fehlt vielleicht etwas die Spritzigkeit, die Donizettis Musik so auszeichnet, und manchmal klingt es etwas verhalten aus dem Orchestergraben, aber insgesamt ist es eine überzeugende Leistung des Gewandhausorchesters, das wieder einmal gezeigt hat, dass es nicht nur das große romantische und dramatische Repertoire von Wagner und Strauss beherrscht. Als der Vorhang fällt, ist die Aufführung noch nicht vorbei. Das Opernhaus verwandelt sich in ein Kino, und zu den Klängen der Ouvertüre wird im Stil eines Stummfilms ein gut dreiminütiger schwarz-weiß-Film gezeigt, der die Highlights des grade gedrehten Films The Wild, Wild Girl noch einmal zeigt. Die Kameraführung ist rasant und zeigt das grade gesehene in Close-ups. Da hat sich Maria Gollan ein ganz großes Sonderlob verdient.
Das Publikum ist am Schluss nach nahezu drei Stunden Aufführungszeit begeistert, es gibt lautstarken Jubel für alle Protagonisten, einschließlich des Regieteams, und nach dem zweiten Vorhang erhebt sich das Publikum geschlossen. Besser hätte der Start in die neue Spielzeit kaum laufen können. Und wer nicht genug hat von diesem Liebeselixier: In drei Wochen steht in Leipzig die nächste Premiere mit einem Liebestrank auf dem Spielplan, dann wird es aber deutlich ernster. Richard Wagners Tristan und Isolde ist angekündigt.
Andreas H. Hölscher