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DON CARLOS
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
19. September 2019
(Premiere)
Ehrgeizig startet Antwerpens neuer Intendant Jan Vandenhouwe seine Amtszeit an der Opera Ballet Vlaanderen. Am Pult ist mit dem Argentinier Alejo Pérez ein neuer Musikchef mit von der Partie und für die gewählte fünfaktige Fassung des Don Carlos in französischer Originalsprache verpflichtete er niemand Geringeren als Johan Simons, den derzeitigen Intendanten des Bochumer Schauspielhauses. Simons ist auch in Belgien gut vernetzt und konnte sich in seinen drei Jahren als Intendant der Ruhrtriennale auf Vandenhouwe als fachkundigen Dramaturgen stützen.
Ein Verdi in Samt und Seide ist also nicht zu erwarten. Dafür sorgt nicht zuletzt der Dirigent, der das dunkel grundierte Timbre der Partitur mit scharfen melodischen und dynamischen Konturen aufraut und so forsch zugeht, dass in der Premiere das Zusammenspiel von Bühne und Orchester noch deutlich hakt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Und das Weltreich König Philipps entpuppt sich bei Simons als chaotisches Kinderzimmer, in dem der Titelheld keine Chance bekommt, erwachsen zu werden. Auch die anderen Figuren mit Ausnahme Posas lassen immer wieder erkennen, dass deren Abnabelung von der Kindheit ebenfalls nicht rundum gelungen ist. Gitterbetten wie aus alten Kinderstuben beherrschen die Bühne. Und daran klammert sich sogar der Großinquisitor, und auch König Philipp fällt stellenweise in frühkindliche Posen zurück. Dass Elisabeth für Carlos die Rolle der Mutter und der Geliebten in Personalunion einnehmen muss, vermag die erschütterte Persönlichkeitsstruktur des verhinderten Thronfolgers erst recht nicht zu stärken.
Simons greift die historische Tatsache auf, dass Carlos von seinem Vater geradezu gefangen gehalten und von allen politischen Aktivitäten ausgeschlossen wurde. In der Oper kollidiert der Freiheits- und Befreiungsdrang des Infanten mit seinem isolierten Leben im goldenen Laufstall.
Hans Op de Beeck schafft ein bizarres Szenario mit teils realen, teils abstrakten, meist übergroß dimensionierten Spielzeugen, die sich zu Landschaften wie aus pittoresken Gemälden Breughels und Boschs zusammenfügen. Ergänzt durch Video-Einblendungen gemalter Landschaften Andalusiens, die einen Frieden andeuten, den Philipp nicht einmal im eigenen privaten Umfeld erzielen kann, und die Freiräume suggerieren, die Philipp nicht gewähren will.

Die sorgfältig ausgearbeitete und in keinem Fall von der Handlung ablenkende Interpretation aus der Kindheitsperspektive des Titelhelden verengt freilich den Blick auf die politischen Dimensionen des Stücks. Letztlich geht es nicht nur um die persönliche Befreiung des Infanten, sondern auch um die Erlösung der Welt von der Tyrannei der inquisitorischen Kirche, als deren Handlanger Philipp agieren muss. Die großen Auseinandersetzungen zwischen Philipp und Posa sowie zwischen Philipp und dem Großinquisitor gestaltet Verdi so unwiderstehlich grandios, dass sie auch in Antwerpen ihre Wirkung nicht verlieren. Gleichwohl werden sie von der psychologischen Nabelschau der Inszenierung überwuchert, was sich besonders deutlich in der erstaunlich fantasielosen Autodafé-Szene niederschlägt.
Das Premieren-Publikum reagiert mit teilweise begeistertem, aber auch zurückhaltendem Beifall auf die szenische Realisierung. Und auch der Beifall für die Sänger fällt sehr differenziert aus. Leonardo Capalbo verfügt für die Titelrolle über einen außerordentlich schönen Lirico-Spinto-Tenor, der freilich in den Spitzentönen in Bedrängnis gerät. Allerdings verlangt Simons dem Sänger konditionell Übermenschliches ab. Während der gesamten vierstündigen Aufführung ist der Sänger auf der Bühne und nahezu rastlos in Bewegung. Kletternd, über den Boden kriechend oder den Zuschauerraum durchhetzend. Mary Elizabeth Williams überzeugt als Elisabeth mit einer erlesenen Piano-Kultur, allerdings lässt ihre Stimme schon in mittleren Forte-Bereichen unangenehme Schärfen anklingen. Andreas Bauer Kanabas als Philipp, die vor Energie und vokaler Durchschlagskraft geradezu explodierende Raehann Bryce-Davis als Eboli und der kultiviert singende Kartal Karagedik als Posa bieten die geschlossensten vokalen Leistungen.
Pedro Obiera