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UN BALLO IN MASCHERA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
19. September 2019
(Premiere am 14. September 2019)
Jetzt ist es also offiziell. Ulrich Peters hört als Generalintendant am Theater Münster zum Ende der Spielzeit 2021⁄22 auf. „Ich möchte mich gerne wieder etwas der Regie widmen, was in den zurückliegenden 23 Jahren als Intendant einfach etwas zu kurz kam“, sagt er im Rückblick auf drei aufeinanderfolgende Intendanzen. Und weil die Arbeit bis dahin weitergehen muss, als sei nichts geschehen, steht jetzt Un ballo in maschera in Münster auf dem Programm.
Eigentlich hat Verdi mit seinem Maskenball gleich zwei hohe Tiere „auf dem Gewissen“. Einmal den König von Schweden, Gustav III., der 1792 eben auf einem Maskenball angeschossen wird, so dass er kurze Zeit später stirbt. Und dann einen fiktiven Gouverneur namens Riccardo im fernen Amerika, genauer in Boston, der unter gleichen Umständen ums Leben kommen muss, weil die Zensur in Neapel Verdi nicht erlauben wollte, dass ein König auf der Bühne stirbt. In Münster verbindet Regisseur Marc Adam diese beiden Stränge. Hier ist ein amerikanischer Gouverneur fasziniert vom schwedischen König und lässt seinen Regierungsapparat die pompösen barocken Bilder aus Gustavs Zeiten nachstellen. Irgendwie keine gute Idee, einem König nachzueifern, der einem Attentat zum Opfer fällt. Mord mit Ansage.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Für Monika Gora ergibt sich die Chance, moderne und schlichte Bühnenelemente mit barockem Prunk zu verbinden, was ihr auch sehr gut gelingt. Die Sänger treten im schwarzen Alltagsanzug auf, um sich dann bei Bedarf mit Gehröcken, Reifröcken, Federn und Perücken auszustatten. Ein kleiner Geniestreich sind die Kostüme beim Finale, poppig grell und barock zugleich, dazu sind alle noch mit einem lebensgroßen Aufsteller des Königs „maskiert“. Nur ein einziges Kleid ist Gora misslungen, und das ist ausgerechnet das erste Kleid der Amelia, die darin unvorteilhaft alt erscheint.
Dass die einzige Liebesszene der Oper misslingt, liegt aber nicht nur am Kleid, sondern auch daran, dass dem Regisseur auf leerer Bühne nicht viel für das Liebespaar einfällt. Generell bezieht die Produktion ihre Stärke weniger aus ihrer etwas verhaltenen Personenführung, dafür umso mehr aus ihrer optischen Suggestivkraft – wie beispielsweise in der schön atmosphärischen Ulrica-Szene, die ohne Übertreibungen auskommt. Auch das Sinfonieorchester Münster hat sich bis zu diesem Zeitpunkt wirklich freigespielt und beschwört einen düsteren Klang herauf. Mit der eher heiteren ersten Szene tut sich das Orchester noch schwer, da klingt einiges unpräzise. Aber dann knackt es diese spezielle Mischung aus Scherzo und Dramatik, liefert teilweise atemberaubende Läufe ab, die ihm Golo Berg am Pult abverlangt. Der Dirigent hat nicht nur das Orchester gut im Blick. Er sorgt auch dafür, dass seine Sänger nie zugedeckt werden, erzeugt Dramatik durch einen klugen Aufbau und nicht durch Lautstärke.

Das zahlt sich vor allem für Garrie Davislim aus, der allen Facetten des Riccardo gerecht wird. Er singt wunderbar elegant, führt seine Stimme schlank, aber stets gut gestützt. So präsentiert er die leichtfertige Seite des Königs mit flüssigem Parlando und kostet viele der Spitzentöne mit Leidenschaft aus. Filippo Bettoschi verzichtet als Renato auf jegliche Kraftmeierei, bleibt fast etwas unscheinbar, bis er die ersten Kadenzen von Alla vita che t’arride so versiert vorträgt, als sänge er jeden Tag Verdi. Seine Entwicklung vom treuen Freund zum verletzten Attentäter besiegelt er durch ein intensiv, schön auf dem Atem liegendes vorgetragenes Eri tu. Nicht ganz mithalten kann Kristi Anna Isene auf diesem Niveau. Ihre Amelia hat zwar durchaus emotionales Format und Größe, aber ihre Höhe gerät zu oft an fast schrille Grenzen. Vielleicht ist es auch nur eine schlechte Abendverfassung. Monika Walerowiczi ist in der Rolle nicht die typische Alt-Orgel, sondern sagt ihre Prophezeiungen mit psychologischer Schärfe auf.
Vorangetrieben wird der Opernabend auch durch die Nebenrollen. Marielle Murphy, schon als Blondchen in der letzten Saison großartig, liefert als Oscar pure Lebensfreude ab. Christoph Stegemann und besonders Gregor Dalal sind als Tom und Samuel vokal präsente Verschwörer, die die eher kleinen Rollen nahezu festspielwürdig aufwerten. Aus den Reihen des Chores treten Christian-Kai Sander und Valmar Saar als Silvano hervor. Der von Joseph Feigl einstudierte Chor und Extrachor tritt ebenfalls nur positiv in Erscheinung.
Es ist eine Vorstellung, in der es genügend Möglichkeiten für Szenenapplaus gibt. In der zweiten Vorstellung wirkt dieser fast geisterhaft. Es sind erschreckend wenig Zuschauer gekommen. Gefühlt ist gerade mal die Hälfte der Sitze besetzt. Das ist eindeutig zu wenig für die dargebotene Qualität. Es bleibt zu hoffen, dass das nur eine Ausnahme und kein Trend ist in Westfalens schönster Stadt.
Rebecca Hoffmann