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Foto © Bernd

Sie kommen einander nicht näher

TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)

Besuch am
21. September 2019
(Premiere)

 

Oper Köln, Staatenhaus Deutz

Es sind vor allem Fragen, die Patrick Kinmonth an Richard Wagners Tristan und Isolde inter­es­sieren, diesem in seiner ganzen Machart einzig­ar­tigen Genie­streich des Bayreuther Meisters, mit dem die Kölner Oper ihre Saison im neu und äußerst bequem bestuhlten Staatenhaus eröffnete. Kinmonth bewegen Fragen nach der Stabi­lität von Bezie­hungen, die mit positiven Attri­buten wie Liebe, Treue, Vertrauen und Freund­schaft dekoriert, aber gerade in Wagners Drama geradezu brutal in Frage gestellt wird. In kaum einem anderen auch nur annähernd vergleich­baren Werk werden Liebe und Vertrauen so hymnisch besungen und gleich­zeitig so radikal verraten. Kinmonth möchte keine Antworten liefern und belässt die Figuren in ihrer von Illusionen und Zweifeln behaf­teten Isolation. Sie alle kommen einander einfach nicht näher. Weder Tristan seiner Isolde noch Marke seinem Tristan, weder Brangäne ihrer Isolde noch Kurwenal seinem Tristan.

Als Konzept versprechen Kinmonths Überle­gungen aller­dings mehr, als er szenisch einlösen kann. Die Dekora­tionen von Darko Petrovic unter­stützen zwar die Einsamkeit der Figuren: im Zentrum vier schmucklose, durch dicke Wände vonein­ander getrennte Kajüten eines ziemlich abgeta­kelten Dampfers, in denen die Protago­nisten weitgehend in strenger Isolation verharren. Dem Orchester noch vorge­lagert ist eine Decken­land­schaft, die als Projek­ti­ons­fläche für Video-Einblen­dungen von Wellen­land­schaften und Exerzier­übungen eines militä­risch straff choreo­gra­fierten, aber völlig überflüs­sigen und nur störenden Bewegungs­chors dient. Die Seiten­bühnen werden für Neben­hand­lungen als Amtssitz des Königs, als Komman­do­brücke und als felsige Klippen­land­schaft genutzt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Doch auch dieses Szenario wirkt auf dem Papier überzeu­gender als im Ergebnis. Denn wenn die Protago­nisten fünf Stunden in einem solch nüchternen und ernüch­ternden Umfeld in fast bewegungs­loser Starre neben­ein­an­der­sitzen oder ‑stehen, geht von der emotio­nalen Inten­sität und der magischen Aura des Werks zu viel verloren. Es stellt sich ein Ungleich­ge­wicht zwischen Idee und Reali­sierung, zwischen Kopf und Herz ein, das sich mit Wagners Partitur kaum in Einklang bringen lässt.

Es ist wieder einmal François-Xavier Roth, der brillante Chefdi­rigent des engagiert und versiert aufspie­lenden Gürzenich-Orchesters, der den Abend durch musika­lische Glanz­lichter um wenigstens eine Klasse aufstocken kann. Das Vorspiel geht er zwar, von ellen­langen General­pausen durch­lö­chert, so schleppend an, als wolle er einen musika­li­schen Still­stand zelebrieren. Aber im Verlauf des ersten Akts bringt er bereits die emotio­nalen Dimen­sionen der Musik zum Glühen. Ein werkge­rechter Zugang, der seine Wirkung nicht verfehlt, auch wenn die nüchterne Regie den aufge­wühlten Klängen immer wieder im Wege steht.

Foto © Bernd Uhlig

Tristan und Isolde sitzen und stehen viel in Köln, getrennt durch Mauern oder weite Distanzen. Näher kommt Isolde ihrem einst gehassten, dann unsterblich geliebten Tristan erst am Schluss. Trotz der szeni­schen Einschrän­kungen vermag Ingela Brimberg in ihrem Rollen­debüt als Isolde eine Menge von innerer Zerris­senheit der Figur zum Ausdruck zu bringen, szenisch wie auch vor allem gesanglich. Eine Sängerin mit einer angemessen großen und bis zum Schluss­gesang mühelos und ohne forcierte Stemm­übungen anspre­chende Stimme. Peter Seiffert, der als Lohengrin Opern­ge­schichte geschrieben hat, tut sich als Tristan schwerer. Dass ihm die lyrischen Passagen im großen Liebes­duett besonders gut gelingen, überrascht nicht. Ansonsten wirkt seine Stimme vom ersten Ton an angestrengt, immer an der Grenze ihrer Kapazi­täten lancierend. Dass er den Abend einschließlich der kräfte­zeh­renden Sterbe­szene im letzten Akt ohne nennens­werte Einbrüche durch­steht, zeugt von seiner Erfahrung und der Stabi­lität seiner Stimme. Ob solche Kraftakte aller­dings gesund für seinen wunder­baren Tenor sind, wird die Zukunft zeigen.

Eine Brangäne, die ihren warmen Mezzo ohne Hysterie einsetzen und die Warnrufe während des Liebes­duetts geradezu sinnlich schön und mit einer perfekten Legato-Kultur aussingen kann, verkörpert Claudia Mahnke. Und der Kurwenal ist mit Samuel Youn geradezu luxuriös besetzt. Einen markant dekla­mie­renden, in den Höhen schwä­chelnden König Marke liefert Karl-Heinz Lehner, und auch die leicht geführten Tenöre von Young Woo Kim und Insik Choi in den kleineren Rollen gehören ebenso wie der kräftig zulan­gende Chor zu den Pluspunkten der Aufführung. Die einzige Schwach­stelle bietet John Heuzen­roeder als Melot.

Begeis­terter Beifall für das musika­lische Team, Zustimmung auch, wenn auch keine eupho­rische, für das Leitungsteam.

Pedro Obiera

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