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Die Werkstatt alias Studiobühne des Theaters Bonn ist ein auf Enge und Nähe ausgelegter Raum. Steil steigen die wenigen Reihen in Kinobestuhlung an, die knapp 200 Besuchern Platz bieten. Die Bühne scheint so nah, als könne man sie mit Händen greifen. Bei der Premiere der Kammeroper Infinito Nero – Das unendliche Schwarz – des sizilianischen Komponisten Salvatore Sciarrino in Kooperation mit dem Beethovenfest Bonn wird dieses Szenario der Grenzerfahrung noch gesteigert, bis an die Schwelle zur Klaustrophobie. Schwarze Masken liegen zu Beginn auf den Stühlen. Die Nachtschwärze des Sujets soll offenkundig um eine Dimension erweitert werden. Vielleicht auch eine Anspielung auf „Mondschein“, das Motto des Beethovenfests 2019. Genauer die ihn voraussetzende Nacht, den Kontrapunkt des Lichts, des Lebens. Diesen romantischen wie erschreckenden Ort jeder Mond-Empfindung.
Der spielerische Umgang mit der laut Untertitel Ekstase in einem Akt für Stimme und acht Instrumente ist natürlich spekulativ, wie im Übrigen die ganze Aufführung als Grenzfall verstanden werden kann. Als ein Experiment zur Auslotung der Rezeptionsfähigkeit des Menschen, quer zur überwiegend säkularen Grundeinstellung der meisten Menschen heute, irritierend, verstörend und doch atmosphärisch dicht und berührend.
Sciarrinos 25-Minuten-Opus, uraufgeführt bei den Wittener Tagen der neuen Musik 1998, hat seinen Ausgangs- und Fixpunkt in der Annahme jenes kosmischen Zustandes, der nach christlicher Theologie der Erschaffung der Welt vorausgeht. Er lässt sich als Chaos, griechisch für „das Ungeordnete“, die „gähnende Leere“, oder auch als Schwarz im Sinne eines vorexistenziellen Topos fassen. Die aus diesem Urzustand zu begreifenden Texte der Kammeroper nehmen Visionen und Beschwörungen der karmelitischen Ordensschwester Maria Maddalena dei Pazzi auf, die seit 1669 in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Die Texte restaurieren eine religiös-spiritistische Existenz, halb Wahn, halb Hingabe, die sich der einfachen Zuordnung entzieht. Es sind im Prinzip lediglich Wortfetzen und Satzbruchstücke, für die der Komponist eine adäquate, nicht goutierbare Musiksprache gefunden hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der Regisseur des Bonner Unterfangens, Mark Daniel Hirsch, Sciarrino durch gemeinsame Projekte wie etwa dessen Lohengrin eng verbunden, hat sich für die Annäherung an das Drama einer exzessiven Entfremdung einen dramaturgisch originellen Pfad ausgedacht. Infinito Nero geht als Doppel über die Bühne. Erst unter dem Vorzeichen der schwarzen Augenbinden als akustisches, nach der Pause in einer inszenierten Fassung als Theatererlebnis. Auf die visuelle Reprise des Stoffs bereitet kurioserweise ein wabernder Nebel vor, der allmählich den Blick freigibt auf einige im Raum verteilte Requisiten. Vor dem Ensemble von acht Musikern und Musikerinnen des Beethoven-Orchesters Bonn unter Leitung des Ersten Kapellmeisters Hermes Helfricht, im hinteren Bühnenbereich positioniert, ist ein Zylinder postiert. Dessen inneres Licht gelangt in dem Maße zum Strahlen, wie Maddalena ein ihn zunächst einhüllendes schwarzes Tuch in kreisrunden Bewegungen einholt und so nach und nach aufleuchtende Buchstaben sichtbar macht. Die Bühnenskulptur mag als plakative Umsetzung der Vision der Mystikerin oder auch Manifestation ihrer von Nonnen aufgeschriebenen Emanationen gedeutet werden. Ob nun zu viele oder zu verwirrende Symbolismen – wirksam ist sie allemal. Für die Ausstattung sorgt Maria Stauch, das Licht besorgt Max Karbe.

Hirsch teilt die Figur der Maddalena in eine, die sie ist, und eine, als die sie dargestellt wird. Für die Darstellung sorgt die Schauspielerin Helena Bauer, die zu Beginn, ausgeleuchtet von einem Schweinwerfer, betend auf dem Boden hockt. Später tritt noch ein weiteres Wesen hinzu, Das Mensch gewordene Wort, also Christus, der von dem Tänzer Keisuke Mihara verkörpert wird. Die Mystikerin gibt Dshamilja Kaiser, die der Ordensschwester – Medium Gottes? – ihre Stimme leiht. Die Mezzosopranistin ist dem Bonner Publikum vor allem aus Penthesilea von Othmar Schoeck, zuletzt als Ortrud im Lohengrin Wagners sowie als Laura in La Gioconda ein Begriff. Unter Genreaspekten erinnert die Partie an die Monooper La voix humaine von Francis Poulenc. Unter Genderaspekten bietet sie Parallelen zur Oper 13 Oder til Maria des Bonner Komponisten Heinz Walter Florin, die 2014 im Dom zu Roskilde, Dänemark, uraufgeführt worden ist. Hier eine minimalistische Reflektion über die durch die Technik gesteigerten Grenzen der menschlichen Kommunikation, dort eine oratorische Studie über die Bedeutung und die Stellung der Frau innerhalb der Institution der Kirche.
Was Kaiser, seit zwei Jahren Mitglied des Bonner Opernensembles, in den vokalen Passagen dieser extreme Konzentration fordernden Partie leistet, ist phänomenal. Von einer sängerischen Aufgabe im Stil der klassischen Oper kann ja überhaupt keine Rede sein. Im Stakkato-Stil bringt sie Wortfetzen und Fragmente von Sätzen entsprechend den in Italienisch abgefassten Ekstasen der Nonne hervor. Als Beispiel eine Sequenz, die sich an ihre Vorstellung Gottes richtet, ins Deutsche übersetzt: … auf deinem Körper Öffnungen, die uns unbekannt sind. Türen, Fenster, Löcher, Zellen, Öffnungen des Himmels, Höhlen. Tropfend ohne Ende. Sie sind die Wunden, in denen ich mich verliere, komm, komm. Im Übrigen ist Schweigen die Anweisung, die sich am häufigsten durch das knappe Libretto zieht.
Zu bewundern ist nicht minder die Professionalität des instrumentalen Ensembles, das überwiegend solistisch in Erscheinung tritt. Die Flöte, mal als bloßes Mundstück, mal als Querflöte, haucht Luftströme, die das Ein- und Ausatmen nachzeichnen. Die Pauke bildet den menschlichen Herzschlag ab. Die Violine gibt dem transzendentalen Sehnen der Nonne Ausdruck. Überirdische Sphären haben hier zwar Töne, aber keinen Klang. Helfricht hält das Ganze mit Umsicht und Besonnenheit zusammen.
Das Publikum, darunter etliche Besucher mit offenkundig professionellen oder persönlichen Verbindungen zur Oper Bonn oder Akteuren des Abends, verabschiedet alle Mitwirkenden mit starkem, anhaltendem Beifall, der in dem engen Raum überdimensioniert wirkt. Gelesen werden könnte dieser Beifall auch wie eine Kommentierung der aktuellen Debatte um Zielsetzung und Ausrichtung des Bonner Beethovenfests in der Intendanz von Nike Wagner. Unbedingt, scheint dieser Beifall sagen zu wollen, sollte es auch Produktionen – gern im Zusammenspiel mit der Oper – geben, die das Fordernde in den Vordergrund rücken. Für das Gefällige, das rein Unterhaltende, meint bekanntlich die Intendantin, sei der Resonanzraum in der Beethovenstadt eh (über-)groß.
Ralf Siepmann