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Foto © Thilo Beu

Nachtschwarze Grenzerfahrung

INFINITO NERO
(Salvatore Sciarrino)

Besuch am
26. September 2019
(Premiere)

 

Theater Bonn

Die Werkstatt alias Studio­bühne des Theaters Bonn ist ein auf Enge und Nähe ausge­legter Raum. Steil steigen die wenigen Reihen in Kinobe­stuhlung an, die knapp 200 Besuchern Platz bieten. Die Bühne scheint so nah, als könne man sie mit Händen greifen. Bei der Premiere der Kammeroper Infinito Nero – Das unend­liche Schwarz – des sizilia­ni­schen Kompo­nisten Salvatore Sciarrino in Koope­ration mit dem Beetho­venfest Bonn wird dieses Szenario der Grenz­erfahrung noch gesteigert, bis an die Schwelle zur Klaus­tro­phobie. Schwarze Masken liegen zu Beginn auf den Stühlen. Die Nacht­schwärze des Sujets soll offen­kundig um eine Dimension erweitert werden. Vielleicht auch eine Anspielung auf „Mondschein“, das Motto des Beetho­ven­fests 2019. Genauer die ihn voraus­set­zende Nacht, den Kontra­punkt des Lichts, des Lebens. Diesen roman­ti­schen wie erschre­ckenden Ort jeder Mond-Empfindung.

Der spiele­rische Umgang mit der laut Unter­titel Ekstase in einem Akt für Stimme und acht Instru­mente ist natürlich speku­lativ, wie im Übrigen die ganze Aufführung als Grenzfall verstanden werden kann. Als ein Experiment zur Auslotung der Rezep­ti­ons­fä­higkeit des Menschen, quer zur überwiegend säkularen Grund­ein­stellung der meisten Menschen heute, irritierend, verstörend und doch atmosphä­risch dicht und berührend.

Sciar­rinos 25-Minuten-Opus, urauf­ge­führt bei den Wittener Tagen der neuen Musik 1998, hat seinen Ausgangs- und Fixpunkt in der Annahme jenes kosmi­schen Zustandes, der nach christ­licher Theologie der Erschaffung der Welt vorausgeht. Er lässt sich als Chaos, griechisch für „das Ungeordnete“, die „gähnende Leere“, oder auch als Schwarz im Sinne eines vorexis­ten­zi­ellen Topos fassen. Die aus diesem Urzustand zu begrei­fenden Texte der Kammeroper nehmen Visionen und Beschwö­rungen der karme­li­ti­schen Ordens­schwester Maria Maddalena dei Pazzi auf, die seit 1669 in der katho­li­schen Kirche als Heilige verehrt wird. Die Texte restau­rieren eine religiös-spiri­tis­tische Existenz, halb Wahn, halb Hingabe, die sich der einfachen Zuordnung entzieht. Es sind im Prinzip lediglich Wortfetzen und Satzbruch­stücke, für die der Komponist eine adäquate, nicht goutierbare Musik­sprache gefunden hat.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der Regisseur des Bonner Unter­fangens, Mark Daniel Hirsch, Sciarrino durch gemeinsame Projekte wie etwa dessen Lohengrin eng verbunden, hat sich für die Annäherung an das Drama einer exzes­siven Entfremdung einen drama­tur­gisch origi­nellen Pfad ausge­dacht. Infinito Nero geht als Doppel über die Bühne. Erst unter dem Vorzeichen der schwarzen Augen­binden als akusti­sches, nach der Pause in einer insze­nierten Fassung als Theater­er­lebnis. Auf die visuelle Reprise des Stoffs bereitet kurio­ser­weise ein wabernder Nebel vor, der allmählich den Blick freigibt auf einige im Raum verteilte Requi­siten. Vor dem Ensemble von acht Musikern und Musike­rinnen des Beethoven-Orchesters Bonn unter Leitung des Ersten Kapell­meisters Hermes Helfricht, im hinteren Bühnen­be­reich positio­niert, ist ein Zylinder postiert. Dessen inneres Licht gelangt in dem Maße zum Strahlen, wie Maddalena ein ihn zunächst einhül­lendes  schwarzes Tuch in kreis­runden Bewegungen einholt und so nach und nach aufleuch­tende Buchstaben sichtbar macht. Die Bühnen­skulptur mag als plakative Umsetzung der Vision der Mysti­kerin oder auch Manifes­tation ihrer von Nonnen aufge­schrie­benen Emana­tionen gedeutet werden. Ob nun zu viele oder zu verwir­rende Symbo­lismen – wirksam ist sie allemal. Für die Ausstattung sorgt Maria Stauch, das Licht besorgt Max Karbe.

Foto © Thilo Beu

Hirsch teilt die Figur der Maddalena in eine, die sie ist, und eine, als die sie darge­stellt wird. Für die Darstellung sorgt die Schau­spie­lerin Helena Bauer, die zu Beginn, ausge­leuchtet von einem Schwein­werfer, betend auf dem Boden hockt. Später tritt noch ein weiteres Wesen hinzu, Das Mensch gewordene Wort, also Christus, der von dem Tänzer Keisuke Mihara verkörpert wird. Die Mysti­kerin gibt Dshamilja Kaiser, die der Ordens­schwester – Medium Gottes? – ihre Stimme leiht. Die Mezzo­so­pra­nistin ist dem Bonner Publikum vor allem aus Penthe­silea von Othmar Schoeck, zuletzt als Ortrud im Lohengrin Wagners sowie als Laura in La Gioconda ein Begriff. Unter Genre­aspekten erinnert die Partie an die Monooper La voix humaine von Francis Poulenc. Unter Gender­aspekten bietet sie Paral­lelen zur Oper 13 Oder til Maria des Bonner Kompo­nisten Heinz Walter Florin, die 2014 im Dom zu Roskilde, Dänemark, urauf­ge­führt worden ist. Hier eine minima­lis­tische Reflektion über die durch die Technik gestei­gerten Grenzen der mensch­lichen Kommu­ni­kation, dort eine orato­rische Studie über die Bedeutung und die Stellung der Frau innerhalb der Insti­tution der Kirche.

Was Kaiser, seit zwei Jahren Mitglied des Bonner Opern­en­sembles, in den vokalen Passagen dieser extreme Konzen­tration fordernden Partie leistet, ist phäno­menal. Von einer sänge­ri­schen Aufgabe im Stil der klassi­schen Oper kann ja überhaupt keine Rede sein. Im Stakkato-Stil bringt sie Wortfetzen und Fragmente von Sätzen entspre­chend den in Italie­nisch abgefassten Ekstasen der Nonne hervor. Als Beispiel eine Sequenz, die sich an ihre Vorstellung Gottes richtet, ins Deutsche übersetzt: … auf deinem Körper Öffnungen, die uns unbekannt sind. Türen, Fenster, Löcher, Zellen, Öffnungen des Himmels, Höhlen. Tropfend ohne Ende. Sie sind die Wunden, in denen ich mich verliere, komm, komm. Im Übrigen ist Schweigen die Anweisung, die sich am häufigsten durch das knappe Libretto zieht.

Zu bewundern ist nicht minder die Profes­sio­na­lität des instru­men­talen Ensembles, das überwiegend solis­tisch in Erscheinung tritt. Die Flöte, mal als bloßes Mundstück, mal als Querflöte, haucht Luftströme, die das Ein- und Ausatmen nachzeichnen. Die Pauke bildet den mensch­lichen Herzschlag ab. Die Violine gibt dem transzen­den­talen Sehnen der Nonne Ausdruck. Überir­dische Sphären haben hier zwar Töne, aber keinen Klang. Helfricht hält das Ganze mit Umsicht und Beson­nenheit zusammen.

Das Publikum, darunter etliche Besucher mit offen­kundig profes­sio­nellen oder persön­lichen Verbin­dungen zur Oper Bonn oder Akteuren des Abends, verab­schiedet alle Mitwir­kenden mit starkem, anhal­tendem Beifall, der in dem engen Raum überdi­men­sio­niert wirkt. Gelesen werden könnte dieser Beifall auch wie eine Kommen­tierung der aktuellen Debatte um Zielsetzung und Ausrichtung des Bonner Beetho­ven­fests in der Intendanz von Nike Wagner. Unbedingt, scheint dieser Beifall sagen zu wollen, sollte es auch Produk­tionen – gern im Zusam­men­spiel mit der Oper – geben, die das Fordernde in den Vorder­grund rücken. Für das Gefällige, das rein Unter­hal­tende, meint bekanntlich die Inten­dantin, sei der Resonanzraum in der Beetho­ven­stadt eh (über-)groß.

Ralf Siepmann

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