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Foto © Ludwig Olah

Liebe kontra Politik

DON CARLOS
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
29. September 2019
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Es war eine langwierige Genese, die Entstehung der Oper Don Carlos von Giuseppe Verdi. Für 1867 wurde sie als Grand Opéra für Paris in Auftrag gegeben, wurde aber da schon als zu lang befunden und Verdi nahm Kürzungen vor. Doch auch das verhalf bei der Urauf­führung nicht zum Erfolg. Ähnlich war die Reaktion 1868 bei der um den ersten Akt gekürzten Fassung. Dennoch blieb Verdi an seinem Lieblings­projekt dran, konnte aber die Oper erst, nachdem das Zerwürfnis mit Camille Du Locle, seinem Libret­tisten, dem Direktor der Pariser Oper, beendet war, die Arbeit daran wieder aufnehmen. Selbst die zweite franzö­sische Fassung fand 1884 wenig Anklang. Sie bildet aber nun die Grundlage für die Nürnberger Aufführung. Übrigens hat Verdi noch drei weitere italie­nische Fassungen geschaffen. Oft wird der erste Akt mit der Vorge­schichte in Fontaine­bleau wegge­lassen, das Ballett im Gartenakt sowieso. Trotzdem hatte die Oper keinen durch­schla­genden Erfolg, und Verdi äußerte seinen Unmut über die Reaktionen des „ignoranten“ Publikums. Mit dem Don Carlos wollte er indirekt auch gegen die Unter­drü­ckung Italiens durch die Monar­chien der Habsburger und Bourbonen sowie gegen die Macht des Papstes protes­tieren. Damit befindet er sich auf einer Linie mit Schiller, der ihm die Vorlage lieferte: Auch der zeigte anhand einer – erfun­denen – Geschichte am spani­schen Königshof des 16. Jahrhun­derts, wie die Ideen der Aufklärung, von Mensch­lichkeit und Freiheit, kolli­dieren mit den persön­lichen Gefühlen von Liebe und Freund­schaft und tragisch scheitern müssen an einer rigiden Staats­räson und Religi­ons­aus­legung. Die Handlung weist also unhis­to­rische Brüche auf, denn damals gab es halt noch keine bürger­lichen Rechte.

Und der Komponist hat diese seine verdeckten Anliegen mit einer äußerst dichten, kraft­vollen Musik unter­strichen. Manchem, wie Bizet, erschien die Orches­trierung zu „dick“, und einige störten sich auch daran, dass beispiels­weise die viermalige Wieder­holung des „Freund­schafts­motivs“ zu sehr an Wagners Leitmo­tivik erinnert. Doch Verdi hat hier wunderbare musika­lische Farben gefunden, oft unterlegt von Schwermut, für den Idealismus eines Marquis Posa, seine edle Freund­schaft zu Carlos, das tragische Festklammern an der Macht bei König Philipp, die entsa­gende Liebe der Elisabeth und die verschmähte der Eboli; dazwi­schen hat er auch folklo­ris­tische Klänge eingewebt wie beim mauri­schen Lied der Prinzessin Eboli; breite feier­liche Flächen lassen auch an Kirchen­choräle denken.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regisseur Jens-Daniel Herzog aber unter­nimmt noch ein Übriges, um den inneren Riss in der Handlung zu verstärken: Er hebt die unhis­to­rische Handlung auf unsere gegen­wärtige Ebene, bleibt dabei aber ungenau. Ihm geht es darum zu zeigen, wie dikta­to­rische Systeme jede Mensch­lichkeit nieder­knüppeln. Das aller­dings versteht der Zuschauer auch ohne Stili­sierung und Aktua­li­sierung aus dem Verlauf der Gescheh­nisse in der Oper. In Nürnberg spielt alles in einem irgendwie unbestimmten Raum von Mathis Neidhart zwischen verschieb­baren hölzernen oder weißen Wand-Elementen. So besteht der Wald von Fontaine­bleau aus weißen Wänden, wo eine weiß gekleidete Frau – die Hirschkuh? – gejagt wird. Sie entpuppt sich als Elisabeth von Valois, die hierbei auf Carlos, den Infanten von Spanien, trifft, ihren Verlobten. Während sie sich verlieben und schon von Heirat träumen – die wird in Cut und zeremo­ni­ellem Hochzeits­kleid bereits vorge­stellt – kommt die Nachricht, dass Philipp, der verwitwete König von Spanien, nun Elisabeth ehelichen wird, um so den Frieden zwischen Frank­reich und Spanien zu sichern. Natürlich sind die beiden Liebenden verzweifelt. Nach Spanien zurück­ge­kehrt, ergibt sich Carlos seinem Liebes­kummer. Meist verfolgt er passiv auf einer grünen Couch das Geschehen. Erst als sein Jugend­freund Posa auftaucht und ihn bittet, sich für die unter­drückten Flamen einzu­setzen – mit Video­bildern aus dem Ersten Weltkrieg unter­mauert er sein Anliegen – kommt Bewegung in ihn; er gesteht seine heimliche Liebe zu seiner „Mutter“ Elisabeth; beide schwören sich ewige Freund­schaft. Lauschig ist es nicht im Garten; hier genießt eine aufge­kratzte Damen­ge­sell­schaft, von Sibylle Gädeke gekleidet zwischen Nutte und biederer Matrone, Drinks und amüsiert sich am erotisch anzüg­lichen Spiel zwischen dem wehrlosen Pagen Thibault und Prinzessin Eboli, einer Art düsterer, aggres­siver Domina, wahrlich keiner Schönheit. Elisabeth im blumigen Sommer­kleid und Carlos können sich unter Aufsicht von Posa zwar über ihre unver­brüch­liche Liebe aussprechen, aber sie besteht auf ihrer Pflicht gegenüber dem König. Der ist danach empört darüber, als er sie ohne Begleitung vorfindet, macht die erste Hofdame dafür verant­wortlich, die dann zur Strafe nicht verbannt, sondern erschossen wird, was Elisabeth zur Arie an die Tote Non pianger – also: weine nicht – veran­lasst. Als die eifer­süchtige Eboli die Liebe von Carlos zu Elisabeth aufdeckt, kann Posa die Situation gerade noch retten. Wie eine Faschings­ver­an­staltung mit jubelndem Volk und Luftballons läuft das Autodafé ab: Elisabeth mit Schwan­ger­schafts­bauch erscheint – den wirft sie später wieder ab – ebenso der König mit der kleinen Tochter an der Hand, und als er gerade auf dem goldenen Thron seinen Platz einnehmen will, stört Carlo mit seinem Eintreten für die Freiheit von Flandern den Ablauf. Posa rettet wiederum die Situation, indem er Carlos entwaffnet und dieser gefangen genommen wird. Die flandri­schen „Aufrührer“ aber werden umgebracht, während ein kitschiger goldener Engel als Stimme des Himmels oben schwebt und ihnen Trost spendet. Nach diesem blutigen Tag kommt Philipp zur Erkenntnis, dass Elisabeth ihn nie geliebt habe. Er wehrt sich aber auch gegen das Ansinnen des Großin­qui­sitors, der den Tod von Carlos und Posa fordert, wobei deutlich wird, wie wenig ihm am Sohn liegt. Während aller grausamen Handlungen darf das Töchterlein zur Ablenkung Comic-Videos schauen. Es ist ganz im Bann des Vaters, der es einmal herum­zerrt, ein andermal gut behandelt. Er rastet aber aus, als es in kindlicher Neugier das Bild von Carlos aus der von Eboli der Königin gestoh­lenen Schatulle betrachtet, und als Elisabeth ohnmächtig wird, verflucht er seinen Argwohn. Prinzessin Eboli bereut ihre Tat, wird vom Hof geschickt, ist jedoch wohl nicht so leicht zu bändigen, wie ihre wütende Arie O don fatale beweist. Im Gefängnis, vor weißen Wänden, auf die Carlos „Gefan­gener der Inqui­sition“ kritzelt, nehmen beide Freunde bewegt vonein­ander Abschied. Posa weiß, dass er sterben wird, wie Io morro zeigt, und er wird vom König selbst erstochen. Das Volk, das die Freiheit von Carlos fordert, wird von der Inqui­sition auf die Knie gezwungen; der tote Posa wird auf einen Stuhl gesetzt, ein Schild mit der Aufschrift „Liberté“ vor sich. Elisabeth hat wohl den Entschluss gefasst, nach Frank­reich zurück­zu­kehren, entlässt ihre Hofdamen, Carlos will nach Flandern; die Liebenden verab­schieden sich ein letztes Mal. Philipp überrascht die beiden, will sie bestrafen. Da ertönt zum Schrecken aller eine Stimme aus dem Jenseits, und die kleine Infantin setzt sich die Krone auf und verschwindet nach hinten.

Foto © Ludwig Olah

Während dieser depri­mie­rende Schluss eine optisch oft banale Aufführung beendet, sind die Zuhörer eigentlich bis zuletzt gebannt von der Musik. Das liegt vor allem an Joana Mallwitz und der Staats­phil­har­monie Nürnberg. Die Dirigentin scheut nicht zurück vor mitrei­ßenden Klang­bal­lungen, setzt aber auch Akzente auf fein intime Stellen und breite Flächen; subtile Streicher-Höhen, empfindsame Cello-Kanti­lenen und ausge­zeichnete Bläser imponieren. Der ansonsten durch Tarmo Vaask gut geführte Chor und Extrachor des Staats­theaters scheint manchmal zu groß besetzt und deshalb zu laut.

Die Rolle des Don Carlos wird durch Tadeusz Szlenkier leider etwas zu steif, zu wenig sensibel darge­stellt, und sein äußerst kräftiger, noch etwas unkon­trol­liert geführter Tenor unter­streicht diesen Eindruck noch durch allzu viel Impetus, heraus­ge­stoßene Höhen und wenig flexible Verzie­rungen. Nicolai Karnolsky passt mit seinem großen, in den Tiefen nicht allzu fülligen Bass recht gut in die Figur des kalten, gefühl­losen Königs von Spanien; Emotionen zeigt er allein in seiner gut gestal­teten Arie Ella giammai m’amo . Auch die Rolle des Großin­qui­sitors erfordert einen Bass; Taras Konosh­chenko verleiht seiner Figur wenig pries­ter­liche Würde, ist eben nur ein blinder Mann im Anzug wie der König, und seine große füllige Stimme allein ist kein Ausweis für seine Macht. Als gefühls­kalte Prinzessin Eboli kann Martina Dike ihren hochdra­ma­ti­schen, sicheren, starken Mezzo­sopran mit durch­drin­genden Höhen effektvoll einsetzen – eine zutiefst unglück­liche Person. Ihr Gegenpol ist die schöne, blonde Elisabeth der Emily Newton; mit ihrem kraft­vollen, zu drama­ti­schen Steige­rungen fähigen und vor allem im letzten Akt himmlisch zart schim­mernden Sopran zeichnet sie eine Frau von großer emotio­naler Ausdrucks­fä­higkeit. Sänge­risch wie darstel­le­risch am imponie­rendsten ist Sangmin Lee als Marquis Posa; sein voller, großer, auch strah­lender Bariton verfügt über eine Fülle an Klang­farben, klingt nie angestrengt, und wenn er auftritt, wirkt alles glaubhaft. Auch die Leistungen des Pagen Thibault, Emily Bradley mit hell-kräftigem Sopran, der „Stimme von oben“, Julia Grüter mit glänzenden Höhen, sowie des Mönchs, Wonyong Kang mit profundem Bass, begeistern; unauf­fällig sind als Graf Lerma John Pumphrey und als Herold Sergei Nikolaev. Bemer­kenswert aber ist der kindliche Ernst der kleinen Infantin Ottilie Herold.

Beifall für alle Anstren­gungen im voll besetzten Haus, aber wohl nicht allseitige Zustimmung.

Renate Freyeisen

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