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GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)
Besuch am
29. September 2019
(Premiere)
Man sollte denken, dass nach der feurigen Begegnung zwischen Brünnhilde und Siegfried am Ende des zweiten Abends von Wagners Ring des Nibelungen etwas Leben in das abgeschiedene Alpendorf eingekehrt ist. Von wegen. Der Winter ist gekommen, das öffentliche Leben ist nahezu vollständig erlegen. Die Holzfäller müssen arbeiten, um Brennholz zu sammeln. Die starken Scheite, die Brünnhilde eigentlich erst nach fünf Stunden Oper fordert, sind schon überall aufgeschichtet. Die Bäume, zentrale Stützen der Häuser, sind gefällt und hinterlassen nicht nur Baumstümpfe, sondern auch große Löcher in den Wänden. Wasser ist nur in der Form von Schnee verfügbar. Das einzige, was hier ab und an überhitzt wirkt, sind die Emotionen der Bewohner. Regisseur Paul Esterhazy und Dramaturgin Stephanie Twiehaus bringen den ersten kompletten Ring am Oldenburgischen Staatstheater auf gleiche Weise und am gleichen Ort zu Ende, wie sie ihn begonnen haben. Ein einsames Dorf irgendwo im Nirgendwo, das abgeschieden von den Krisenherden am Vorabend des Ersten Weltkriegs nur um sich selbst kreist.
Dass es Mathis Neidhardt gelingt, auf der kleinen Bühne des Staatstheaters diese fächerartige Drehbühne unterzubringen, ist fast ein kleines Wunder. Man muss sich daran gewöhnen, dass man als Zuschauer wie in einem Film den Protagonisten durch Plätze und Räume folgen kann. Dieser Effekt wird durch die Projektionen von Alexander Fleischer und das Licht von Ernst Engel unterstützt, was die Atmosphäre noch steigert. Selbst das Feuer strahlt keine Wärme aus in dieser Inszenierung. Da wird es zwischenzeitlich gefühlt so kalt in diesem eigentlich wunderschönen, warmen Zuschauerraum, dass es nicht überrascht hätte, wenn sich der ein oder andere mit Decke und heißem Tee auf seinem Platz eingemummelt hätte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Wie das in einem Dorf so ist, trifft man hier ständig auf jeden. Auch dass der eigentlich in Wallhall zurückgezogene Wotan hier noch als gescheiterter Bürgermeister unterwegs ist und die fatalen Folgen seiner Politik beobachtet, ist durchaus verständlich. Der kleine Diktator Alberich, der mal von der Weltherrschaft geträumt hat, torkelt derweil betrunken durch die Gassen. So genial der Effekt der fast nie stillstehenden Drehbühne auch ist, so kann nicht verhindert werden, dass er sich über eine lange Oper wie die Götterdämmerung etwas abnutzt. Aber es gibt ja noch diese vielen kleinen Requisiten und die detailverliebten Kostüme, die das optische Vergnügen perfekt machen.
Erstaunlich ist auch, dass dieses Konzept der Oper und dem Zyklus überhaupt nicht schadet, sondern dass es wirklich nur ein anderer Blickwinkel ist, den Esterhazy und Neidhardt hier anbieten, was in der üppigen Ring-Landschaft Deutschlands schon etwas heißen will. Ebenfalls hoch anzurechnen ist, dass man es geschafft hat, mit einigen Sängern neue Facetten ihrer Figuren zu erarbeiten. Gunther zum Beispiel ist aufgeblähter, zugezogener Anzugträger, der stolz mit seinem Wimpel herumwedelt, ohne wirklich etwas zu leisten. Er bringt – für eine Götterdämmerung sehr ungewöhnlich – etwas Situationskomik mit, was auch der großartigen Leistung von Michael Kupfer-Radecky zu verdanken ist, der mit seinem energischen Bariton aber auch gleichzeitig dafür sorgt, dass diese Figur nicht unterschätzt werden darf. Auch Aile Asszonyi kann mit der Rolle der Gutrune die gesamte Bandbreite einer modernen Opernsängerin abrufen, da sie sowohl vokal wie auch darstellerisch in diese Interpretation eingebunden ist.

Wie genau Esterhazy auf den Text schaut, sieht man an der Figur des Hagen. Der sagt über sich selbst: „frühalt, fahl und bleich, haß‘ ich die Frohen, freue mich nie“ und so spielt ihn Randall Jakobsh auch. Der Bass ist anfangs so unscheinbar auf der Bühne unterwegs, dass man im ersten Moment noch denkt, er hat vergessen mitzuspielen. Doch dann sieht man, wie emotionslos dieser Hagen durch das Geschehen schreitet, aber wirklich alles um sich herum mit einer unheimlichen Intensität im Auge behält. Jakobsh macht so wenig an Gestik und Mimik, dass er scheinbar plötzlich in dem Gewusel auf der Bühne präsent wird und als Zuschauer denkt man: Huch, wo kommt der denn her? Nur im Dialog mit seinem Vater Alberich, den Leonardo Lee gut, aber auch nicht aufregend aus einem Fenster heraus singen darf, zeigt diese Figur seine eigenen Abgründe. Es ist eine großartige psychologische Analyse, die Regisseur und Sänger hier vollbringen, und auch wenn man sich für die Stimme etwas mehr Durchschlagskraft in der Höhe wünschen würde, ist dieser Leistung der größte Respekt zu zollen.
Als eine Brünnhilde mit großer Zukunft hat sich Nancy Weißbach in den vorangegangenen Teilen empfohlen und steigert sich nun nochmals. Sie achtet wunderbar darauf, immer am Klang ihres wirklich richtig schönen Materials kleben zu bleiben, vermeidet unnötige Fortissimi, sondern kehrt immer wieder in ein weiches Legato zurück. Dadurch bekommt ihr Text nicht nur eine schöne warme, emotionale Farbe, sondern sie spart sich auch genügend Kraft auf für die wutentbrannte Anklage im zweiten Akt, die sie mit heroischer Größe absolviert. Auch Zoltán Nyári hat sich hier in Oldenburg für die großen Heldenpartien empfohlen, da er sowohl über ein substanzreiches Material als auch über die technischen Möglichkeiten verfügt, es schön und differenziert einzusetzen. In der Premiere wird sein etwas unbekümmertes Singen leider ganz am Ende noch bestraft, aber insgesamt kann man auch hier einen Sänger mit der Lust, eine Rolle zu spielen, erleben, der alsbald auch an größere Häuser gerufen werden wird.
Auch die Nornen und Rheintöchter knüpfen dank Maiju Vaahtoluoto, Ann-Beth Solvang, Martha Eason und Nian Wang an das hohe Niveau an. Melanie Lang macht aus der Erzählung der Waltraute diesen kleinen Höhepunkt, den man erwartet. Aus dem Chor und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheater sind vor allem die Herren gefordert. Thomas Bönisch und Markus Popp haben sie nicht nur auf Volumen getrimmt, sondern sorgen auch durch den ungewohnten Einsatz von Solostimmen während des zweiten Aktes für schöne Abstufungen im Aufbau.
Trotz dieser vokal wirklich sehr guten Leistungen bekommt nicht Nancy Weissbach den lautesten Applaus – und der ist schon wirklich laut – sondern das Oldenburgische Staatsorchester unter der Leitung von Hendrik Vestmann, der aus dem Strahlen gar nicht herauskommt. Mit dem langen ersten Akt tut sich das Orchester noch etwas schwer, aber es nutzt ihn und findet immer mehr diese farblichen Symbiosen zwischen den Instrumenten, die für Wagner so wichtig sind. Vestman dirigiert wie immer ein eher flüssiges Tempo, scheint aber in Vergleich zu den vorherigen Teilen etwas vorsichtiger geworden zu sein. Wenn er dann das Orchester zu mehr Dramatik animiert, dann kommt es auch immer mehr aus sich heraus. Ist der zweite Akt schon wesentlich schärfer in den Konturen, sind die Musiker dann im dritten Akt einfach nur fantastisch. Das Fließen des Rheins, die ungeheure Tragik des Trauermarsches als passender Kontrast zum Bühnengeschehen, die Verbindung zu Weißbachs Sopran im Schlussgesang und dann das große Aufeinandertreffen der Motive, wenn die Elemente sich aufbäumen und Menschliches zusammenbricht – das spielt das Orchester mit einer Klasse, die bewundernswert ist.
Auch das Publikum steigert sich in den Beifallsbekundungen. Es begrüßt Vestmann zum Anfang noch höflich-zurückhaltend, bedankt sich nach zwei Stunden für den ersten Akt kurz und knapp und wird dann lauter und lauter bis hin zu einem wirklich gerechtfertigten, langen Schlussapplaus.
Deutschland braucht eigentlich derzeit keine Ring-Inszenierungen mehr. Es gibt mehr als genug, und jeder Intendant wäre gut beraten, für die nächsten zehn Jahre die Finger vom Ring zu lassen, damit sich auch neue Kräfte darauf vorbereiten können. Wenn man sich schon an diese Tetralogie traut, dann sollte sie so konsequent erarbeitet sein wie in Oldenburg. Sicherlich muss man diese Sichtweise nicht mögen, aber sie hebt sich vom politischen und psychologischen Einheitsbrei der letzten fünf Jahre wohltuend ab. Von daher kann man Intendant Christian Firmbach und allen Beteiligten nur für den Ausgang dieses nicht kleinen Risikos gratulieren.
Rebecca Hoffmann