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Den Ring des Nibelungen von Richard Wagner auf die Bühne zu bringen, ist für jedes Haus ein ambitioniertes Unternehmen und stellt auch die größten Opernhäuser vor beträchtliche Herausforderungen. Wenn nun ein Landestheater sich der Idee verschreibt, innerhalb von vier Spielzeiten den kompletten Ring zu präsentieren, so gebietet das Respekt vor dem Mut, aber auch eine gute Portion Skepsis, ob ein derartiges Projekt technisch, musikalisch und sängerisch überhaupt zu realisieren ist. Am Landestheater Coburg wagt man nun genau fünfundfünfzig Jahre nach der letzten zyklischen Aufführung von Wagners Ring diesen Schritt und bringt mit einer Neuinszenierung des Rheingold fast genau 150 Jahre nach der Uraufführung in München den Vorabend der Tetralogie zur Aufführung. Hier werden die zentralen Themen des Gesamtwerkes angesprochen. Liebe und Macht schließen sich aus, das ist die Erkenntnis, die am Anfang dieses Zyklus’ steht. Und musikalisch ist es das tiefe Es der Streicher, das zurückführt zur Geburt der Welt, zum idealtypischen Urzustand. Doch mit Alberichs Raub des Rheingolds und seinem fatalen Fluch, Wotans größenwahnsinniger Idee einer Götterburg als Symbol längst verlorener Autorität, der Überlistung Alberichs durch Loge und schließlich Fafners Brudermord an Fasolt entwickelt sich ein Handlungsstrang, der unweigerlich zum Ende führt und auch durch Erda nicht mehr beeinflussbar ist.
Regisseur Alexander Müller-Elmau wählt für seine Interpretation des Beginns des Weltendramas mit zwei Geburten einen durchaus interessanten Ansatz, der aber in der szenischen Umsetzung schnell ins Stocken gerät und nicht wirklich überzeugen kann. Da ist zunächst die Geburt Alberichs, der am Grunde des Rheins aus einer Art Urschleim geboren wird. Die zweite Geburt ist die Wotans, der in einer Art mythischem Schlaf wie ein Mystiker, der durch eine Todeserfahrung geht und dann in eine spirituelle Welt eintritt, aus der er meint, die Welt retten zu können. So entstehen parallel zwei Antipoden, deren Aufeinandertreffen die verschiedenen Ebenen symbolisieren und das endgültige Scheitern der Götter vorwegnimmt.
Schon bevor der erste Ton aus der Tiefe des Orchestergrabens erklingt, öffnet sich der Vorhang und der Zuschauer erblickt einen musealen Raum, wo die drei Rheintöchter in einem großen Behälter gleich einem Exponat zur Schau gestellt sind. Und Alberichs Pseudogeburt geschieht unter einer Plane, kaum sichtbar, dafür von durchgehend auf der Bühne präsenten Besuchern interessiert beäugt. Das Rheingold, das die Rheintöchter mit ihrer Schwatzhaftigkeit leichtfertig verlieren, ist in dieser Inszenierung zunächst ein kleines menschliches Gehirn, das aus Gold ist. Dieses Gehirn wird im Laufe des Stückes durch die Nibelungen, die immer mehr schaffen, immer größer, bis es dann in Nibelheim so groß ist, dass Alberich selber in diesem Hirn lebt. Müller-Elmau sieht dieses Gehirn aber nicht als Ausdruck des aufklärerischen Denkens, sondern weil dieses Gehirn hohl ist und aus Gold, ist es für ihn Sinnbild für das Materialistische, das Goldene, das die Ratio, den Verstand ausblendet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Götter sind dekadent charakterisiert, eine Prosecco schlürfende Gruppe von Charakteren, die illuster daherkommen und doch nicht wirklich was zu sagen haben. Wotan wirkt wie ein Trapper, der erfolglos von der Bärenjagd zurückkommt. Donner, im seidenen Tuch mit Stöckelschuhen und einem winzigen Hammer, mit dem man noch nicht mal einen Sturm im Wasserglas entfachen kann, ist lediglich eine schlechte Karikatur, genauso wie Froh, der aussieht wie ein Remake von Tom Kaulitz von Tokio Hotel. Freia ist die erotische Versprechung des Abends, während Fricka sich mit ihrer Perücke abmüht und die genervte Gattin gibt. Loge dagegen ist interessant dargestellt, überzogen mit Tattoos und das Gesicht geschminkt wie Heath Ledger als Joker im Film The Dark Knight. Und das passt tatsächlich irgendwie in diese groteske Ansammlung von Charakteren, denn dieser dunkle Loge-Joker ist dämonisch, intrigant und manipuliert Götter, Riesen und Zwerge. Dass er einen Rock aus einer Rettungsfolie trägt, die man bei Brandverletzten einsetzt, hat schon wieder Stil. Während die Riesen in ihren Fellen wie Urzeitmenschen daherkommen, ist Mime ein wie unter Ecstasy stehender Derwisch, der zu den Schlägen der Ambosse einen gesteppten Veitstanz aufführt. Und Erda, die Urmutter, die Allwissende, die Wala? Sie ist eine der Zuschauerinnen des Museums, eine Menschenfrau, die alles beobachtet hat. Für Müller-Elmau personifiziert Erda die Naturkraft, die jegliches Leben entstehen lässt und in allem wirkt und daher in unterschiedlichen Formen erscheinen kann. Klingt sehr esoterisch, ist aber am Wagnerschen Verständnis vorbeigeschrammt. Dass Müller-Elmau durchaus Kenntnis und Verständnis der Motive im Ring hat, sieht man quasi aus dem Augenwinkel im Hintergrund. Wenn Wotan zu seinem letzten Monolog ansetzt, erklingt das erste Mal das Schwertmotiv, und hier schon scheint sich, wissend um das drohende Ende der Götter, sein großer Gedanke zu entwickeln, nämlich das Schwert für seinen noch nicht gezeugten Sohn Siegmund in den Stamm der Esche zu rammen. Und Erda, die unscheinbare Museumsbesucherin, hat plötzlich das Schwert in der Hand und gibt es einer anderen Besucherin weiter. Der Rabenjunge als Begleiter Wotans ist auch nur eine halbherzige Allegorie.

Dass beobachtende Menschen im Ring in das Geschehen direkt oder indirekt eingreifen, ist nun auch nichts neues, Patrice Chereau hat es in seinem Bayreuther Jahrhundert-Ring 1976 eindrucksvoll gezeigt. Neben dieser nicht wirklich überzeugenden Personenregie ist Müller-Elmau auch für das Bühnenbild verantwortlich, dass in der ersten Szene noch interessant wirkt, dann aber von Szene zu Szene nachlässt. Das große, goldene Hirn im Zentrum, und Alberichs Verwandlung in einen Drachen zeigt das Gehirn mit einer Art Rückenmark, und der ständige Wechsel von Erd- und Mondsilhouette, das sind schon die nennenswerten Effekte, die Markus Stretz mit seinem Lichtdesign gut in Szene setzt. Der Einzug der Götter in Walhall ist ein enges Zusammenrücken der Götter auf einem Podest, angestrahlt von einer Batterie Scheinwerfer. Auch das wirkt profan, kann weder begeistern noch verärgern. Die schon beschriebenen Kostüme hat Julia Kaschlinski entworfen.
Natürlich muss man die Möglichkeiten und Grenzen, technisch wie finanziell, eines Hauses betrachten. Aber grade bei eingeschränkten Mitteln ist Kreativität und Improvisation gefordert, das vermisst man während der knapp zweieinhalb Stunden doch. Auch musikalisch und sängerisch sind Grenzen schnell erreicht, und doch bietet so ein Abend ungeahnte Chancen und Möglichkeiten, die eigenen Grenzen auszuloten und möglicherweise zu überschreiten.
Allen voran Michael Lion als Wotan mit einem respektablen Rollendebüt. Sein fast schon eleganter und ausdrucksstarker Bass-Bariton füllt das Haus, und seine Deklamation ist vorbildlich, da brauch er sich hinter großen Namen nicht verstecken. Simeon Esper stand vor kurzem noch in Dresden an der Semperoper in Verdis Nabucco mit Plácido Domingo auf der Bühne, und brilliert jetzt als Loge-Joker. Mit intelligent witzigem Spiel und schönklingendem Tenor sowie übersprühender Spielfreude ist er der Dominator dieser Aufführung und wird am Schluss vom Publikum lauthals gefeiert. Martin Trepl als Alberich bleibt spielerisch und sängerisch dagegen blass, da fehlt die Schwärze in der Stimme, das Brutale, die Wut. Trepl singt und spielt schön, fast anständig, aber er ist kein Schwarzalbe, vor dem man sich fürchten muss. Dirk Mestmacher als Mime weiß durchaus als Charaktertenor mit dynamischem Spiel zu gefallen. Kora Pavelic überzeugt als dominante Gemahlin Fricka mit abgehobener Attitüde und leicht dramatischem Mezzo-Sopran. Marvin Zobel gibt den Donner mit kräftigem Bariton, während Peter Aisher als Froh noch etwas die Durchschlagskraft fehlt. Olga Shurshina gibt die Freia mit klarem, jugendlich-dramatischem Sopran und leicht frivolem Spiel.

Felix Rathgeber singt den Fasolt mit warmem und wohlklingendem Bass, da zeigen sich die Wurzeln der Kirchenmusik, und er verleiht dem verliebten Riesen dadurch eine schon fast menschliche Note, während Bartosz Araszkiewicz seinen schwarzen Bass mit starkem Akzent als Brudermörder Fafner erklingen lässt. Evelyn Krahe lässt mit ausdrucksvollem warmem Mezzosopran in der Partie der Erda aufhorchen.
Dimitra Kotidou als Woglinde, Laura Incko als Wellgunde und Emily Lorini als Flosshilde harmonieren gesanglich und spielerisch als Rheintöchter-Trio.
Das Philharmonische Orchester des Landestheaters Coburg weiß an diesem Abend trotz der eingeschränkten Möglichkeiten durchaus zu überzeugen. Natürlich hat Coburg nicht das von Wagner vorgesehene 123 Mann starke Orchester, und hätte dafür im Graben auch gar keinen Platz. Gespielt wird daher die sogenannte Coburger Fassung für 40 Musiker, arrangiert vom Hofmusikdirektor Alfons Abbas, die mit Basstrompete und Wagnertuba modifiziert wurde und für die aktuelle Neuinszenierung gespielt wird. Diese Fassung zeigt eine ansprechende Klangmalerei und ein farbenreiches und nuanciertes Spiel, auch wenn es zu Beginn die eine oder andere Unsauberkeit bei den Bläsern im Orchestergraben zu vernehmen gibt. Dunkel und düster erklingt der Es-Dur Akkord zu Beginn aus dem Orchestergraben, doch die Farben wechseln schnell. Der Übergang zum zweiten Bild ist schon fast symphonisch zart, die Nibelungen-Szenen dagegen im überschäumenden Forte schlagkräftig, der Einzug der Götter in Walhall majestätisch und erhaben. Roland Kluttig, Generalmusikdirektor in Coburg, führt die Orchestermusiker mit klarem Gestus durch die Partie. Er arbeitet Farbnuancen heraus, wechselt klug die Tempi und arbeitet besonders die Leitmotive und symphonischen Elemente klar heraus und beweist, dass auch eine kammermusikalische Besetzung Wagner laut spielen kann, manchmal sogar zu laut. Darunter hatte vor allem Martin Trepl als Alberich etwas zu leiden.
Am Schluss gibt es großen Applaus im nicht ganz ausverkauften Coburger Landestheater für das gesamte Ensemble, besonders Simeon Esper als Loge wird umjubelt, dafür erhält Michael Lion eigentlich zu wenig Applaus. Großer Jubel auch für Roland Kluttig und sein Philharmonisches Orchester, während das Regieteam Applaus ohne Überschwang und ohne Buhrufe entgegen nehmen kann. Der erste Schritt dieses ambitionierten Projektes ist getan, doch am Ende bleiben Zweifel, in welche Richtung Alexander Müller-Elmau in den kommenden drei Jahren den Ring weiterentwickeln will. Oder um es mit der ersten und zweiten Norn im Vorspiel der Götterdämmerung zu halten, die ihre Schwester fragen: „Weißt du, wie das wird?“
Andreas H. Hölscher