O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH
(Jonathan Safran Foer)
Besuch am
2. Oktober 2019
(Einmaliges Gastspiel)
Bis heute ist der 11. September 2001 wohl weltweit unvergessen. In Deutschland kamen die ersten Meldungen zur Mittagszeit im Radio. In Düsseldorf war das Wetter sonnig. Der übliche Stau bei der Einfahrt in die Stadt. Auf WDR 2, damals noch ein relevanter Hörfunksender, berichtete der USA-Korrespondent von einem Feuer im World Trade Center. Ersten Vermutungen zufolge handelte es sich um ein von Handwerkern verursachter Brand. Kurz darauf wurde das Ungeheuerliche Gewissheit. Im Fernsehen konnte man live erleben, wie zwei Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt wurden. Und noch, als man die ersten Menschen aus den Fenstern springen sah, war wohl niemandem die persönliche Dimension des Geschehens klar. Zu eindrucksvoll waren die einstürzenden Zwillingstürme.
Vier Jahre brauchte Jonathan Safran Foer, um das Geschehene zu verarbeiten und es in einer persönlichen Perspektive aufzuarbeiten. In seinem Buch Extrem laut und unglaublich nah schildert er das Schicksal vom neunjährigen Oskar Schell, der seinen Vater bei dem Angriff verlor. Er misst dem Jungen erhöhte Sensibilität und Intelligenz zu, um darzustellen, warum Oskar sich auf die scheinbar ausweglose Suche nach einem Schloss macht, zu dem der Schlüssel passen könnte, den er gefunden hat. Die Suche nach einer Person namens Black führt Oskar zu vielen Lebensgeschichten, die mit der eigenen Familiengeschichte verknüpft werden. Foer hat einen dieser großartigen Romane geschaffen, die die amerikanische Literatur immer wieder hervorbringt. Die werden dann, wie in diesem Fall auch, verfilmt. Der Film ist sogleich Oscar-verdächtig. Und selbstverständlich lassen Theater- oder gar Musical-Fassung nicht lange auf sich warten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Burghofbühne Dinslaken hat sich für die deutsche Theaterfassung entschieden, die Peter Helling erstellt hat. Herausgekommen ist eine knapp zweistündige, textlastige Version, die Regisseur Mirko Schombert inszeniert hat. Am 11. Januar dieses Jahres im Tribünenhaus der Trabrennbahn Dinslaken erstmalig aufgeführt, ist das Stück jetzt im Studio des Forums Leverkusen als einmaliges Gastspiel zu erleben. Die Aufführungen im Studio sind längst kein Geheimtipp mehr, umso verwunderlicher ist, dass dieser Abend nur zu 75 Prozent besucht ist.
Jörg Zysik hat sich um Bühne und Kostüme gekümmert. Und dabei eine Vorliebe für Sperrholzplatten entwickelt. Das Grundgerüst mag im entferntesten Sinne an einen Schiffsbug erinnern und damit die Reise assoziieren. Jedenfalls gibt es hier eine Menge Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten. Planken an der Rückseite geben Halt für zusätzliche Bewegungen. Zwei, drei Autositze und eine Matratze vervollständigen neben einigen zusätzlichen Requisiten die Ausstattung. Im Vordergrund ist ein Theremini aufgebaut, eine elektronisch verstärkte Gitarre und ein Bass bieten die Grundlage für die musikalische Untermalung. Die Kostüme sind heutig und, wenn man so will, einer amerikanischen, na, eher Unterschicht, zugeschrieben. Die eigentliche Kunst Zysiks liegt aber nicht in der zeitlichen oder gesellschaftlichen Zuordnung, sondern darin, dass es ihm gelingt, die Rollenzuweisungen ordentlich vorzunehmen.

Denn Schombert bedient sich eines Tricks, um das zahlreiche Personal des Romans auf fünf Personen zu reduzieren und gleichzeitig die vielschichtigen Geistesebenen von Oskar darzustellen. Das ist kongenial, weil es funktioniert. Im Mittelpunkt steht Julia Sylvester als Oskar 1. Ihr unglaubliches Textvolumen bewältigt sie nahezu makellos, überzeugt in der Hosenrolle und schenkt uns einen Oskar, den man voll und ganz nachvollziehen kann. An der Eingangstür steht die Einlasserin und versucht, den Zuschauern auf die Schnelle die Rollenverteilungen mit auf den Weg zu geben. Das ist so niedlich wie vergeblich. Denn man muss dieses Stück gesehen haben, um zu verstehen, dass Oskar durch zwei zusätzliche Persönlichkeitsebenen dargestellt wird. Dazu müssen sich Philip Peters und Malte Sachtleben jeweils weiße Mützen aufsetzen, weil sie ansonsten noch zahlreiche andere Rollen zu bewältigen haben. Das bekommen sie aber prima hin. Ebenso wie Christiane Wilkens, die die Mutter Oskars ebenso wie seine Oma darzustellen hat. Jan Exner schließlich hat den verstorbenen Vater wie den Opa zu repräsentieren. Was eher verwirrend klingt, wird in der Aufführung dank ausgezeichneter Personenführung klar. Das Kunststück, das Schombert gelingt, ist, dass die Rollenzuweisungen schnell an Bedeutung verlieren, weil der Zuschauer sich ohne Schwierigkeiten darauf einlassen kann, welch persönliche Bedeutung der Tod des Vaters hat.
Es geht hier nicht darum, ob zwei Hochhäuser eingestürzt sind. Sondern um den persönlichen Verlust des Vaters. Besonders deutlich wird das im Rücklauf dessen, was eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag des Vaters war.
Die Musik von Jan Exner passt als Untermalung, schafft einige nette Effekte, insbesondere auf dem Theremini, das insbesondere deshalb so eindrucksvoll ist, weil es „berührungslos“ gespielt wird. 1920 erfand Lew Termen dieses elektronische Musikinstrument, das inzwischen zu kleinem Preis als digitales Gerät zu erwerben ist. Zwischenzeitlich überwiegt tatsächlich die technische Faszination, aber alsbald haben einen die Schauspieler wieder mit vorzüglicher Leistung im Griff.
Das Publikum in Leverkusen ist begeistert von der gezeigten Leistung, die vor allem im Schlussteil noch einmal alle Register zieht. Übermäßiger Applaus verabschiedet das Ensemble wieder nach Dinslaken, von wo aus das Landestheater hoffentlich noch häufig aufbrechen muss, um die sehr persönliche Sichtweise auf 9⁄11 so eindrucksvoll zu gestalten.
Michael S. Zerban