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Foto © O-Ton

911 ganz persönlich

EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH
(Jonathan Safran Foer)

Besuch am
2. Oktober 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen, Studio

Bis heute ist der 11. September 2001 wohl weltweit unver­gessen. In Deutschland kamen die ersten Meldungen zur Mittagszeit im Radio. In Düsseldorf war das Wetter sonnig. Der übliche Stau bei der Einfahrt in die Stadt. Auf WDR 2, damals noch ein relevanter Hörfunk­sender, berichtete der USA-Korre­spondent von einem Feuer im World Trade Center. Ersten Vermu­tungen zufolge handelte es sich um ein von Handwerkern verur­sachter Brand. Kurz darauf wurde das Ungeheu­er­liche Gewissheit. Im Fernsehen konnte man live erleben, wie zwei Flugzeuge in das World Trade Center gelenkt wurden. Und noch, als man die ersten Menschen aus den Fenstern springen sah, war wohl niemandem die persön­liche Dimension des Geschehens klar. Zu eindrucksvoll waren die einstür­zenden Zwillingstürme.

Vier Jahre brauchte Jonathan Safran Foer, um das Geschehene zu verar­beiten und es in einer persön­lichen Perspektive aufzu­ar­beiten. In seinem Buch Extrem laut und unglaublich nah schildert er das Schicksal vom neunjäh­rigen Oskar Schell, der seinen Vater bei dem Angriff verlor. Er misst dem Jungen erhöhte Sensi­bi­lität und Intel­ligenz zu, um darzu­stellen, warum Oskar sich auf die scheinbar ausweglose Suche nach einem Schloss macht, zu dem der Schlüssel passen könnte, den er gefunden hat. Die Suche nach einer Person namens Black führt Oskar zu vielen Lebens­ge­schichten, die mit der eigenen Famili­en­ge­schichte verknüpft werden. Foer hat einen dieser großar­tigen Romane geschaffen, die die ameri­ka­nische Literatur immer wieder hervor­bringt. Die werden dann, wie in diesem Fall auch, verfilmt. Der Film ist sogleich Oscar-verdächtig. Und selbst­ver­ständlich lassen Theater- oder gar Musical-Fassung nicht lange auf sich warten.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Burghof­bühne Dinslaken hat sich für die deutsche Theater­fassung entschieden, die Peter Helling erstellt hat. Heraus­ge­kommen ist eine knapp zweistündige, textlastige Version, die Regisseur Mirko Schombert insze­niert hat. Am 11. Januar dieses Jahres im Tribü­nenhaus der Trabrennbahn Dinslaken erstmalig aufge­führt, ist das Stück jetzt im Studio des Forums Lever­kusen als einma­liges Gastspiel zu erleben. Die Auffüh­rungen im Studio sind längst kein Geheimtipp mehr, umso verwun­der­licher ist, dass dieser Abend nur zu 75 Prozent besucht ist.

Jörg Zysik hat sich um Bühne und Kostüme gekümmert. Und dabei eine Vorliebe für Sperr­holz­platten entwi­ckelt. Das Grund­gerüst mag im entfern­testen Sinne an einen Schiffsbug erinnern und damit die Reise assozi­ieren. Jeden­falls gibt es hier eine Menge Ein- und Ausstiegs­mög­lich­keiten. Planken an der Rückseite geben Halt für zusätz­liche Bewegungen. Zwei, drei Autositze und eine Matratze vervoll­stän­digen neben einigen zusätz­lichen Requi­siten die Ausstattung. Im Vorder­grund ist ein Theremini aufgebaut, eine elektro­nisch verstärkte Gitarre und ein Bass bieten die Grundlage für die musika­lische Unter­malung. Die Kostüme sind heutig und, wenn man so will, einer ameri­ka­ni­schen, na, eher Unter­schicht, zugeschrieben. Die eigent­liche Kunst Zysiks liegt aber nicht in der zeitlichen oder gesell­schaft­lichen Zuordnung, sondern darin, dass es ihm gelingt, die Rollen­zu­wei­sungen ordentlich vorzunehmen.

Julia Sylvester – Foto © O‑Ton

Denn Schombert bedient sich eines Tricks, um das zahlreiche Personal des Romans auf fünf Personen zu reduzieren und gleich­zeitig die vielschich­tigen Geistes­ebenen von Oskar darzu­stellen. Das ist kongenial, weil es funktio­niert. Im Mittel­punkt steht Julia Sylvester als Oskar 1. Ihr unglaub­liches Textvo­lumen bewältigt sie nahezu makellos, überzeugt in der Hosen­rolle und schenkt uns einen Oskar, den man voll und ganz nachvoll­ziehen kann. An der Eingangstür steht die Einlas­serin und versucht, den Zuschauern auf die Schnelle die Rollen­ver­tei­lungen mit auf den Weg zu geben. Das ist so niedlich wie vergeblich. Denn man muss dieses Stück gesehen haben, um zu verstehen, dass Oskar durch zwei zusätz­liche Persön­lich­keits­ebenen darge­stellt wird. Dazu müssen sich Philip Peters und Malte Sacht­leben jeweils weiße Mützen aufsetzen, weil sie ansonsten noch zahlreiche andere Rollen zu bewäl­tigen haben. Das bekommen sie aber prima hin. Ebenso wie Chris­tiane Wilkens, die die Mutter Oskars ebenso wie seine Oma darzu­stellen hat. Jan Exner schließlich hat den verstor­benen Vater wie den Opa zu reprä­sen­tieren. Was eher verwirrend klingt, wird in der Aufführung dank ausge­zeich­neter Perso­nen­führung klar. Das Kunst­stück, das Schombert gelingt, ist, dass die Rollen­zu­wei­sungen schnell an Bedeutung verlieren, weil der Zuschauer sich ohne Schwie­rig­keiten darauf einlassen kann, welch persön­liche Bedeutung der Tod des Vaters hat.

Es geht hier nicht darum, ob zwei Hochhäuser einge­stürzt sind. Sondern um den persön­lichen Verlust des Vaters. Besonders deutlich wird das im Rücklauf dessen, was eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag des Vaters war.

Die Musik von Jan Exner passt als Unter­malung, schafft einige nette Effekte, insbe­sondere auf dem Theremini, das insbe­sondere deshalb so eindrucksvoll ist, weil es „berüh­rungslos“ gespielt wird. 1920 erfand Lew Termen dieses elektro­nische Musik­in­strument, das inzwi­schen zu kleinem Preis als digitales Gerät zu erwerben ist. Zwischen­zeitlich überwiegt tatsächlich die technische Faszi­nation, aber alsbald haben einen die Schau­spieler wieder mit vorzüg­licher Leistung im Griff.

Das Publikum in Lever­kusen ist begeistert von der gezeigten Leistung, die vor allem im Schlussteil noch einmal alle Register zieht. Übermä­ßiger Applaus verab­schiedet das Ensemble wieder nach Dinslaken, von wo aus das Landes­theater hoffentlich noch häufig aufbrechen muss, um die sehr persön­liche Sicht­weise auf 911 so eindrucksvoll zu gestalten.

Michael S. Zerban

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