O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Wir planen“, verspricht Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan im Mai bei der Vorstellung des Spielplans 2019/2020, „keine revolutionäre Umdeutung des Stoffes“. Das Versprechen gilt dem Rosenkavalier von Richard Strauss. Fünf Monate später folgt mit der Premiere der Komödie für Musik in drei Akten im Bonner Opernhaus der Wahrheitsbeweis. Wie sollte denn auch eine „revolutionäre Umdeutung des Stoffes“ überzeugend gelingen, der die merkantilen und erotischen Eskapaden dieser mehr oder weniger feinen Herrschaften samt ihrer „Bagagi“ vorführt und zugleich persifliert? Wie diese Milieustudie der dekadenten Verhältnisse im Wien zu Beginn der Regentschaft der Maria Theresia in die Moderne transponieren? Und welche Moderne dann bitte? Und wie wäre eine solche Umdeutung mit den Bedingungen der Volksoper in Wien in Einklang zu bringen? Dort, wo das Werk mit dem genialen Text Hugo von Hofmannsthals gleichsam zum nationalen Tafelsilber zählt, soll die koproduzierte Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger, Intendant des Münchner Gärtnerplatz-Theaters, 2022 herauskommen. Es wäre dann die erste Neuproduktion des Rosenkavalier in der Metropole Österreichs seit Otto Schenks Inszenierung von 1968. Selbige ist inzwischen mehr als 350 Mal auf dem Spielplan der Staatsoper registriert.
Der Rosenkavalier hat in vielen europäischen Musiktheatern einen festen Platz in der Bühnengeschichte. In Bonn gelangt das Stück 1982 mit Arlene Saunders als Marschallin in einer bewusst opulent gehaltenen Ausstattung auf die Bühne des Theaters an der Kennedy-Brücke. Repräsentationstheater at its best in den Jahren, die zu den glanzvollsten des Hauses zählen. Knapp 40 Jahre später kommt die ergötzliche Frivolität etliche Stufen unprätentiöser zum Zuge. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker, frei von jeglichem Rokoko-Glanz, fokussiert den Blick des Publikums gleich zu Beginn auf das evidente Thema des Stoffes, die Meditation über die bittere Vergänglichkeit und das unverschämte Privileg der Jugend. Für die drei Schauplätze hat Leiacker einen Einheitsraum mit geschrägten Wänden geschaffen, der dank beweglicher Elemente multifunktional verwendet werden kann. Das Schlafzimmer der Fürstin Werdenberg im Boudoirstil, der Ort des ersten Aufzugs, wird von einer vom Zahn der Zeit ramponierten Spiegelwand begrenzt, auf der allerlei Motive aus der Barockmalerei angedeutet werden. Motive des Kampfes gegen den Tod, den der Mensch nicht gewinnen kann. Der Saal beim Herrn von Faninal wird von einem Trum, wie der Rheinländer sagt, von Bücherschrank beherrscht. Das Zimmer in einem Wiener Gasthof schlussendlich wird von einer ziemlich nüchternen Ansammlung von allerlei Bistro- und Bürogestühl möbliert. Dazu gibt es jeweils etliche Türen, die für den Fortgang der Handlung wie bei Mozarts Le nozze di Figaro unerlässlich sind. Die von Dagmar Morell entworfenen Kostüme bewegen sich auf der schmalen Linie von Historismus und Naturalismus. Einzig das Negligé der Feldmarschallin ist zeitlos, verführerisch und elegant.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Geschehen vor und hinter diversen Vorhängen, Schanktischen und Türen, vermutlich der gesamte Rosenkavalier, verrät die Marschallin auf dem Höhepunkt des Tohuwabohu im dritten Akt, sei nichts anderes als eine „Farce“. So sieht es prinzipiell auch Köpplinger in seiner durchaus „werkgetreu“ zu nennenden Inszenierung. Der Zeitgeist darf sich weitgehend ungehindert von ideologischen Normen von heute entfalten. Auch Mohammed, der schwarze Knabe im Dienst der Marschallin, darf im legendären Finale „hinaus trippeln“, wie es im Textbuch heißt. Einen Hinweis auf den Namen des jungen Schauspielers lässt sich im Programmheft freilich nicht finden. Immer wieder verfällt der Regisseur der Lust, das Komödiantische der Figuren und den decouvrierenden Esprit Hofmannsthals noch durch Situationskomik zu steigern. Sophie entgleitet im aufkommenden Liebeserwachen mit Octavian die frisch überreichte silberne Rose, was in den steifen Inszenierungen der Karajan-Ära undenkbar gewesen wäre. Die jungen Liebenden herzen und küssen sich hinter einem Stuhl, was allerdings vom Publikum voll eingesehen und, wie zu hören ist, genossen wird.
Seinen Stil der grimmigen Leichtigkeit, die im Rosenkavalier mit seinem von Quid-pro-quo- Gewusel textlich wie musikalisch tiefschürfend angelegt ist, hält Köpplinger dann jedoch nicht durch. Als müssten die amourösen Wallungen, wienerisch: Congestionen, und chauvinistischen Attitüden aristokratischer Kreise und selbst der Dienerschaft wie ein Tribut an die Me-too-Bewegung phasenweise eliminiert oder zumindest relativiert werden, zieht er die Fäden in die Gegenrichtung. Wenn Ochs – ein Beispiel – dem Octavian alias Mariandl einen Klaps auf den Allerwertesten gibt, revanchiert sich dieser einige Augenblicke später mit Vergnügen. Grimmige Leichtigkeit, die zwar im Publikum Heiterkeit auslöst, aber der Schlüssigkeit entbehrt.

Eine Offenbarung ist das Finale, in dem das Terzett der Frauen in das Duett von Octavian und Sophie Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein mit der seligsten Musik übergeht, die Strauss überhaupt komponiert hat. Während die Marschallin in ihrer unnachahmlichen Weise dem begriffsstutzigen Provinzler Ochs den Kopf wäscht, öffnen sich die Wandelemente, um den Blick mehr und mehr auf den schwarzdunklen Bühnenhintergrund freizugeben. Plastisch heben sich auf diesem die Umarmungen des jungen Paares ab. Schneeflocken fallen von oben. Normalerweise ein gern strapazierter Bühnenkitsch, hier eine verzeihliche Grobheit des Leichten. Bangt doch Sophie, wie sie singt, „an der himmlischen Schwell‘ “.
Musikalisch atmet die Produktion die Weihen einer ausgesprochenen Ensembleleistung. Dabei ist die Eröffnungsproduktion der neuen Spielzeit sängerisch solide bis anspruchsvoll besetzt. Das umso mehr, als in den drei tragenden Frauenstimmen jeweils Rollendebüts zu erleben sind. Als Feldmarschallin verbreitet die an der Deutschen Oper Berlin gereifte Martina Welschenbach mit ihrem technisch versierten und ausdrucksintensiven Sopran standesgemäße Noblesse und menschliche Verletzlichkeit, je nach Situation. Louise Kemény erobert als Sophie mit vokaler Frische und spielerischer Unbekümmertheit nicht nur das Herz des Octavian. In dieser Rolle avanciert die aus Schweden stammende Mezzosopranistin Emma Sventelius zur Favoritin der Besucher, unüberhörbar im Applaus des Publikums.
Als Baron Ochs auf Lerchenau ist der Bayer Franz Hawlata „gesetzt“. Nach mehr als 600 Auftritten mit dieser Partie auf den Bühnen der Welt trifft er das spezielle wienerische Parlando sehr gut. Freilich bewegt sich hier eine Rollenkarriere wohl ihrem Zenit entgegen. Die Tiefe – etwa in Da lieg‘ ich – ist immer noch fulminant. Doch ermangelt es erkennbar der souveränen vokalen Grantigkeit. Unter den weiteren Rollen existiert mit Yannick-Muriel Noah als Leitmetzerin eine Edelbesetzung. George Oniani wartet als ein Sänger mit metallischem Glanz auf und so viel Vehemenz, als gelte es dem Siegmund in der Walküre entgegen zu singen. In ihren Partien agieren Giorgos Kanaris als Herr von Faninal, Johannes Mertes in der Rolle des Valzacchi und Anjara I. Bartz als Annina trefflich. Der Chor des Theaters Bonn, einstudiert von Marco Medved, präsentiert sich famos. Mit Hingabe und Spielfreude ist der Kinderchor unter Leitung von Ekaterina Klewitz bei der Sache. Sein Papa, Papa, das er dem Ochs entgegenschleudert, klingt wie in Ton gesetzte Vaterschaftsklagen.
Das Beethoven-Orchester Bonn in großer Besetzung erwischt mit Kaftan am Pult eine Sternstunde, meistert die Partie vom walzerseligen Klangrausch bis zur intimsten kammermusikalischen Paraphrase bravourös. Einschmeichelnd gekonnt Solovioline und Celesta. Gewiss, die Abstimmung von Bühne und Graben gelingt nicht immer, wenn die Sänger gegen die Strausssche Werkbank der Klangmalerei ansingen müssen. Doch findet sich das Orchester im Verlauf der langen Strecke beim Austarieren von vokalem Parlando und instrumentaler Ausmalung mehr und mehr. Verdientermaßen ein Extravorhang für das Orchester, am Ende mit voller Mannschaft auf der Bühne. Hier wie generell geizt das Publikum nicht mit akustischer Verneigung. Wie denn auch, wo eine ganze Epoche zu erleben ist, die auch heute nicht wenige missen möchten.
Ralf Siepmann