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Das Leben kennt nur eine Gewissheit. Und die ist der Tod. Alles andere davor ist Risiko. Es ist legitim, dieses Risiko möglichst kleinzuhalten. Ausschalten kann es keiner. Und so muss jeder für sich selbst die Balance zwischen Sicherheitsmaßnahmen und Freiheit finden. Denn je mehr Schlösser wir an der Tür anbringen, desto länger brauchen wir, um sie zu öffnen. Und desto mehr müssen wir aufpassen, keinen der Schlüssel zu verlieren. Das gilt für den Bürger wie für den Staat. Bei letzterem scheint die Verantwortung höher, weil er erklärt hat, für die Sicherheit aller Bürger zu sorgen. Allerdings fordert der Staat für sein Sicherheitsversprechen die Freiheit der Bürger ein. Dafür räumen ihm die Bürger Rechte ein. Wenn der Staat diese Rechte missbraucht oder sich damit über das Rechtsverständnis hinwegsetzen will, muss das mit den Bürgern verhandelt werden. Unterbleibt diese Verhandlung, geht die Rechtsstaatlichkeit verloren. Das klingt viel abstrakter, als es ist.
Die ständig zunehmende Videoüberwachung der Bevölkerung wird damit begründet, dass es ihrer Sicherheit diene. Entschließt sich in Halle ein Einzeltäter, zum „letzten Feldzug“ aufzubrechen, wie heute offenbar geschehen, hilft das gar nichts. Der kann im Tarnanzug mit Sturmhaube, Helm und einem regelrechten Waffenarsenal im Auto durch die Stadt fahren, versuchen, die Tür einer Synagoge aufzuschießen, Sprengkörper anzubringen. Dabei wird er nicht nur gefilmt, er filmt sich auch gleich noch selbst. Via Livestream kann man das im Internet mitverfolgen. Er kann eine Frau auf offener Straße erschießen. Er kann vom Tatort fliehen. In einer Döner-Bude einen weiteren Menschen erschießen. Mehrere Menschen verwunden. Einen weiteren Wagen stehlen. Und warum stellt ihn die Polizei? Weil er einen Auto-Unfall baut. Ein Sturmgewehr und eine Maschinenpistole hat er nach Medienberichten mit sich herumgetragen. Dass immer mehr Menschen durchdrehen, ist sicher ein gesellschaftliches Problem, das wir weder mit Videokameras noch mit Betonklötzen vor Marktplätzen lösen werden. Dass sie kilometerweit durch die Gegend fahren und dabei Mitmenschen töten können, zeigt, wie weit es mit dem Sicherheitsversprechen des Staates her ist. Ein gesundes Misstrauen ist angebracht.

Auf einer anderen Ebene beschäftigt sich Miraz Bezar in seinem neuen Stück Aus dem Nichts nach dem Film von Fatih Akin mit der Willkür des Staates unter dem Vorwand des Sicherheitsversprechens. Die Ausgangssituation erscheint der heutigen Gewalttat anfangs nicht unähnlich. Was im einen Fall Antisemitismus eines Rechtsextremisten zu sein scheint, ist im andern Fall die rassistische Tat eines Rechtsextremisten. Am 9. Juni 2004 stellt ein Mann ein Fahrrad vor einem Friseurladen in der Kölner Keupstraße ab, um später per Fernbedienung die darauf befindliche Nagelbombe zu zünden. Sage und schreibe 5,5 Kilogramm Schwarzpulver und etliche hundert Zimmermannsnägel explodieren in dem mit Watte ausgeschlagenen Hartschalenkoffer. Bei Akin und somit auch bei Bezar wird daraus eine Frau, aus der Keup- die Steinstraße, die Nagelbombe bleibt. Gezündet wird sie auf der Theaterbühne vor dem Dolmetscherladen von Nuri. Nuri und sein Sohn Rocco sterben. Das Stück beginnt damit, dass Ehefrau Katja versucht, nach dem Anschlag in die abgesperrte Steinstraße zu kommen und so erfährt, dass Mann und Sohn ermordet worden sind. Quasi im Zeitraffer werden dann Klischee für Klischee abgearbeitet. Die Trauer von Katja, die Vorwürfe ihrer Mutter, weil Nuri inzwischen von der Polizei als Drogendealer verdächtigt wird, der uneinsichtige Kommissar, der einen Neonazi-Anschlag als absurd ablehnt, schließlich die Nachricht, dass es doch Neonazis waren, die für die Bombe verantwortlich waren. All das ebenso wie der Drogenkonsum von Katja gibt es so schlaglichtartig und fast schon boulevardesk, dass es schon Überwindung braucht, nach der Pause wieder in den Saal zu gehen. Weil man überhaupt noch keine Idee hat, worauf Bezar hinauswill.
Die zweite Hälfte beschäftigt sich mit der Gerichtsverhandlung gegen die beiden Hauptverdächtigen André und Edda Möller. Allmählich schleicht sich die Erkenntnis ein, dass es sich hier nicht um Einzeltäter, sondern um ein Netzwerk handelt. Ein dritter Tatbeteiligter kommt ins Spiel. Fingerabdrücke gibt es, einen Namen nicht. Schließlich stellt sich heraus, dass es sich um einen V‑Mann des Bundesverfassungsschutzes handelt. Im letzten Kapitel endlich erzählt Bezar den Beweggrund seines Stücks. Denn der Staat stellt sich über das Recht und nimmt sich heraus, den Namen eines Mittäters aus Staatsschutzgründen nicht bekanntzugeben. Ein Mensch, der an der Tötung von zwei Menschen beteiligt war, wird von Staats wegen geschützt. Bezar klagt nicht an. Er schildert. Im aufwändig gestalteten Programmheft höhnt ein Zitat der Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland verspreche ich Ihnen: Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Es liegt am Bürger, dieses zutiefst unmoralische Verhalten zu reflektieren. Und vielleicht die „Sicherheitsfrage“ in der Bundesrepublik noch einmal ganz neu zu stellen.
In Leverkusen ist das Stück quasi taufrisch zu erleben. Am 28. September wurde es in Schweinfurt uraufgeführt. Das ist der Aufführung auch anzumerken. Die Reisebühne von Tudorel Neata wirkt noch frisch. Im Zentrum ein Rahmen, der Raum für Projektionen gibt. Ergänzende Requisiten wie Möbel und Aktenschränke sind funktional, hier gibt es nichts, was unnötig ablenkt. Monika Maria Cleres kleidet die Darsteller in charakterisierende Kostüme, die allenfalls dann unverständlich bleiben, wenn die „Neonazis“ in jugendlich-frischem Weiß vor Gericht auftauchen. Das kann man diskutieren. Bertram Kohlhofer bringt einige spannende Lichtwechsel ein, die die Dramaturgie gekonnt fokussieren. Philipp Figueroa steuert eindrucksvolle Projektionen aus der deutschen Geschichte bei, die allein schon zum Nachdenken anregen.
Die Darsteller sind in ihren Rollen noch nicht endgültig angekommen, was auch an der durchschnittlichen Personenführung liegen mag. Hier wird sich in Zukunft mit zunehmender Routine noch viel entwickeln. Unter den Textaufsagenden ist Anna Schäfer hervorzuheben, die als Katja ihre Rolle verstanden hat, aber zu wenig angeboten bekommt. Davon darf man sich nicht beirren lassen. Kurz vor Schluss wird das Stück richtig stark. Und es lohnt sich durchzuhalten.
Das Publikum verfolgt die Aufführung in konzentrierter Ruhe. Am Ende applaudiert es teils stehend zunächst der Botschaft, ehe es sich bei den Schauspielern bedankt. Der Anfang ist gemacht.
Michael S. Zerban