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Foto © Ingrid Smolarz

Im „Flow“

SIEGERKONZERT BONNVOICE/WDR-RUNDFUNKCHOR
(Diverse Komponisten)

Besuch am
11. Oktober 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Kreuz­kirche Bonn

Die Kreuz­kirche in Bonn, die evange­lische Stadt­kirche der Bundes­stadt, ist ein Geheimtipp für Liebhaber protes­tan­tisch geprägter Kirchen­musik zwischen Düsseldorf und Koblenz. Garanten hierfür sind speziell das Sinfonie-Orchester, die Kantorei und der Kammerchor Vox Bona. Das jüngste Ereignis in der Musik­chronik der mit 1.200 Sitzplätzen größten evange­li­schen Kirche im Rheinland dürfte aller­dings ohne Parallele sein. Zwei Vokal­ensembles, ein Profi- und ein Laienchor, begeistern mit einem säkularen Programm ein zahlen­mäßig beacht­liches Publikum. Ausge­rechnet das im populären Mainstream margi­na­li­sierte Volkslied rückt in seinen tradi­tio­nellen Formen wie in kreativen Bearbei­tungen und modernen Arran­ge­ments für gut zwei Stunden in den öffent­lichen Fokus.

Selbst­ver­ständlich hat so ein Sonderling seine Vorge­schichte. BonnVoice, der von seinem Leiter Tono Wissing 2009 gegründete A‑cap­pella-Chor, setzte sich 2018 beim Casting des Westdeut­schen Rundfunks (WDR) „Der beste Chor im Westen“ gegen 20 rivali­sie­rende Forma­tionen durch. Das Laien­en­semble mit einem von Elementen aus Klassik, Jazz und Pop geprägten Profil quali­fi­ziert sich so für die Teilnahme am Eurovision Choir 2019 (EC). Bei diesem am 3. August ausge­tra­genen TV-Wettbewerb der Eurovision in Koope­ration der European Broad­casting Union (EBU), der deutschen Organi­sation Inter­kultur und der Stadt Göteborg schneidet der deutsche Vertreter achtbar ab, erreicht aber nicht die zweite Final­runde. Aus der geht das dänische Ensemble Vocal Line als Sieger hervor. Auf natio­naler Ebene ist mit der Sieges­palme des WDR-Castings die Dreingabe einer beson­deren Ehre verknüpft: ein „Sieges­konzert“ mit dem WDR-Rundfunkchor.

Natürlich ist Bonn, eben die an diesem Abend besonders ausge­leuchtete Kreuz­kirche, der Ort des Geschenks der Landes­rund­funk­an­stalt an den Partnerchor in der Bundes­stadt. TV-Kameras generieren Inter­views und Schnitt­auf­nahmen, visuelle Appetizer, für die kommende Ausgabe von „Der beste Chor im Westen“. Denn nach dem Wettbewerb ist für die Chorge­mein­schaft an Rhein und Ruhr vor dem Wettbewerb. 20 Chöre treten in zwei Vorent­scheiden gegen­ein­ander an. So trifft zum Beispiel der Hildener Gospelchor Joyful Voices unter anderen auf chor cantiamo aus Aachen und Heartchor Krefeld. Der Jugendchor Theater Bonn auf Bridgeman aus Bocholt und Witches of Pitches aus Moers. Die Vorent­scheide werden am 16. und 17. November in der Zeche Zollverein in Essen aufge­zeichnet und am 22. sowie 29. November im WDR-Fernsehen ausgestrahlt.

Wie das program­ma­tische Versprechen des Sonder­kon­zerts nahelegt, präsen­tieren sich die Sänge­rinnen und Sänger von BonnVoice unter dem anfeu­ernden Dirigat des Vollblut­mu­sikers Wissing wie wahre Sieger. Schon der erste Block mit den Titeln Ich seh dich, O Täler weit o Höhen und Die Gedanken sind frei gibt die Linie des Abends vor. Und die Stimmung im Kirchenrund, das sich unter der mächtigen Ott-Orgel zu einem seligen Konzerthaus wandelt. Das deutsche Volkslied über die Gedan­ken­freiheit, inzwi­schen so etwas wie die akustische Visiten­karte der knapp 40 meist jungen Frauen und Männer, zeigt BonnVoice in blendender Verfassung. Profunde Homoge­nität im Klangbild, sichere Intonation, gekonnte Paraphra­sierung in den verfrem­deten Sequenzen sowie eine moderate, aber beherrschte Körper­sprache belegen einmal mehr die Klasse des Ensembles, das mit diesem Lied zugleich an sein großes Erlebnis in der Partille-Arena im letzten August erinnert. Die Variation über die Freiheit der Gedanken zog auch damals TV-Zuschauer in ganz Europa in ihren Bann.

WDR-Rundfunkchor – Foto © Ingrid Smolarz

Gebannt von dem Gehörten, outet sich WDR-Redakteur Rolf Schmitz-Malburg, Moderator des Abends, als Chor-Afici­onado: „Was die mensch­liche Stimme alles leisten kann!“ Die der Akteure von BonnVoice lässt sich das nicht zweimal sagen, zumal man, wie Wissing unter­streicht, „gerade im Flow“ sei. All meine Gedanken, die ich hab zum Auftakt des zweiten Blocks, die Inter­pre­tation des altdeut­schen Minne­liedes, gerät zu einem Kleinod für sich. Dat du min Leevsten büst, der nieder­deutsche Klassiker, kündet vom idioma­ti­schen Spektrum des Volks­lied­re­per­toires. Zum Hit des Abends avanciert die putzmuntere Wiedergabe und Verfremdung des Evergreens Wenn ich ein Vöglein wär, das im Finale mit Pfeif- und Flugge­räu­schen eine lebendige Atmosphäre hervorruft. Dazu bewegt sich das Ensemble unmerklich, aber wirksam. BonnVoice gehört ja von Anfang an zu den Vokal­ensembles, die verstanden haben. Verstanden, dass auch die Augen des Publikums verwöhnt werden möchten, visuelle Reize zu dem gehören, was die Chortheorie „Kommu­ni­kation“ nennt. Austausch unter­ein­ander und mit dem Publikum.

Dann übernimmt der WDR-Rundfunkchor mit seinem Leiter Robert Blank am Pult. Souverän und routi­niert erklingen bei vierhän­diger Klavier­be­gleitung die Liebes­lieder-Walzer von Johannes Brahms mit Texten von Georg Friedrich Daumer, ursprünglich gesetzt für vier Singstimmen und Klavier vierhändig. Auch hier „durch­rauscht“ ganz wonnig „ein Vöglein die Luft“. Was sich danach ereignet, ließe sich als Spontan­ver­netzung oder auch joint venture beschreiben. Jeden­falls wird es eng auf dem niedrigen Podium. Vier der Liebes­lieder werden von beiden Chören inter­pre­tiert: Es bebet das Gesträuche, Rede, Mädchen, allzu liebes, O die Frauen und Wie des Abends schöne Röte. Die Ensembles harmo­nieren erstaunlich. Ein Eindruck, der im Grunde ein Riesen­kom­pliment an die Bonner „Laien­schar“ bedeutet.

BonnVoice, ohnehin im „Flow“, darf die Gunst der Stunde weiterhin intensiv nutzen. Eine noble Geste des Partner­chores aus der Domstadt. Auf Good times, eine Reverenz an Schweden, das Gastge­berland des European Choir 2019, reagiert das Publikum mit lautem Jubel und einem Trommel­wirbel der Füße auf dem Holzboden. Die Darbietung des Air von Johann Sebastian Bach macht auf anrüh­rende Weise das spezielle Profil des Bonner Ensembles plastisch bewusst, das dank kluger Arran­ge­ments das Tradi­tio­nelle neu erleben lässt. Das Lied vom Advents­ka­lender im September, schließlich Get Lucky verbreiten Witz und Vergnügen.

Bei der urdeut­schen Weise Kein schöner Land in dieser Zeit verei­nigen sich beide Chöre noch einmal zu einer großen Geste. Weil die Zeit für eine gemeinsame Einstu­dierung einer Zugabe in der per se knappen Vorbe­reitung schlicht nicht zu haben war, erklingt das Schöne Land ein zweites Mal. Zart verebbt der weiche Schluss­akkord im Kirchen­schiff, bevor nicht enden wollender Beifall ausbricht. Der Funke, den Wissing zuvor mit der verbin­denden „Kraft der Volks­lieder“ beschrieben hat, ist überge­sprungen. Vor der Kirche, malt sich die Fantasie aus, wird ein Teil der Besucher gleich zu singen anstimmen. Doch das geöffnete Kirchen­portal gibt den Blick frei auf die dunkle Ecke des Kaiser­platzes, eine der unange­nehmen Szenerien der Bundes­stadt. Lautes Gelächter, Klirren von Flaschen, die kreisen, Punk-Musik aus einem Recorder. Da treffen unter­schied­liche Welten aufeinander.

Ralf Siepmann

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