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Foto © Jürgen Paust-Nondorf

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CHORKONZERT RATINGEN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
12. Oktober 2019
(Premiere)

 

Konzertchor Ratingen, Stadt­halle Ratingen

Für das diesjährige Herbst­konzert des Konzert­chors Ratingen in der Stadt­halle von Ratingen hat sich Thomas Gabrisch, Künst­le­ri­scher Leiter des Chors, Ungewöhn­liches einfallen lassen. In der kommenden Woche reist der Chor nach Südamerika, genauer nach Monte­video in Uruguay und Buenos Aires in Argen­tinien, um dort zwei Konzerte aufzuführen.

Die Überra­schung für die Ratinger Besucher, die an diesem Abend ungewöhnlich zahlreich erschienen sind, ist, dass sie jetzt schon mal erleben dürfen, wie der Konzertchor die Stadt in Südamerika reprä­sen­tieren wird. Ein ganz beson­deres Erlebnis. Und – so viel darf schon verraten werden – die Ratinger können stolz auf ihre Reprä­sen­tanten sein und sind es auch.

Das Programm des Abends teilt sich hälftig. Im ersten Teil gibt es einen Überblick über die deutsche Chorli­te­ratur der Vergan­genheit, im zweiten Teil steht die Misa Tango von Martín Palmeri auf dem Programm. Die erste Hälfte wird in Monte­video in Koope­ration mit dem Chor der dortigen Hochschule aufge­führt, der sich mit einem eigenen Programm nach dem Auftritt der Deutschen präsen­tieren wird. Die zweite Hälfte wird in Buenos Aires gesungen. Deutsche Choristen singen in Argen­tinien das Werk eines argen­ti­ni­schen Kompo­nisten? Das klingt gewagt. Mut macht, dass sie es dort mit dem einhei­mi­schen Chor zusammen singen und der Komponist selbst am Flügel sitzt. Am Pult des Congreso Nacionál de la Republica Argentina wird Thomas Gabrisch das Orquesta de Camara del Congreso Nacionál dirigieren. Ehe es aber dazu kommt, hat Gabrisch musika­lisch noch zwei weitere Stücke zu leiten. Den Tango barocco und Villal­diana, eine Urauf­führung. Es ist die Hommage des jungen argen­ti­ni­schen Kompo­nisten Pablo Salzman an den Tango El choclo, den der Noten­schreiber mit modernen Harmonien verfremdet. Manchmal staunt man, wie Gabrisch über sich selbst hinaus­wächst. Ein Dirigent, der in der deutschen klassi­schen Musik zuhause ist, hebt die Arme, um den Tango zu zelebrieren. Die Anspannung ist Ratingen ist entspre­chend hoch.

Agnes Lipka – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

In einer solchen Ausnah­me­si­tuation entschließt sich Gabrisch, aus der Routine auszu­brechen und ein moderiertes Konzert aufzu­führen. Und beweist, dass Musik eben doch nicht ohne Worte auskommt. Denn die wohldurch­dachte und rheto­risch gut vorge­tragene Moderation sorgt nicht nur dafür, dass das Publikum die Programm­auswahl versteht, sondern auch für eine elegante Dramaturgie.

Der Abend beginnt in gewohnter Weise. Die Musiker der Sinfo­nietta Ratingen nehmen ihren Platz ebenso wie die Chormit­glieder ein. Der Dirigent tritt auf, verbeugt sich kurz, es kann mit dem ersten Satz aus der Kantate Nr. 47 Wer sich selbst erhöhet, der soll erniedrigt werden nach Lukas 14, 1 – 11 von Johann Sebastian Bach begonnen werden. Der Satz muss dereinst einmal ein Stachel im Gesäß des Feuda­lismus gewesen sein. Heute klingt die Warnung vor dem Hochmut längst hohl. Und in der Akustik des Saales trotz guter Leistung von Chor und Orchester eher dumpf, also ohne die gewohnte sakrale Wirkung. Gut, das ist geschafft. Und damit ist Schluss mit der Lange­weile eines gewöhn­lichen Konzert­abends. Gabrisch wendet sich zum Publikum – und hat ein Mikrofon in der Hand. „Irgendwie war es anders heute Abend, aber schön“, wird in der Pause von den Besuchern zu hören sein. Er erzählt davon, dass Bach eigentlich längst vergessen war, Felix Mendelssohn Bartholdy ihn wieder­ent­deckte und damit für einen Boom sorgte. Aus Wer nur den lieben Gott lässt walten ertönen anschließend der erste, zweite und vierte Satz. Wunderbar darge­boten vom Chor mit kleiner Strei­cher­be­gleitung. Dann gibt es einen kleinen Kunst­griff der Brechung. Denn man nur verstehen kann, wenn Gabrisch erklärt, warum der instru­mentale dritte Satz nachge­reicht wird. Ja, wenn man das alles kennt, kann man diese wunderbar sanfte und zarte, wie eben erfundene Musik so richtig genießen.

Was in Ratingen passiert, hat Vorbild­cha­rakter. Hier wird einem nicht nur einfach Musik nach dem Prinzip Vogel friss oder stirb vorge­setzt und damit immer wieder die eigene Unwis­senheit vor Augen geführt, dass es einem einfach den Appetit verdirbt, sondern diese alte Musik in den histo­ri­schen Kontext einge­ordnet, so dass man kaum noch erwarten kann, das nächste Stück zu hören.

Und die Ohren gehen ganz anders auf, wenn man weiß, dass Johannes Brahms Nänie nach einem Gedicht von Friedrich Schiller anlässlich des Todes von Maler Anselm Feuerbach kompo­niert hat. Da braucht es gar nicht vieler Worte, um den ätheri­schen Gesang dieses Trauer­ge­sangs in Dur noch einmal ganz anders aufzu­nehmen. Da möchte man die Darbietung als einen Frühlings­morgen wahrnehmen, an dem Flora und Fauna erwachen. Im Kontext zur Musik wird das besonders ergreifend. Vielleicht möchte man gar nicht so oft wissen, wie anspruchsvoll die Musik für den Chor war. Schließlich hat der Chor sich ordentlich reinge­kniet und bietet eine Leistung, die ordentlich unter die Haut geht.

„Ich wünsche angenehme Gruselei“, entlässt Gabrisch die Zuschauer in das letzte Stück vor der Pause. Es ist Hugo Wolfs Der Feuer­reiter, ein ordent­liches Werk der Schau­er­li­te­ratur, das nach einer Ballade von Eduard Mörike entstanden ist. Wolf lässt es wild und laut zugehen. Das Blech darf ordentlich dröhnen, und die Geigen sirren. Eine leichte Gänsehaut gibt es beim „Hinterm Berg“, das der Chor höchst eindrucksvoll darbietet.

Stephan Langenberg – Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Eigentlich könnte man nach diesem Ereignis nach Hause gehen. Der Dirigent hat im doppelten Sinn wunderbar durch das Programm geführt, das Orchester geglänzt und der Chor brilliert. Aber dann gibt es diese zweite Hälfte des Abends, die alles in den Schatten stellt. Gabrisch erzählt, stellt die Solisten des Stücks vor und erntet anschließend die Lorbeeren für eine Inter­pre­tation der Misa Tango von Martín Palmeri, die den Chor in der Vorarbeit in Angst und Schrecken versetzte, ihn an diesem Abend aber zu höchsten Weihen des Chorge­sangs führt. Von der Laien­schar entfernt sich dieser Chor mit atembe­rau­bender Geschwin­digkeit. Wer die verschie­denen Messen anderer Kompo­nisten in Ohren hat, könnte sich kopfschüt­telnd abwenden. Eine Messe als Tango? Aber schon beim eröff­nenden Kyrie Eleison kennt die Begeis­terung keine Grenzen mehr. Glaube, Sehnsucht und Erhabenheit fügen sich in die Musik ein, als könne es gar nicht anders sein, befreit aber vom Bombast, beseelt vom Bandoneon.

Zwei Dinge passieren an diesem Abend, die man so noch nicht kennen­ge­lernt hat. Nach dem Credo gibt es spontanen Zwischen­ap­plaus. Und weil tatsächlich nach dem letzten „Dona nobis pacem“ Zugabe-Rufe erschallen, gibt es noch einmal das Gloria. Das ist sensa­tionell. Dass das zum guten Teil auch am Bandoneon-Spieler Stephan Langenberg, der einge­sprungen ist, aber nach eigener Auskunft das Stück zehn- bis fünfzehn Mal pro Jahr spielt, und der grandiosen Sopra­nistin Agnes Lipka liegt, steht außer Frage. Fantas­tisch beide. Der eine im profes­sio­nellen Spiel, die andere in der Ausdrucks­kraft und im angedeu­teten Rollen­spiel. Am Klavier, leider in der Mitte der Bühne hinter dem Flügel kaum zu sehen, gibt Sukyeon Kim ein Beispiel ihrer Virtuosität.

Die Zuschauer stehen spontan auf, und der Applaus ist grenzenlos. Die Ratinger dürfen ihren Konzertchor getrost nach Südamerika schicken. Sie werden dort für Ruhm und Ehre der Stadt sorgen. Aber am schönsten ist der Erfolg in der Stadt­halle selbst. Hier hat Thomas Gabrisch mit dem Konzertchor Ratingen und der Sinfo­nietta Ratingen neue Maßstäbe gesetzt.

Michael S. Zerban

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