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Die Reduktion „großer“ Opern auf Psycho-Dramen in Kammerspielformaten gehört zum Markenzeichen des Regisseurs Philipp Himmelmann, wie er es im Rheinland bereits mit etlichen Inszenierungen von Händels Tamerlano bis Verdis Aida bewiesen hat. Von diesem Prinzip weicht Himmelmann auch in der Neuinszenierung von Peter Tschaikowskys Puschkin-Oper Pique Dame am Aalto-Theater nicht ab, auch wenn die weiten Dimensionen der Essener Bühne den Blick in die intimen seelischen Vorgänge der Protagonisten nicht erleichtern, sondern eher verstellen.
Eine Straffung des Stücks auf eine Spieldauer von gut zwei Stunden, für die man in Essen auf eine Pause verzichtet, ist nicht neu. Die Streichung milieu-gebundener Ausschmückungen von Auftritten russischer Kinderfrauen bis zu Vergnügungen wie der Pantomime um die Geschichte von Daphnis und Chloe kommt Himmelmanns abstrahierenden Intentionen gewiss entgegen. Ob man dem Stück damit angesichts des ausgeprägten Nationalkolorits, das sowohl Puschkins Vorlage als auch Tschaikowskys Oper prägt, gerecht wird, darüber lässt sich streiten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
In der gestrafften Form lässt die auf dramatische Konflikte verdichtete Musik weder den Ausführenden noch den Zuschauern viel Raum zum Atemholen. Ein Marathonlauf unter Hochdruck, der freilich auf Dauer das Aufnahmevermögen strapaziert. Das ist ein Grund, warum Himmelmanns Versuch, das Werk ohne Spannungseinbußen auf das „musikalische Psychogramm eines Außenseiters“ reduzieren zu wollen, nur im Ansatz gelingt. Die Seelenqualen Hermanns, der durch die Liebe zur scheinbar unerreichbaren Lisa und dem Wahn, durch einen Gewinn im Spielcasino die erhoffte Liaison doch noch erzielen zu können, in einen psychischen Ausnahmezustand gerät, darf Sergey Polyakov zwar mit allen verzweifelten Gesten und Gebärden zum Ausdruck bringen, die selbst einem mental extrem entgleisten Charakter wie Büchners Lenz zur Ehre gereichten. Allerdings muss er seine Verzweiflungstiraden in einem szenischen Umfeld ausüben, das ihn eher dem Blickfeld des Publikums entzieht. Das liegt nicht zuletzt an den Bühnenbildern von Johannes Leiacker, der die gesamte Dimension der breiten und tiefen Spielfläche nutzt, den Vordergrund sogar noch durch eine Pfütze verstellt, so dass die Sänger oft weit im Hintergrund agieren und singen müssen. Da Himmelmann der Hauptfigur die Fähigkeit zu engeren Bindungen versagt, verlieren sich die oft durch große Distanzen getrennten Figuren in der Weite der Bühne. Im Kontrast zur emotionalen Glut der Musik erzeugt die szenische Realisierung kaum mehr als distanzierte Kühle. Zumal die Charakterisierung aller anderen Figuren blass bleibt, und selbst die alte Gräfin, die zwar wenig zu singen hat, aber das Schicksal Hermanns wie die Fäden einer Marionette führt, wenig unter- oder hintergründiges Charisma ausstrahlen darf. Das ist nicht Helena Rasker anzulasten, der für die Rolle ungewöhnlich jungen und stimmlich völlig intakten Sängerin, die die Partie erfreulicherweise aussingt und nicht nur markiert, sondern am braven Rollenprofil der Regie. Unter die Haut gehen kann die alles andere als unheimliche Omi, die im Nachthemd oder in Erinnerung an bessere Zeiten im Outfit der Pompadour umherwandelt, mit Gesten, wie man sie von der Knusperhexe kennt, nicht. Entsprechend fällt auch die für sie tödlich endende Begegnung mit Hermann aus.

Das im Wesentlichen dunkel-abstrakt gehaltene Szenario erhält eine Prise russischen Kolorits durch die Kostüme von Gesine Völlm, die vor allem für den Chor stilistisch und historisch vielfältige Vorbilder verarbeitet.
Wie Hermann auf der Bühne, so bleibt auch Generalmusikdirektor Tomáš Netopil in der gestrafften Version wenig Gelegenheit zum Verschnaufen. Netopil verleiht der Aufführung jene emotionale Glut, die man szenisch vermisst. Nicht immer mit der nötigen Rücksicht auf die Sänger, die teilweise an ihre konditionellen Grenzen geführt werden. Manches Ensemble droht in der Premiere aus dem Ruder zu laufen. Und da ist selbst ein so kraftvoller Tenor wie Sergey Polyakov gefordert, der den Hermann vor einem halben Jahr noch an der Deutschen Oper am Rhein sang, sich dort in der längeren Fassung mehr als eine Prise entspannter präsentieren konnte. Angesichts der Essener Bedingungen verdient seine stimmliche Leistung höchste Anerkennung, zumal ihm, ob in der Newa-Pfütze plantschend oder im Hintergrund umherirrend, auch körperlich viel abverlangt wird.
Es verwundert nicht, dass die restlichen Figuren wenig Chancen haben, sich zu profilieren. Zumal sie oft weit im Hintergrund singen müssen. Selbst Gabriella Mouhlens Profil als Lisa bleibt nur schemenhaft angedeutet, obwohl sie stimmlich den anspruchsvollen Anforderungen ihrer Rolle von zarten Lyrismen bis zu dramatischen Aufschwüngen vollauf gerecht wird. Heiko Trinsinger als Fürst Jeletzki bekommt wenigstens die Gelegenheit, seine berühmte Arie kultiviert und ausdrucksvoll vortragen zu dürfen. Almas Svilpa phrasiert die Erzählung des Grafen Tomski etwas zu gleichförmig, während Liliana de Sousa als Polina mit ihrem frischen und warmen Mezzo gefällt. Der Chor überzeugt wie gewohnt durch seine stimmliche Präsenz, die Essener Philharmoniker durch ihre Opulenz und Spielstärke.
Das Premieren-Publikum reagiert mit großem und langanhaltendem, allerdings nicht euphorischem Beifall.
Pedro Obiera