Rosina in der Box

IL BARBIERE DI SIVIGLIA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
13. Oktober 2019
(Premiere)

 

Konzert-Theater Bern

Angesichts einer schwie­rigen Spielzeit 201819 mit einer Vielzahl an schwä­chelnden Produk­tionen, die oft nur knapp zur Hälfte besucht waren oder gleich ganz gestrichen wurden, ist die Saison­er­öffnung beim Konzert-Theater Bern mit Rossinis Knall­bonbon Il barbiere di Siviglia ein lang ersehnter Aufheller. Die Lesart von Regis­seurin Cordula Däuper bringt eine stili­sierte wie karikierte Fassung der berühmten Opera buffa von 1816 zur Anschauung, und die hat durchaus Esprit. Das konzise Konzept, das sich im Wesent­lichen an einem weißen Kubus entspinnt, birgt aber auch Fallstricke. Die hyper­aktive Posse verliert im Verlauf an Vitalität und der Erzähl­fluss gerät ins Stocken. Den Protago­nisten, die im Stil der Commedia dell’arte als Stereo­typen fixiert sind, droht zudem mehr als einmal der Absturz ins Rampensingen.

Die Regie setzt für den Berner Barbiere auf einfache Stilmittel und zeigt die Handlung im spani­schen Sevilla auf einer entrüm­pelten Bühne, die Mareile Krettek mit einem Kubus und wenigen Utensilien besetzt. Die Symbolik ist ausge­prägt, und Däuper schreckt nicht vor Beschrif­tungen zurück. Die Ränke­spiele kommen auch als raffi­niertes Schat­ten­spiel zur Geltung. Von Cesare Sterbinis pointiertem Libretto inspi­riert, proji­ziert Licht­meister Christian Aufder­stroth entspre­chende Hinweise an die glatten Wände. Die pfiffige Idee, den Herrenchor mit Instru­menten-Attrappen und im Frack als Verdop­pelung des Orchesters auftreten zu lassen, bringt zwar Bewegung ins Spiel. Der Geschichte um ein Mündel und ihren Vormund sowie einen liebes­tollen Grafen und seinen Hochzeits­kuppler ist sie eher abträglich.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Für die nötigen Farbtupfer im reduzierten Setting sorgt Pascal Seibicke mit ausge­fal­lenen Kostümen. Jeder Charakter bekommt eine Farbe zugeteilt. Der Figaro schillert in Rot und wird nicht müde, seine Konfet­ti­herzen zu verteilen. Graf Almaviva wirkt in seinem orange-gelben Outfit und seiner frechen Haartolle flamboyant, und Bartolos Frisur und Schlab­berlook erinnern an die lilafar­benen Haartö­nungen älterer Damen. Rosina trägt Grün als Zeichen der Hoffnung. Wie ein seltener Paradies­vogel ist sie gefangen in ihrem kargen Käfig. Die Parodie der Figuren hat comic­haften Charakter. Ein modernes Kasperl­theater, das gut ins schemen­hafte Gesamtbild des neu belebten Stegreif­theaters passt.

Dominante Bühnen­ele­mente haben jedoch ihre Tücken. Bei Däuper ist es ein drehbarer Kubus, und der drängt die Protago­nisten nicht selten an den Bühnenrand. Im zweiten Akt verflüchtigt sich zudem die Wirkung des Karika­turen-Konstrukts, und die Aufschlüs­selung der Wirrnisse wird zunehmend durch platte Slapsticks ersetzt. Die Handlung wirkt dann herun­ter­ge­spult, als gälte es, dem bunten Treiben endlich ein Ende zu setzen. Gänzlich unnötig sind die plaka­tiven Gesten des notgeilen Liebespaares.

Foto © Annette Boutellier

In Bern wird schön gesungen und das vor allem von den Herren. Theodore Browne genießt seine Rolle als feuriger Graf und setzt seinen beweg­lichen und hell leuch­tenden Tenor nicht minder prominent in Szene. Zum Metall in seiner Stimme gesellt sich lyrischer Schmelz, und das sichert Browne kristall­klare Belcanto-Höhen. Mit Saft und Kraft in der Stimme sowie einer gehörigen Portion an komödi­an­ti­schem Talent gestaltet Bariton Todd Boyce die Titel­partie. Die Hit-Arie Largo al factotum ist voller Energie, und Boyce hält den Bogen bis zum Schluss gespannt. Rainer Zaun ist der geborene Komiker. Sein tollpat­schiger Bartolo sprüht vor Witz, und sein dunkler Bass brummt sonor. Young Kwons Bass klingt wie ein Erdbeben. Als heuch­le­ri­scher Musik­meister Basilio erinnert er an Filmheld Don Camillo alias Fernandel. Eleonora Vacchi bringt Rosinas Koket­terie zur Blüte. Ihr Mezzo­sopran hat eine rauchige Note, bei den Kolora­turen hapert es mit der Genau­igkeit. Vacchi kürzt die Verzie­rungen in Una voce poco fa unschön ab und schwingt im Forte vereinzelt unelas­tisch. Das Dienst­mädchen Berta hat frappante Ähnlichkeit mit der Sekre­tärin Bubbles aus der TV-Serie Absolutely Fabulous. Orsolya Nyakas verkörpert sie mit einer Mischung aus Naivität und Gleich­gül­tigkeit. Salvador Pérez als Fiorello rundet die Solis­ten­riege prima ab.

Das Berner Sympho­nie­or­chester serviert unter der Leitung von Matthew Toogood einen locker-luftigen Rossini, dem es nicht an nötigem Schwung fehlt. In puncto Prägnanz und Schlag­kraft darf der gut gelaunte Klang­körper aber ruhig noch einen Zacken zulegen. Der Herrenchor von Konzert-Theater Bern setzt unter Zsolt Czetner blitzende Akzente, die manchmal im geräusch­vollen Tumult auf der Bühne untergehen.

Lautstark und mit Bravo­rufen durch­setzt ist auch der Schluss­ap­plaus in Bern. Man muss an dieser Stelle anmerken, dass an der Premiere auch Freunde des Hauses anwesend sind und ihre Lieblinge entspre­chend feiern. Ob diese Begeis­terung des Publikums bis ans Ende der 15 geplanten Vorstel­lungen anhält, ist angesichts dieses glatt­ge­bürs­teten Barbieres eine mutige Annahme.

Peter Wäch

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