Liberté, Egalité, Leckerli

BARKOUF
(Jacques Offenbach)

Besuch am
17. Oktober 2019
(Premiere am 12. Oktober 2019)

 

Oper Köln, Staatenhaus Deutz

Dass die Wieder­ent­de­ckung eines der weit über 100 Bühnen­werke Jacques Offen­bachs ein so starkes und positives Echo auslösen könnte wie die Aufer­stehung seiner Opéra-comique Barkouf – oder Ein Hund an der Macht, gehört zu den wenigen wirklich angenehmen Überra­schungen des auslau­fenden Offenbach-Jahres. Nach der ziemlich erfolg­losen Urauf­führung 1860 schlum­merte das Werk 158 Jahre vor sich hin, bevor es im letzten Jahr von der Opéra national du Rhin Stras­bourg zum Leben erweckt wurde. In Kopro­duktion mit der Kölner Oper, die es jetzt im Deutzer Staatenhaus zeigt.

Eine Produktion, die zwar nicht jede Chance nutzt, die das in der Tat außer­ge­wöhn­liche Werk bereithält, quali­tativ jedoch die bisher glück­losen Offenbach-Referenzen der Kölner Oper an den vor 200 Jahren in der Domstadt geborenen Kompo­nisten deutlich überragen. Die Flops der platt insze­nierten Großher­zogin von Gerol­stein und einer fragwür­digen Offenbach-Revue werden somit wenigstens teilweise ausge­glichen. Lediglich François-Xavier Roth mit seinem glänzenden Dirigat rettete die Großher­zogin vor der kompletten Blamage.

Offenbach war bereits 41 Jahre alt, als er endlich die Gelegenheit bekam, an der renom­mierten Opéra-comique als Komponist in Erscheinung treten zu können. Mit wenig Erfolg, woran sich auch in den letzten 20 Jahren seines Lebens nichts ändern sollte. Die begeistert aufge­nommene Urauf­führung von Hoffmanns Erzäh­lungen hat er nicht mehr erleben können.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Offen­bachs Durch­bruch mit dem Orpheus in der Unterwelt lag gerade zwei Jahre zurück, als er mit Barkouf – oder Ein Hund an der Macht ein so filigran auskom­po­niertes, von besonders feinem Humor und dennoch unter­schwel­liger Subver­si­vität geprägtes Werk vorlegte, wie man es von ihm nicht erwartet hätte.

Die seinerzeit provo­kante Handlung stieß aller­dings auf massive Kritik bei den Zensur­be­hörden und Teilen der Öffent­lichkeit: Ein Hund steigt in den Rang eines Gouver­neurs auf und macht seine Sache besser als seine zahlreichen, meist rasch vertrie­benen Vorgänger. Die bellenden Anwei­sungen Barkoufs übersetzt sein früheres Frauchen ganz im Sinne des Volks­willens: Die Steuern werden gesenkt, angeb­liche Staats­feinde begnadigt. Racheakte der alles andere als erfreuten Staats­bü­ro­kratie übersteht das Hündchen, am Ende gelingt ihm sogar die Abwehr eines Tataren­ein­falls. Ein Happy End gibt es für eins der Liebes­paare, nicht jedoch für den vom Volk geliebten Barkouf. Der Hund kommt im Kampf­ge­tümmel um. Die Regierung übernimmt Saëb, der Geliebte von Barkoufs Frauchen Maïma. Ob dessen Regent­schaft erfolg­reicher ausfallen wird als die seiner vielen mensch­lichen Vorgänger, bleibt offen.

Natürlich schimmert die Zeit der Herrschaft Napoléons III., von dem sich die Franzosen nach den 1848-er Aufständen so viel erhofft haben, durch das Werk. Jedoch in einer so ambivalent zwischen Hoffnung und Skepsis schwan­kenden Weise, dass die Botschaft des Werks mit ihrer diffe­ren­zierten Darstellung auf Macht­ver­hält­nisse und politische Szenarien aller Zeiten und Länder übertragbar ist.

Foto © Paul Leclaire

Die Regis­seurin Mariame Clément siedelt es deshalb auch nicht in das exotische Reich des Librettos an, sondern in einen Staat, dessen Grenzen von überdi­men­sio­nalen Akten­bergen zemen­tiert werden. Bürokratie und Willkür schwingen das Szepter. Selbst unter der Herrschaft Barkoufs, auch wenn er dem Willen des Volkes entgegenkommt.

Offen­bachs Musik lässt es nicht an gewohntem Schwung und melodi­scher Süße vermissen. Alles klingt aber gedämpfter, nachdenk­licher und kompo­si­to­risch filigraner als in den berühm­teren Opéra bouffes. Das trifft auch auf die Insze­nierung zu, die auf allzu platte Gags verzichtet und recht dezent mit der komplexen Handlung umgeht. Inmitten der Akten­ge­birge wächst die als Palast dienende Hunde­hütte Barkoufs ebenso wie das Selbst­be­wusstsein des Hundes, wodurch die Bühnen­bild­nerin Julia Hansen an die (Rück-)Entwicklung franzö­si­scher Hoffnungs­träger von Napoléon Bonaparte bis Napoléon III. in Richtung absolu­tis­ti­schen Herrscher­glanzes erinnert. Folge­richtig tippelt Barkouf, in Köln ein winziger Zwerg­pudel, im letzten Akt mit Krone und Purpur­mantel über die Bühne. Den Hunde­palast ziert die Aufschrift: „Liberté – Egalitè- Leckerli“. Mäßig witzig, aber immer noch amüsanter als die Anspie­lungen auf die Düssel­dorfer Tataren.

Dass man das Stück in Köln ernst nimmt, zeigt das Engagement des langjäh­rigen Musik­chefs der Essener Oper Stefan Soltesz, der die meisterhaft orches­trierte Partitur und die nuancen­reiche Stilvielfalt des Werks mit dem Gürzenich-Orchester ebenso subtil zum Klingen bringt wie die hinter­grün­digen Töne der semi-komischen Oper. Ihm zur Seite steht ein spiel­freu­diges, gesanglich nicht ganz einheit­liches Ensemble. Als lyrische Tenöre mit vorbild­licher Leich­tigkeit und makel­losem Wohlklang empfehlen sich Patrick Kabongo als Saëb und Sunnyboy Dladla als Aufrührer Xaïloum. Matthias Klink als Oberin­trigant Bababeck gestaltet seine Rolle mit der gefor­derten Agilität. Drei handlungs­tra­gende Damen runden den vorzüg­lichen Gesamt­ein­druck adäquat ab: Sarah Aristidou als Maïma, Judith Thielsen als Balkis und Kathrin Zukowski als Périzade, der wenig geliebten Tochter des Bababecks.

Viel Beifall für eine dem Offenbach-Jahr angemessene Produktion.

Pedro Obiera

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