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TAKE IT LIKE A MAN
(The Agency)
Besuch am
18. Oktober 2019
(Premiere am 17. Oktober 2019)
Es ist so schön, in Deutschland zu leben. Wohlbehütet von den Medien, die uns in ihrer Filterblase mit den Nachrichten versorgen, die sie uns zumuten wollen. Da bleiben wir von den Hässlichkeiten der übrigen Welt weitgehend verschont. Na gut, die Folgen eines Orkans in Amerika – aber wen bewegt das wirklich neben dem wohligen Schauer bei den verheerenden Bildern, die preiswert über Agenturen erworben werden? Das ist nicht nur schön gruselig, sondern führt auch dazu, dass sich die Spendenkonten füllen und der Eindruck entsteht, wir würden auch über die Welt „da draußen“ informiert. Da schwappt auch schon mal so eine #metoo-Bewegung über den großen Teich, und plötzlich erinnern sich auch in Deutschland noch pensionierte Sekretärinnen, dass der Intendant sich damals, in den 1960-er Jahren, politisch oder besser sexuell nicht ganz so korrekt verhalten hat, wie man das nach heutiger Neu-Prüderie erwarten würde, als er ihr bei der Kaffee-Bestellung einen Klaps auf den Po versetzte. Da ist man im hysterischen Amerika oder im Land des großen schweigenden Widerstands, in Japan, schon viel weiter.
In einem Land, das für sich eine westliche Zivilisation behauptet, gehört es schon zur Tagesordnung, dass Männer mit Klagen überzogen werden, weil sie sich sexuell nicht korrekt verhalten haben sollen. Während sich im braven Deutschland Theatermänner auf Podiumsdiskussionen gar nicht laut genug für eine Quotenregelung einsetzen können, setzen sich die Männer in Amerika zur Wehr. Beflügelt von Ängsten vor einer bis dahin unbekannten, weil ungerechten Machtlosigkeit, haben sich Männerbewegungen gegründet, die sich ganz und gar von jeglichen Bindungen zu Frauen lösen wollen. Der „Sexodus“ ist da schon ein geflügeltes Wort. Wenn Männer sich dem Fortpflanzungswillen entzögen, entstünde vermutlich eine völlig neue Gemengelage. In Japan gibt es das Phänomen der herbivoren Männer. Das sind junge Männer, die den Erwartungshaltungen der Gesellschaft nicht mehr entsprechen. Brotverdiener, Karrieremensch, Ehemann, Liebhaber? Zählt für diese Männer nicht mehr. Sie streben eher einer spirituellen Stufe zu, die ohne Frauen auskommt. In letzter Konsequenz gedacht, reden wir vom Untergang der Menschheit, ob den Frauen das gefällt oder nicht. Die dritte feministische Welle in ihrer hysterischen Überhitzung birgt Gefahren, von denen sich die Sternchen-Texte-Schreiberinnen in Deutschland noch gar keine Vorstellung machen.

Ein Hinterhof, irgendwo in Düsseldorf. Hier residierte eine Markisen- und Rolladen-Fabrik. Jetzt gibt es leerstehende Hallen, auf der rechten Seite ein entkernter Verwaltungstrakt. Ein Lustfall für Investoren. Eine Menge Menschen haben sich versammelt, um das Stück Take it like a man von The Agency zu sehen. Es ist der zweite Abend und wieder ausverkauft. Es ist der dritte Teil der Trilogie Neue Männerbewegung. Der neueste Clou im Forum Freies Theater: Es gibt die Ansage der Aufführung jetzt zweisprachig, auf Deutsch und Englisch. Die Landeshauptstadt ist halt einfach international ausgerichtet. Weniger erfreulich ist die Ansage, die Jacken und Taschen hätten in der Garderobe zu bleiben. Es sei warm genug. Das ist gelogen. In vier Gruppen werden die Besucher zeitversetzt in die nächste Halle gebracht, um dort angenehm überrascht zu werden. Denn in der Halle steht ein großer Grill, an dem die Zuschauer zu Wildschwein im Brötchen eingeladen werden. „Greifen Sie zu, Sie werden die Stärkung brauchen“, annonciert Schauspieler Robert Gallinowski die leibliche Wohltat. Aber so ganz die Zielgruppe trifft es wohl in Zeiten veganer Schokolade nicht. Und so gehen etliche Brötchen ohne Fleischbeilage weg. Der „neue Genuss“ heißt Verzicht. Ist übrigens so wenig neu wie wahrhaftig. Da trifft Gallinowski ins Herz der Zuschauer, wenn er nach der Verpflegung feststellt, dass es ja die menschliche Rasse nun nicht mehr lange geben werde, sie vor dem Untergang stehe.
Nach dem eindrucksvollen Auftaktmonolog öffnen sich die Rolläden zur nächsten Halle, dem eigentlichen Veranstaltungsort. Da huschen verschiedene Menschen durch eine Endzeit, die sie wie durch ein Wunder überlebt haben. Ein paar Barken, ein altes Auto. Nile Koetting, Heinrich Morawitz, Liina Magnea und Neave Arijn Helve sind in die im doppelten Wortsinn fantastischen Kostüme von Nicola Gördes und Johanna Senger gekleidet. Da gibt es das Kaninchen und andere Überlebende der Endzeit-Katastrophe. Im Gegensatz zu amerikanischen Filmen sind hier nicht alle hübsch und glattgebürstet. Da gibt es den fetten Menschen, die Menschen, die auf ihren elektrischen Hilfsgeräten auftauchen, warum auch immer es in der Endzeit elektrische Geräte gibt, und den psychisch Gestörten. Etwas, das in unsere Vorstellungswelt gar nicht hineinpasst. Wenn schon der komplette Untergang, dürfen wir doch wenigstens erwarten, dass die Schönsten der Welt überleben. Falsch gedacht. Dass der folgende Dialog in Englisch geführt wird, ist vollkommen absurd. Da wird die Diskussion um die Entwicklung der Männerwelt erklärt, die letztlich zum Exodus führt, ehe sich das Geschehen in Wortlosigkeit verliert. Mühsame, oft wertlose Annäherungen, mit Gespucke und abwehrenden Bewegungen garniert, führen das Geschehen fort. Derweil erklingen im Hintergrund sanfte sphärische Klänge. Nach der ersten zerstörerischen Begehung eines alten Autos erfolgt die zweite Dekonstruktion weiterer Automobilteile. Spätestens an dieser Stelle regt sich der Widerstand des alten, weißen Mannes, der neuerdings so gern und oft zitiert wird. Wenn jemand kein Auto haben will, kauft er sich keins. So einfach ist das. Dass sich anschließend die Spielstätten aufsplitten und das mitwandernde Publikum jede Orientierung verliert, trägt weder zum Gefallen des Publikums noch zur Auseinandersetzung mit dem Thema bei.
Nach einer zweistündigen Aufführung, die sich zunehmend im Nichts verliert, die Spielstätten auseinanderdriften, muss dem Zuschauer die Entscheidung überlassen sein, ob er sich sinnloses Gebrabbel bis zum Schluss zumutet oder nicht. Dem Besucher steht es frei zu gehen, wenn es absurd wird oder der Eindruck entsteht, dass hier nichts mehr zu erwarten ist. An diesem Abend entsteht der Eindruck nachhaltig. Vielleicht gibt es noch eine überraschende Pointe des Abends. Dem Rezensenten wird sie nicht mehr zuteil. Weil es ihm zusteht, sich nicht unnötige Lebenszeit stehlen zu lassen, um festzustellen, dass das Thema nicht ausreichend behandelt wurde. Ein großes Spektakel, das sich am Ende des Abends in Nichtigkeiten verliert, ist Spektakel. Schade, Thema verschenkt.
Michael S. Zerban