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Foto © Jochen Quast

Im Edel-Bordell der Rache

SAMSON ET DALILA
(Camille Saint-Saëns)

Besuch am
18. Oktober 2019
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf 

Das „verfluch­teste Luder, das die Erde trägt“, nannte Goethe sie. Dalila, die schöne Philis­terin, die dem bären­starken Samson die kräfte­spen­denden Haarlocken raubt, ist im Laufe der Jahrhun­derte von der bibli­schen Volks­heldin zu einer der gefürch­tetsten und hinter­häl­tigsten Femmes fatales mutiert. Bedrohung durch entwaffnend reizvolle Verfüh­rungs­künste, gipfelnd im Kastra­ti­onsakt der Haarschur: Sinnbild für alles Böse, das vom Weibe ausgehen kann. Eine Frau, die den stärksten Helden mit ihren sinnlichen Waffen zur Strecke bringen kann: Das sehen Männer nicht gern. Dass das einer Frau nur mit hinter­häl­tigen Tricks gelingen kann: Das sehen Frauen nicht gern.

Camille Saint-Saëns macht es dem heutigen Publikum nicht leicht, sich mit den Rollen­bildern seiner bekann­testen Oper Samson et Dalila anzufreunden. Muss man auch nicht, meint Regisseur Joan Anton Rechi, der in der Neuin­sze­nierung an der Deutschen Oper am Rhein die Titel­helden auf mensch­liche Formate zurecht­stutzt. Die kraft­strot­zenden Kampf­an­sagen des hebräi­schen Helden gegen die unter­drü­ckenden Philister schwinden bereits beim ersten Anblick Dalilas, lange bevor sie das entsetz­liche Messer zückt. Und Dalila präsen­tiert sich als Frau, die sich angesichts ihrer weiblichen Reize für stärker hält als sie ist. Letztlich strickt sie ihre bösen Intrigen aus niederen Rache­ge­lüsten gegenüber Samson, der bei zurück­lie­genden Begeg­nungen noch der Stimme seines Gottes gefolgt ist und ihre Avancen brüsk abwies. Schon in der Antike haftete man der Figur das Etikett einer Edel-Prosti­tu­ierten an. Auf diesen Zug springt auch Rechi auf. Sie leitet ein Luxus-Bordell, zeigt sich aber gegenüber den materi­ellen Angeboten des Oberpriesters des Philister-Gottes Dagon unemp­findlich. Ihr geht es nicht um den Macht­erhalt der Philister, auch nicht um Geld, sondern um eine persön­liche Abrechnung mit Samson, der sie letztlich selbst zum Opfer fällt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sogar der christ­liche Gott zeigt Schwächen. Die Hebräer zweifeln in ihrem Elend an seiner Güte und Macht. Als sie die Philister vorüber­gehend überwäl­tigen können, agieren sie nicht weniger brutal und geldgierig als die Philister. Bei Rechi sind es nicht die Götter, die die beiden Völker trennen, sondern Weltan­schau­ungen: Wenn bei den Philistern von Gott die Rede ist, ist damit die Anzie­hungs­kraft des Geldes und die Macht eines rücksichts­losen Turbo-Kapita­lismus gemeint. Man wandelt in den schlicht-neutralen Dekora­tionen von Gabriel Insignares in dezenter Bürokleidung mit MP und Geldkoffern durch das Philister-Reich. Die spiri­tuelle Kraft des christ­lichen Gottes weicht bei den Hebräern schnell einem ebenso profanen Denken. Die Welt ist angesichts solcher Ideologien nicht zu retten, auch nicht durch Schein-Helden wie Samson.

Das alles stellt Rechi recht klar dar, auch wenn in diesem Umfeld die Simpli­zität, wenn nicht gar Banalität der Handlung und des Librettos noch deutlicher zum Ausdruck kommt. Visionäre Warnungen vor den Folgen eines materia­lis­ti­schen, profit­ori­en­tierten Denkens wie sie Richard Wagner in seinem Nibelungen-Ring verkündet, sucht man hier vergebens.

Foto © Jochen Quast

Dabei musste sich Saint-Saëns schon im Vor- und Umfeld der Urauf­führung 1877 gegen letztlich wenig ergiebige Vergleiche mit dem übermäch­tigen Bayreuther Meister plagen. Die musika­lische Polari­sierung in eine sakral tönende Welt der Hebräer und in exotisch-sinnlich gleißende Klänge der Philister erinnert schon stark an den Tannhäuser. Letztlich hört man jedoch den großen, aber aktions­armen Chorpartien der Eckakte an, dass das Stück ursprünglich als Oratorium geplant war. Und der Umgang mit dem Orchester versprüht mehr franzö­si­sches Kolorit als Wagner­schen Glanz.

Das sieht auch General­mu­sik­di­rektor Axel Kober so, der vor allem die feinen Farben im philis­trösen Lager mit den Düssel­dorfer Sympho­nikern zart ausleuchtet, ansonsten aber wiederholt kräftiger zupackt als nötig. Das erleichtert Michael Weinius in der kräfte­zeh­renden Partie des Samson nicht gerade die Last, die er mit seinen druck­vollen Freiheits­ap­pellen und seinen inneren Kämpfen im zweiten Akt stimmlich zu bewäl­tigen hat. Gleichwohl steht er die Partie mit mehr als respek­tabler Kondition und genügend tenoraler Strahl­kraft durch.

Und Ramona Zaharia, die ihre Parade­rolle, die Carmen, demnächst auch an der New Yorker Met singen wird, bringt für ein Vollblutweib wie die Dalila alles mit: eine samtweiche, dunkel glühende, ausdrucks­starke Stimme, eine erlesene Legato-Kultur und eine Bühnen­präsenz der Extra­klasse. Auf manches klischee­be­haftete Detail, mit dem sie letzte Zweifel an ihrer Bestimmung zur Prosti­tu­ierten ausräumt, hätte Rechi durchaus verzichten können.

Die dritte große Partie, den Oberpriester des Dagon und mächtigsten Gegner Samsons, singt und gestaltet Simon Neal mit ebenbür­tiger Überzeu­gungs­kraft. Grandios füllt Sami Luttinen mit seinem substanz­reichen Bass die kleinere Rolle des alten Hebräers aus. Und da auch der Chor der Rheinoper seine gewaltige Partie ohne Fehl und Tadel ausführt, punktet die Neupro­duktion musika­lisch auf ganzer Länge. Szenisch vermag Rechi die Schwächen des Stücks nicht zu neutra­li­sieren, legt sie sogar teilweise offen, bietet aber immerhin eine disku­table Werksicht.

Begeis­terter Beifall ohne auch nur den leisesten Protest gegen das Regie-Team.

Pedro Obiera

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