O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken

TANZGALA
(Dachverband Tanz Deutschland)
Besuch am
19. Oktober 2019
(Einmalige Aufführung)
Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Da haben die Organisatoren der diesjährigen Tanzgala des Dachverbandes Tanz Deutschland ein eindrucksvolles Programm für das Aalto-Theater in Essen gezimmert, aber den Weg vom Reißbrett nicht ganz in die Realität geschafft. Wer eine Eintrittskarte für eine Tanzgala erwirbt, die am Samstagabend um 18 Uhr beginnt, erwartet, dass gegen zehn vor sechs der Einlass beginnt, um einen prachtvollen Bühnenabend zu erleben. Da schaut man nicht großartig vorher ins Programm. Was in diesem Fall durchaus ratsam gewesen wäre, aber letztlich auch nichts genutzt hätte. Denn der Veranstalter hatte den lustigen Einfall, dem Bühnengeschehen ein Künstlergespräch im Foyer voranzustellen. Da stehen also zwei gut vorbereitete Menschen in einer Ecke und warten darauf, dass sie loslegen können, während die zahlreichen Gäste darauf warten, in den Saal zu kommen. Erst allmählich spricht sich herum, dass man sich einen Kopfhörer besorgen muss, um das geplante Gespräch mitzubekommen. Dann stellt sich heraus, dass die Technik nicht funktioniert. Mit der Technik klappt überhaupt so einiges nicht an diesem Abend. Eine halbe Stunde später dürfen die Gäste schließlich doch in den Saal.
Das bedeutet ja noch längst nicht, dass man dann anfangen könnte. Trotz einiger Protest-Applause bleibt das Licht im Saal hell. Flexibilität scheint im Tanz kein Trumpf. Dabei liegt noch ein strammes Programm vor den Besuchern. Denn die Organisatoren haben nicht nur Ausschnitte verschiedener Choreografien vorgesehen, sondern auch die Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2019 eingebettet. Nachdem die Sponsoren benannt und bedankt sind, gibt es auch ein Grußwort des Essener Oberbürgermeisters, der sich denkbar schlecht vorbereitet zeigt. Da wird aus der Tanzlegende Pina Bausch eine Tina und aus dem Preisträger der Herr Weigert. Allmählich kommt echter Unmut im zahlreich erschienenen Publikum auf.

Gut, dass es endlich mit dem Tanz losgehen kann. Das Bayerische Junior-Ballett zeigt zur Musik von Camille Pépin die Choreografie Im Wald von Xin Peng Wang. Von den Tänzern sind mehr Silhouetten als Körper zu erkennen, aber die Lichtspiele beeindrucken. Und das passt ja zu einem Abend, an dem ein Lichtbildner einen Preis bekommen soll.
Neben der Verleihung des Deutschen Tanzpreises spricht die Jury des Dachverbandes Tanz Deutschland auch zwei Ehrungen aus. Die eine geht an die Choreografin Isabelle Schad „für herausragende künstlerische Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz“, die andere an Jo Parkes „für herausragende künstlerische Entwicklungen in sozialen und partizipativen Projekten des Tanzes“. Während beide Ehrungen bereits am Vorabend im Rahmen der Vorstellung ihrer Arbeiten ausgesprochen wurden, gibt es nun noch einen Ausschnitt aus Collective Jumps, einer Choreografie von Isabelle Schad und Laurent Goldberg zu Klängen von Damir Simunovic. Hier zeigen 16 Tänzerinnen und Tänzer verblüffende optische Täuschungen durch Bildung ungewöhnlicher Formationen.
Mit Ramifications – Verästelungen – zeigt die Primaballerina des Balletts der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Marlúcia do Amaral, ein Solo von Martin Schläpfer zur Musik von György Ligeti. Mit Sicherheit eine der besseren Arbeiten von Schläpfer, in der Amaral vollendet die hohe Kunst des Balletts zeigen darf. Das Treppchen der choreografischen Meisterschaft ein paar Stufen höher geht es allerdings noch einmal mit dem nachfolgenden Pas de deux Trois Gnossiennes, einem Fantasie-Titel, der auf dem gleichnamigen Stück von Erik Satie beruht. Am Flügel, der auf der Bühne steht, nimmt Olga Khoziainova Platz. Das feingliedrige Ballett wird von Igone de Jongh und Jozef Varga geschwebt, beide Erste Solisten des Niederländischen Nationalballetts. Nach so viel ätherischem Genuss darf es etwas entspannter weitergehen. Lutz Förster, alter Recke der Pina-Bausch-Tanzschar und von 2013 bis 2016 Künstlerischer Leiter beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, zeigt im Nadelstreifenanzug den Ausschnitt The Man I Love aus seinem Solo-Programm Nelken. In Gebärdensprache „singt“ der Tänzer, dessen Füße still auf dem Boden verharren, den gleichnamigen Song von George und Ira Gershwin mit, der vokal von Sophie Tucker interpretiert wird. Ein ebenso ruhiger wie anrührender Auftritt, der wie schon die Stücke zuvor vom Publikum lebhaft gefeiert wird.

1975 griff der studierte Tänzer Gert Weigelt erstmals beruflich zur Kamera und hat seitdem die Tanzfotografie mit Porträts, inszenierten Aufnahmen und Bühnenfotografien geprägt. Der Dachverband Tanz Deutschland ehrt ihn deshalb mit dem Deutschen Tanzpreis 2019. Ein gutes Signal, zeigt diese Geste doch deutlich die Verbundenheit der Vergänglichkeit in der Bewegung mit der Notwendigkeit des festgehaltenen Bildes. Wie bekannt wären wohl die Arbeiten von Martin Schläpfer geworden, die Weigelt über zehn Jahre fotografisch in Kampagnen und Bühnenfotografie dokumentiert und in der breiten Öffentlichkeit gezeigt hat? Was bekämen wir wohl heute noch von der Person Pina Bauschs zu sehen, hätte Weigelt sie nicht hartnäckig 30 Jahre lang immer wieder porträtiert? Fragen, die keiner beantworten kann, aber die Bilder existieren. Und sie dokumentieren nicht nur, sondern prägen auch und gerade in den eigenen Arbeiten Weigelts eine Ästhetik, die bis heute Gültigkeit hat. Thomas Thorausch, Stellvertretender Leiter am Deutschen Tanzarchiv Köln, befasst sich in seiner Laudatio auch mit diesen Fragen. Erfrischend, kurz, abwechslungsreich, aber auch nachdenklich stimmend hält er seine Dankesrede an einen Mann, dem der Tanz mindestens in Deutschland viel zu verdanken hat. Auch Gert Weigelt hält sich nur kurz am Rednerpult auf, um den Menschen zu danken, ohne die sein Erfolg kaum denkbar gewesen wäre. Ob sein Mentor, der Choreograf und Fotograf Hans van Manen, die Choreografen, mit denen er zusammenarbeitete oder die Auftraggeber, die ihm die freie künstlerische Hand ließen, die er für seine Entwicklung brauchte – sie alle finden Erwähnung, ohne in endlose Tiraden zu verfallen. Und schließlich geht es dem 76-Jährigen doch nahe, dass er diesen Preis für sein Lebenswerk allein entgegennehmen muss. Und so schickt er abschließend einen Gruß an seine Frau, die Tänzerin Sighilt Pahl, die eben erst eine schwere Lungenentzündung überstanden hat. Zum Ende der Preisverleihung zeigt Weigelt dann noch das vierminütige Video-Kunstwerk Pinatz, eine gelungene Hommage an Pina Bausch.
Gern hätte man an diesem Abend noch Stimmen von Wegbegleitern zum Wirken und Wesen von Weigelt gehört. Aber die wurden auf die letzten Seiten der Festschrift verbannt. Und so gibt es vor der Pause noch das Stück Rubies aus der Choreografie Jewels von George Balanchine zur Musik von Igor Strawinsky, die live von den Essener Philharmonikern unter Leitung von Robert Reimer vorgetragen wird. Das Staatsballett Berlin zeigt die glamouröse und mitunter schalkhafte Nummer in glitzerndem Rot.
Nach fast vier Stunden körperlicher Anwesenheit im Aalto-Theater freut sich das Publikum auf die Pause. Und etliche Menschen, die ohnehin nur gekommen sein mögen, um den Fotografen Weigelt zu ehren, entscheiden sich dafür, dass es für einen Abend genug Programm war. Die anschließende Überreichung der Urkunden an Isabelle Schad und Jo Parkes ersparen sie sich, verpassen damit allerdings auch den nochmaligen Auftritt des Berliner Staatsballetts, das die Choreografie Half Life von Sharon Eyal zeigt, ein weiteres starkes Stück Tanz.
Trotz organisatorischer Schwächen, rhetorischer Pannen und unnötigen Wartezeiten wird der Abend sicher als ein starkes Statement für den Tanz in Deutschland in Erinnerung bleiben. Und dafür hat der Aufwand dann wohl gelohnt.
Michael S. Zerban