O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LIFE IN NUMBERS
(Anna Till, Katia Manjate)
Besuch am
20. Oktober 2019
(Premiere am 19. Oktober 2019)
Es gibt ja bekanntlich diese drei Formen der Lüge: die Lüge, die Notlüge und die Statistik. Trotzdem vergeht kein Tag, ohne dass eine neue Statistik erscheint. Ja, es gibt sogar staatliche Behörden, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als Statistiken zu erstellen. Der tief im deutschen Gen eingegrabene Glaube an Zahlen hat einen Grund, der so simpel ist, dass er sich unauslöschlich hält. Zahlen schaffen scheinbar Vergleichbarkeit.
Dieses Themas nehmen sich zwei Choreografinnen an, die sich ziemlich ähnlich sind und nicht unterschiedlicher sein könnten. Die eine, Anna Till, kommt aus Dresden, hat Tanz studiert und sich in der so genannten Freien Szene etablieren können. Das bedeutet vermutlich, dass sie sich in einem Viertel ihres Berufslebens mit schöpferischen Dingen befasst und drei Viertel der Zeit mit Finanzierungsfragen dieses „Vergnügens“ verbringt. Manchmal allerdings hat man auch als Tänzerin Glück. Und dann rutscht man in ein mehrjährig angelegtes Finanzierungsprogramm im internationalen Umfeld. So lernte Till Katia Manjate aus Maputo, der Hauptstadt von Mozambik, kennen. Ausgangspunkt ihrer gemeinsamen Recherche war die Frage: Gibt es ein Leben ohne Zahlen? Als ordentlicher Journalist besteht man natürlich darauf, dass das möglich ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Damen sind inzwischen anderer Ansicht. Und das wollen sie dem spärlich erschienenen Publikum an diesem Abend auf der Kleinen Bühne des Tanzhauses NRW mit ihrem zirka 45-minütigen Stück Life in Numbers vermitteln. Denn statistisch ist es nun einmal so, dass die Dresdnerin etwa das zehnfache Monatseinkommen als ihre Kollegin auf Afrika hat, ihre Lebenserwartung rund 20 Jahre höher liegt – wenn sie, was Gott verhüten möge, nicht unter einen Elektrotretroller gerät – und die Gebärfreudigkeit in Afrika bedeutend höher ist.

Statistik, das liegt in ihrer Natur, ist nicht zwingend der Gegenstand, der sich leichterdings für eine künstlerische Umsetzung eignet. Und schon gar nicht im Tanz. Also muss das Wort her. Auf der leeren Bühne, an deren Rand sich die Musiker platziert haben, begrüßen die beiden Tänzerinnen ihr Publikum, um ihm anschließend und relativ unvermittelt einen Tanz zu zeigen, der aus der Abfolge von immergleichen Figuren entsteht. Unter dem Eindruck der dazu gespielten Minimal Music entwickelt sich hier Rauschhaftes, das nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Thema steht. Des Weiteren werden hier afrikanische Rhythmen dargeboten, zu denen die Tänzerinnen wahlweise trippeln oder, so die klischeehafte Vorstellung des Betrachters, afrikanische Tänze andeuten. Auch Bewegungsmuster, die sowohl plakativ Annäherung der beiden Welten wie auch deren kämpferische Auseinandersetzung vermitteln, sind zu sehen. Das Handwerkliche allerdings bleibt durchschnittlich. Da sind doch etliche Fehler und Ungenauigkeiten zu beobachten. Unterbrochen wird der Tanz durch Fragen, die die statistischen Wahrscheinlichkeiten aufzeigen sollen. Je mehr man allerdings dem Geschehen folgt, desto unwahrscheinlicher werden die Unterschiede, sobald die Zahlenwelt durchbrochen wird. Zwei Frauen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten sind da zu sehen – die eine hat mal ein paar Euro mehr auf der Bank, mal ein paar weniger, die andere hat zwei Kinder – aber ihrer beider Lebensfreude kann das nicht schaden.
Und so dürfen sie schließlich sogar gemeinsam singen, allerdings so unverbindlich, dass der Text nach zwei Minuten wieder vergessen ist. Der Abend ist auf dem Niveau einer Abschlussarbeit an einer Akademie, die allerdings gelungen ist. Unterstützt werden die beiden Tänzerinnen in den beliebigen Kostümen von Konstanze Grotkopp musikalisch von Jorge Domingos und Johannes Till, die mit Gitarre, Bass, E‑Piano und Computer für manch erfrischenden Rhythmus sorgen, wenn sie denn losgelassen.
Am Ende des Abends fragt man sich, was die Zahlenspielereien sollen. Es fehlt ein wenig die Relevanz des Themas, wenn man sieht, wie wunderbar sich Tänzerinnen verschiedener Kulturen verstehen. Und auch das ist keine neue Erkenntnis, sondern glücklicherweise längst Alltag – wenigstens beim Tanz.
Michael S. Zerban