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Foto © Benjamin Schindler

Die großen und kleinen Unterschiede

LIFE IN NUMBERS
(Anna Till, Katia Manjate)

Besuch am
20. Oktober 2019
(Premiere am 19. Oktober 2019)

 

Tanzhaus NRW, Düsseldorf, Kleine Bühne

Es gibt ja bekanntlich diese drei Formen der Lüge: die Lüge, die Notlüge und die Statistik. Trotzdem vergeht kein Tag, ohne dass eine neue Statistik erscheint. Ja, es gibt sogar staat­liche Behörden, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als Statis­tiken zu erstellen. Der tief im deutschen Gen einge­grabene Glaube an Zahlen hat einen Grund, der so simpel ist, dass er sich unaus­löschlich hält. Zahlen schaffen scheinbar Vergleichbarkeit.

Dieses Themas nehmen sich zwei Choreo­gra­finnen an, die sich ziemlich ähnlich sind und nicht unter­schied­licher sein könnten. Die eine, Anna Till, kommt aus Dresden, hat Tanz studiert und sich in der so genannten Freien Szene etablieren können. Das bedeutet vermutlich, dass sie sich in einem Viertel ihres Berufs­lebens mit schöp­fe­ri­schen Dingen befasst und drei Viertel der Zeit mit Finan­zie­rungs­fragen dieses „Vergnügens“ verbringt. Manchmal aller­dings hat man auch als Tänzerin Glück. Und dann rutscht man in ein mehrjährig angelegtes Finan­zie­rungs­pro­gramm im inter­na­tio­nalen Umfeld. So lernte Till Katia Manjate aus Maputo, der Haupt­stadt von Mozambik, kennen. Ausgangs­punkt ihrer gemein­samen Recherche war die Frage: Gibt es ein Leben ohne Zahlen? Als ordent­licher Journalist besteht man natürlich darauf, dass das möglich ist.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die Damen sind inzwi­schen anderer Ansicht. Und das wollen sie dem spärlich erschie­nenen Publikum an diesem Abend auf der Kleinen Bühne des Tanzhauses NRW mit ihrem zirka 45-minütigen Stück Life in Numbers vermitteln. Denn statis­tisch ist es nun einmal so, dass die Dresd­nerin etwa das zehnfache Monats­ein­kommen als ihre Kollegin auf Afrika hat, ihre Lebens­er­wartung rund 20 Jahre höher liegt – wenn sie, was Gott verhüten möge, nicht unter einen Elektrot­ret­roller gerät – und die Gebär­freu­digkeit in Afrika bedeutend höher ist.

Foto © Benjamin Schindler

Statistik, das liegt in ihrer Natur, ist nicht zwingend der Gegen­stand, der sich leich­ter­dings für eine künst­le­rische Umsetzung eignet. Und schon gar nicht im Tanz. Also muss das Wort her. Auf der leeren Bühne, an deren Rand sich die Musiker platziert haben, begrüßen die beiden Tänze­rinnen ihr Publikum, um ihm anschließend und relativ unver­mittelt einen Tanz zu zeigen, der aus der Abfolge von immer­gleichen Figuren entsteht. Unter dem Eindruck der dazu gespielten Minimal Music entwi­ckelt sich hier Rausch­haftes, das nicht in unmit­tel­baren Zusam­menhang mit dem Thema steht. Des Weiteren werden hier afrika­nische Rhythmen darge­boten, zu denen die Tänze­rinnen wahlweise trippeln oder, so die klischee­hafte Vorstellung des Betrachters, afrika­nische Tänze andeuten. Auch Bewegungs­muster, die sowohl plakativ Annäherung der beiden Welten wie auch deren kämpfe­rische Ausein­an­der­setzung vermitteln, sind zu sehen. Das Handwerk­liche aller­dings bleibt durch­schnittlich. Da sind doch etliche Fehler und Ungenau­ig­keiten zu beobachten. Unter­brochen wird der Tanz durch Fragen, die die statis­ti­schen Wahrschein­lich­keiten aufzeigen sollen. Je mehr man aller­dings dem Geschehen folgt, desto unwahr­schein­licher werden die Unter­schiede, sobald die Zahlenwelt durch­brochen wird. Zwei Frauen mit unter­schied­lichen Lebens­ge­schichten sind da zu sehen – die eine hat mal ein paar Euro mehr auf der Bank, mal ein paar weniger, die andere hat zwei Kinder – aber ihrer beider Lebens­freude kann das nicht schaden.

Und so dürfen sie schließlich sogar gemeinsam singen, aller­dings so unver­bindlich, dass der Text nach zwei Minuten wieder vergessen ist. Der Abend ist auf dem Niveau einer Abschluss­arbeit an einer Akademie, die aller­dings gelungen ist. Unter­stützt werden die beiden Tänze­rinnen in den belie­bigen Kostümen von Konstanze Grotkopp musika­lisch von Jorge Domingos und Johannes Till, die mit Gitarre, Bass, E‑Piano und Computer für manch erfri­schenden Rhythmus sorgen, wenn sie denn losgelassen.

Am Ende des Abends fragt man sich, was die Zahlen­spie­le­reien sollen. Es fehlt ein wenig die Relevanz des Themas, wenn man sieht, wie wunderbar sich Tänze­rinnen verschie­dener Kulturen verstehen. Und auch das ist keine neue Erkenntnis, sondern glück­li­cher­weise längst Alltag – wenigstens beim Tanz.

Michael S. Zerban

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