O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thomas Jauk

Tanz auf dem Vulkan

CABARET
(John Kander)

Besuch am
18. Oktober 2019
(Premiere)

 

Hans-Otto-Theater, Potsdam

Das Musical Cabaret von John Kander beschreibt das Aufkommen des Natio­nal­so­zia­lismus aus dem Blick­winkel des Ameri­kaners Clifford Bradshaw. Er ist das Alter Ego des Schrift­stellers Chris­topher Isherwood, der Anfang der 1930-er Jahre zeitweise in Berlin lebte und seine Beobach­tungen in dem Roman Leb wohl Berlin zusam­men­fasste. Im Fokus stehen die Bewohner einer Pension, in der sich Bradshaw einmietet: ein Mikro­kosmos von Durch­schnitts­bürgern, die alle nicht auf Rosen gebettet sind. Ablenkung von der rauen Wirklichkeit bieten anrüchige Etablis­se­ments, wie der Kit-Kat-Klub, wo Bradshaw die Sängerin Sally Bowles trifft und mit ihr eine Liebes­be­ziehung beginnt, die aus persön­lichen und politi­schen Gründen scheitert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In der Neuin­sze­nierung des Potsdamer Hans-Otto-Theaters setzt der Ausstatter Friedrich Eggert auf Kontraste. Ein roter Vorhang mit schwarzen Zacken­mustern und knallige, opulente Kostüme entsprechen der Atmosphäre des anrüchigen Kit-Kat-Clubs. Grau in grau sind dagegen die Pensi­ons­zimmer gehalten. Regisseur Bernd Mottl aktua­li­siert das Stück nicht, lässt es aber durch die psycho­lo­gisch ausge­feilte Perso­nen­führung und neu gesetzte Akzente in frischem Licht erscheinen. Die Kit-Kat-Truppe besteht aus Girls und Boys, der Confé­rencier, den Philipp Mauritz als traurigen Clown mit aggres­siven Unter­tönen gibt, hat etwas geschlechtlich Zweideu­tiges. Cliff, von Arne Lenk mit sympa­thi­scher Ausstrahlung gespielt, zeigt Interesse an Männern, was auf die Homose­xua­lität Isher­woods verweist. Während der Autor seine Erinne­rungen aufschreibt, werden Szenen aus dem Kit-Kat-Club einge­blendet – ein sugges­tiver Regie­einfall. Ein starkes Bild findet Mottl auch für die Zerstörung des Obstladens: Die Pension fällt zusammen und dahinter wird ein flammend­roter Himmel sichtbar, davor ein vergrö­ßerter, aber gebors­tener Zacken des Vorhang­musters – wie ein Fanal der begin­nenden Pogrome. Am Ende treten die Akteure aus ihren Rollen. Mit Ausnahme von Sally, die ihr Revue­kostüm anbehält und in einer Scheinwelt verbleiben will, wenden sie sich direkt ans Publikum und zitieren Sprüche der AFD. Es ist ein bedrü­ckender Moment, weil er die Aktua­lität des Musicals unterstreicht.

Foto © Thomas Jauk

Maria-Danaé Bansen, die die Sally bereits in Regensburg erfolg­reich verkörpert hat, überrumpelt mit der Inten­sität und Glaub­wür­digkeit ihrer Darstellung auch das Potsdamer Publikum. Sie ist eine bindungs­scheue, junge Frau, die keine wahren Gefühle an sich heran­lassen will, aber ihre Verletz­lichkeit nicht immer verbergen kann. Der ganze Körper ist in Bewegung, wenn sie wie aufge­zogen über die Bühne wirbelt: Ein Energie­bündel, dass in den Showteilen zu bestechender Form aufläuft. Wie sie mit schier grenzen­loser, facet­ten­reicher Stimme ihre Soli singt und dazu perfekt tanzt, das hat ganz große Klasse. Kristin Muthwill ist als Fräulein Schneider jünger als gewohnt besetzt, doch in ihrer verhärmten Altjüng­fer­lichkeit, die sich in einer Mischung aus Ruppig- und Zärtlichkeit ausdrückt, absolut glaub­würdig. Sie kämpft um ihre Existenz und verzichtet dafür auf persön­liches Glück. Was bedeutet, den jüdischen Gemüse­händler Schultz nicht zu heiraten, wie sie in trotziger Resignation in What would you do besingt. Andreas Spaniol spielt ihn auf anrüh­rende Weise: erst unbeholfen in seinem schüch­ternen Werben, dann fassungslos in der Verzweiflung.

Tänze­ri­sches Können demons­triert das Kit-Kat-Quartett in der erotisch aufge­la­denen Choreo­grafie von Hakan T. Aslan. Zu einem Höhepunkt wird der Money, Money- Song, den die vier, ausstaf­fiert wie Speku­lanten aus verschie­denen Ländern, als Groteske über die Macht des Geldes vorführen. John Kanders Musik­nummern verlieren auch in Chris Walkers reduziertem Instru­men­tal­ar­ran­gement nicht ihre Wirkung, zumal die von Matthias Binner geleitete Combo schmissig aufspielt.

Die Begeis­terung im Hans-Otto-Theater ist nach der ausver­kauften Premiere groß. Die Aufführung dürfte sich zum Kassen­schlager entwi­ckeln. Dass sie auch im benach­barten Berlin wahrge­nommen wird, kann man getrost prognostizieren.

Karin Coper

Teilen Sie O-Ton mit anderen: