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Ein Engländer, ein Franzose, ein Deutscher und ein Schotte befinden sich in einem abstürzenden Flugzeug. Es gibt nur einen Fallschirm. Lobeshymnen auf ihre Vaterländer ausrufend, springen der Deutsche und der Franzose freiwillig ohne den rettenden Schirm aus dem Flugzeug. Der Engländer und der Schotte blicken ihnen gerührt nach. Ersterer ruft: „Zum Wohle Englands“ und schmeißt den Schotten raus.
Dieser uralte Witz drängt sich unwillkürlich auf, wenn am Theater Osnabrück der alte Sir John Falstaff – in einen hinreißend schottischen Kilt gekleidet – in die Themse geworfen wird. Sie sind – wie man so schön sagt – „not amused“ über die plumpen Annäherungsversuche des korpulenten Falstaff. Die Geschichte von den lustigen Weibern von Windsor in der Version von Verdi und Boito ist bekannt, und Regisseurin Adriana Altaras verändert auch nichts daran, außer sie durch Bühnenbild und Kostüme ein wenig näher an die Gegenwart heranzurücken. Der leicht variable Einheitsbühnenraum von Etienne Pluss und Sibylle Pfeiffer stellt das Gasthaus „Zum Hosenbande“ mit einer grässlichen Tapete dar. Hier herrscht ein Kommen und Gehen und mit Requisiten wird nicht gegeizt. Hier wird sich in Nischen und Ecken versteckt, gegessen, getrunken und geflirtet, und dabei sehen die Darsteller in den unterschiedlichsten Kostümen von Nina Lepilina großartig aus, die sich wirklich in alle Stilrichtungen der modernen Mode austobt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Altaras wiederum bedient alle Formen des Humors. Da wird der britische Slapstick auch schon mal richtig albern eingesetzt – aber im Rahmen des guten Geschmacks. Das wichtigste dabei ist, dass sie immer mit der Musik zusammenarbeitet, ohne je in das Klischee zu verfallen, dass jede Pointe auf einen bestimmten Ton fallen muss. Auf diese Art und Weise entsteht ein unglaublich unterhaltsamer, lebendiger und kurzweiliger Abend, in dem auch dieser Hauch von Melancholie durchblitzt, den ein Falstaff haben muss.
Die Sänger wiederum setzen ihre temporeiche Personenführung mit Elan um, und wenn der Eindruck nicht täuscht, haben sie selbst noch knapp einen Monat nach der Premiere einen Riesenspaß dabei. Die Besetzung kommt ohne einen Ausfall daher, und selbst wenn mal der eine Ton oder die andere Phrase nicht ganz gelingt, muss man doch attestieren, dass alle Sänger ihren Rollen gewachsen sind. Mit prallen Stimmen verkörpern Yohan Kim und José Gallisa Bardolfo und Pistola. Mark Hamman gibt dem Dr. Cajus die passende grelle Farbe. Mit hell timbriertem Bariton, der zu wutschnaubenden Eifersuchtsanfällen fähig ist, begeistert Jan Friedrich Eggers als Ford. Daniel Jenz springt als Fenton ein und zaubert eine klare und feinsinnige Legato-Linie über das wild durcheinander plappernde Männerquartett.

Er und die Nanetta von Erika Simons sind der lyrische Ruhepunkt der Produktion. Die Sopranistin setzt ihren eigenen kleinen Höhepunkt in ihrer Arie im vierten Akt. Auch die drei anderen lustigen Weiber lassen keine Wünsche offen. Olga Privalova macht neugierig auf weitere Aufgaben am Theater Osnabrück. Dem Spielwitz der Alice Ford wird Jessica Rose Cambio mit einem frei ausschwingenden Sopran gerecht. Ihre unforcierte Stimme gibt ebenfalls eine schöne Oberstimme in den Ensembles. Mit wunderbarer Mimik und einem satten Mezzosopran ist Nana Dzidziguri als Mrs. Quickly eine echte Entdeckung.
Bleibt noch Rhys Jenkins, dem die Titelpartie geradezu auf dem Leib geschneidert zu sein scheint. Sein agiler und kräftiger Bariton verströmt genau diesen speziellen Charme, den ein Falstaff versprühen muss und passt zu seinem schelmischen Grinsen. In Andreas Schön hat er einen fast stummen, aber darstellerisch begeisternden Begleiter auf Augenhöhe neben sich auf der Bühne. Denn das hochgewachsene Chormitglied legt den Wirt des Gasthauses mit der richtigen Mischung aus britisch-steifer Attitüde und entgleisender Mimik an. Der Chor, von Sierd Quarré einstudiert, könnte an den entscheidenden Stellen noch etwas an Kraft zulegen. Denn auch das Osnabrücker Symphonieorchester darf zu seinem 100. Geburtstag unter der Leitung von Andreas Hotz auch mal richtig aufgebläht den Falstaff raushängen lassen. Das ist schon ein gehöriges Pfund Musik, das die Musiker mit Begeisterung stemmen. Im nächsten Augenblick zwitschern die Instrumente wie eine italienische Belcanto-Nachtigall. Das macht richtig Freude, hier zuzuhören und zuzusehen.
So sieht es auch das Publikum, das durch die zahlreichen Pointen und die Untertitel bestens unterhalten wird. Die gute Stimmung nimmt dann nach der Pause etwas überhand, denn viele Gespräche werden gutgelaunt weitergeführt. Leider verschlägt es dann zum Schlussapplaus den meisten die Stimme. So gut wie keine Bravorufe sind in einem sonst sehr kräftigen Schlussapplaus zu hören. Da sind selbst die Sänger etwas überrascht. Sie mögen zwar am Ende die Feststellung getroffen haben Tutto gabbati – Alle sind gefoppt. Aber letztendlich gibt es an diesem Opernabend nur Gewinner.
Rebecca Hoffmann