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Foto © Sarah Jonek

Von Abhängigkeiten und Freiheiten

LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
27. Oktober 2019
(Premiere am 28. September 2019)

 

Theater Bielefeld

Eine Frau, sichtbar schwanger, steht in einem Zimmer, starrt auf eine Männer­jacke. Sie reißt sich das Kleid vom Leib, schlüpft in Männer­jacke und Hose und klebt sich einen Schnurrbart an. Der Page Cherubino ist „geboren“, die Hosen­rolle einmal anders herum inter­pre­tiert. Schon dieser erste Gedanke in Alexander Charims Insze­nierung stimmt nachdenklich. Ist diese schwangere Frau ein „Opfer“ des liebes­tollen Grafen? Fühlt sie sich männlich und zur Gräfin hinge­zogen oder allgemein zu Frauen? Spielt die tatsäch­liche Schwan­ger­schaft von Sängerin Hasti Molavian – herzlichen Glück­wunsch an dieser Stelle – gar keine Rolle, sondern erlebt man nur eine Puber­tie­rende, die ihre eigene Sexua­lität erforscht? Charims Regie gibt keine endgültige Antwort, muss sie aber auch nicht.

Es wird offen­kundig, dass Charim sich weder für die politische Kompo­nente von Beaum­ar­chais‘ Der tolle Tag inter­es­siert, noch für das komödi­en­hafte Ränke­spiel, das so oder so in dieser Handlung enthalten ist. Ihm geht es um die Abhän­gig­keiten der handelnden Figuren, um ihre Wünsche und ihre Freiheiten. Man erlebt einen Grafen, der gesell­schaftlich einen schweren Stand hat, gegenüber seiner Frau aber den dominant-eifer­süch­tigen Mann aufrecht­erhält. Diese Gräfin ist offen­kundig an ihrem Dilemma selbst Schuld und testet mit Cherubino ihre eigenen Wünsche aus. Während Figaro sich gerne schlau gibt und überfordert wirkt, ist Susanna mehr an dem Mann Almaviva inter­es­siert, während sie sein gesell­schaft­licher Stand eher abstößt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Charim möchte es anders machen als andere Insze­nie­rungen, und manchmal übertreibt er es dabei auch ein wenig, wenn der Gärtner Antonio mit aggres­siven Spieß­ge­sellen beim Grafen aufläuft. In einer sehr körper­be­tonten Perso­nen­führung flammen erotische Begierden auf und werden emotionale Einsam­keiten aufge­deckt. Alte Pointen, wie das Verstecken des Pagen vor dem Grafen, werden wohltuend aufge­brochen, leider aber nicht immer konse­quent genug.  Wie so oft kommt im Theater Bielefeld die Drehbühne zum Einsatz, auf die Ivan Bazak ein leicht herun­ter­ge­kom­menes Haus im Stil einer Dauer­bau­stelle gebaut hat. So folgt der Zuschauer mit jeder Drehung den Figuren durch die Zimmer, in denen sich immer wieder neue modische Grausam­keiten auftun. Aurel Lenfert siedelt die Handlung in einer Designer­ge­sell­schaft an, in der es kleidungs­tech­nisch elegant, schrill und poppig zugeht.

Musika­lisch kommt dieser Figaro dagegen ganz klassisch daher. Alexander Kalajdzic verzichtet auf eine histo­rische Leseart, die Biele­felder Philhar­mo­niker spielen tief unten im Orches­ter­graben und verzücken die Hörer mit einem wahren Rausch an Farben und Harmonien. Kalajdzic verzichtet auf jegliche plaka­tiven Elemente und dürfte manches Mal das Tempo etwas anziehen. Dafür gelingt die Gestaltung der Arien und Ensembles sehr vielschichtig. Diese wunderbar feinsinnige Musik kommt selbst in so spiele­ri­schen Momenten wie Susannas Inter­mezzo Venite, inginoc­chiatevi bestens zum Ausdruck. Selten hat man die Philhar­mo­niker auf diesem techni­schen Level gehört.

Foto © Sarah Jonek

Ebenso selten kommt es vor, dass ein Figaro-Ensemble so ausge­wogen ist. Das beginnt schon in den kleinsten Neben­rollen: Dumitru-Bogdan Sandu ist ein in jeder Hinsicht ungewöhnlich präsenter Don Curzio. Als Antonio poltert Tae-Woon Jung mehr gefährlich als betrunken. Seine Tochter Barbarina bekommt von der talen­tierten Veronika Lee silbriges Material verliehen. Wie immer ist Lorin Wey auch als Basilio eine sichere Bank und ist auch in den Ensembles dank seines hellstim­migen Tenors gut zu hören. Gleiches gilt für das bewährte Ensemble-Mitglied Moon Soo Park, der einen starken Bartolo singt. Gastsän­gerin Alexandra Ionis beweist, dass man die Marcellina auch schön singen kann, ohne ausdrucksarm zu sein. Neu im Ensemble präsen­tiert sich Dušica Bijelić in der schwie­rigen Rolle der Gräfin Almaviva und überzeugt mit melan­cho­li­schen und stilsi­cheren Phrasen. Ihr Graf liegt bei dem elegant wie auch gefährlich singenden Frank Dolphin Wong in besten Händen. Cornelie Isenburger driftet gelegentlich in eine leicht herbe Intonation ab, was aber auch zu der selbst­be­wussten und eigen­stän­digen Charak­te­ri­sierung der Figur passt. Hasti Molavians inten­sives Spiel samt schön dunklem Mezzo­sopran präde­sti­niert sie für den Einsatz als Cherubino, der in dieser Insze­nierung viel mehr zu leisten hat als gewöhnlich. Auch Yoshiaki Kimura darf mit seinem stilsi­cheren Bassba­riton als Ideal­be­setzung für den Figaro gelten, der hier nicht nur den Schlau­meier zu verkörpern hat.

Er bekommt schon während der Vorstellung den größten Zwischen­ap­plaus und wird wie alle Sänger am Ende großzügig beklatscht. Im Gegensatz zu sonstigen Besuchen einer Sonntag­nach­mit­tags­auf­führung ist das Publikum überra­schend ruhig und aufmerksam. Molavians, die sich mit einem süßen Smiley auf ihrer Babykugel verbeugt und vom Publikum dafür gefeiert und beglück­wünscht wird, verab­schiedet sich vermutlich bald in ihre Elternzeit.

Rebecca Hoffmann

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