O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
27. Oktober 2019
(Premiere am 28. September 2019)
Eine Frau, sichtbar schwanger, steht in einem Zimmer, starrt auf eine Männerjacke. Sie reißt sich das Kleid vom Leib, schlüpft in Männerjacke und Hose und klebt sich einen Schnurrbart an. Der Page Cherubino ist „geboren“, die Hosenrolle einmal anders herum interpretiert. Schon dieser erste Gedanke in Alexander Charims Inszenierung stimmt nachdenklich. Ist diese schwangere Frau ein „Opfer“ des liebestollen Grafen? Fühlt sie sich männlich und zur Gräfin hingezogen oder allgemein zu Frauen? Spielt die tatsächliche Schwangerschaft von Sängerin Hasti Molavian – herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle – gar keine Rolle, sondern erlebt man nur eine Pubertierende, die ihre eigene Sexualität erforscht? Charims Regie gibt keine endgültige Antwort, muss sie aber auch nicht.
Es wird offenkundig, dass Charim sich weder für die politische Komponente von Beaumarchais‘ Der tolle Tag interessiert, noch für das komödienhafte Ränkespiel, das so oder so in dieser Handlung enthalten ist. Ihm geht es um die Abhängigkeiten der handelnden Figuren, um ihre Wünsche und ihre Freiheiten. Man erlebt einen Grafen, der gesellschaftlich einen schweren Stand hat, gegenüber seiner Frau aber den dominant-eifersüchtigen Mann aufrechterhält. Diese Gräfin ist offenkundig an ihrem Dilemma selbst Schuld und testet mit Cherubino ihre eigenen Wünsche aus. Während Figaro sich gerne schlau gibt und überfordert wirkt, ist Susanna mehr an dem Mann Almaviva interessiert, während sie sein gesellschaftlicher Stand eher abstößt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Charim möchte es anders machen als andere Inszenierungen, und manchmal übertreibt er es dabei auch ein wenig, wenn der Gärtner Antonio mit aggressiven Spießgesellen beim Grafen aufläuft. In einer sehr körperbetonten Personenführung flammen erotische Begierden auf und werden emotionale Einsamkeiten aufgedeckt. Alte Pointen, wie das Verstecken des Pagen vor dem Grafen, werden wohltuend aufgebrochen, leider aber nicht immer konsequent genug. Wie so oft kommt im Theater Bielefeld die Drehbühne zum Einsatz, auf die Ivan Bazak ein leicht heruntergekommenes Haus im Stil einer Dauerbaustelle gebaut hat. So folgt der Zuschauer mit jeder Drehung den Figuren durch die Zimmer, in denen sich immer wieder neue modische Grausamkeiten auftun. Aurel Lenfert siedelt die Handlung in einer Designergesellschaft an, in der es kleidungstechnisch elegant, schrill und poppig zugeht.
Musikalisch kommt dieser Figaro dagegen ganz klassisch daher. Alexander Kalajdzic verzichtet auf eine historische Leseart, die Bielefelder Philharmoniker spielen tief unten im Orchestergraben und verzücken die Hörer mit einem wahren Rausch an Farben und Harmonien. Kalajdzic verzichtet auf jegliche plakativen Elemente und dürfte manches Mal das Tempo etwas anziehen. Dafür gelingt die Gestaltung der Arien und Ensembles sehr vielschichtig. Diese wunderbar feinsinnige Musik kommt selbst in so spielerischen Momenten wie Susannas Intermezzo Venite, inginocchiatevi bestens zum Ausdruck. Selten hat man die Philharmoniker auf diesem technischen Level gehört.

Ebenso selten kommt es vor, dass ein Figaro-Ensemble so ausgewogen ist. Das beginnt schon in den kleinsten Nebenrollen: Dumitru-Bogdan Sandu ist ein in jeder Hinsicht ungewöhnlich präsenter Don Curzio. Als Antonio poltert Tae-Woon Jung mehr gefährlich als betrunken. Seine Tochter Barbarina bekommt von der talentierten Veronika Lee silbriges Material verliehen. Wie immer ist Lorin Wey auch als Basilio eine sichere Bank und ist auch in den Ensembles dank seines hellstimmigen Tenors gut zu hören. Gleiches gilt für das bewährte Ensemble-Mitglied Moon Soo Park, der einen starken Bartolo singt. Gastsängerin Alexandra Ionis beweist, dass man die Marcellina auch schön singen kann, ohne ausdrucksarm zu sein. Neu im Ensemble präsentiert sich Dušica Bijelić in der schwierigen Rolle der Gräfin Almaviva und überzeugt mit melancholischen und stilsicheren Phrasen. Ihr Graf liegt bei dem elegant wie auch gefährlich singenden Frank Dolphin Wong in besten Händen. Cornelie Isenburger driftet gelegentlich in eine leicht herbe Intonation ab, was aber auch zu der selbstbewussten und eigenständigen Charakterisierung der Figur passt. Hasti Molavians intensives Spiel samt schön dunklem Mezzosopran prädestiniert sie für den Einsatz als Cherubino, der in dieser Inszenierung viel mehr zu leisten hat als gewöhnlich. Auch Yoshiaki Kimura darf mit seinem stilsicheren Bassbariton als Idealbesetzung für den Figaro gelten, der hier nicht nur den Schlaumeier zu verkörpern hat.
Er bekommt schon während der Vorstellung den größten Zwischenapplaus und wird wie alle Sänger am Ende großzügig beklatscht. Im Gegensatz zu sonstigen Besuchen einer Sonntagnachmittagsaufführung ist das Publikum überraschend ruhig und aufmerksam. Molavians, die sich mit einem süßen Smiley auf ihrer Babykugel verbeugt und vom Publikum dafür gefeiert und beglückwünscht wird, verabschiedet sich vermutlich bald in ihre Elternzeit.
Rebecca Hoffmann