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Foto © Vadim Balakin

Der letzte Kuss

HAUT
(Maura Morales)

Besuch am
1. November 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Ringlok­schuppen Mülheim an der Ruhr, Bühne 1

Selbst für eine erfolg­reiche Tanz-Kompagnie wie die Coope­rativa Maura Morales, die inzwi­schen durch die ganze Welt tourt, gibt es noch ganz besondere Glücks­fälle. Einer davon war die Einladung nach Jekate­rinburg, um mit dem Provincial Dances Theatre, einer jungen Truppe, die sich dem zeitge­nös­si­schen Tanz verschrieben hat, ein abend­fül­lendes Programm zu erarbeiten. Das war im März dieses Jahres. Inzwi­schen gab es die Urauf­führung in Russland, über die auch das russische Fernsehen berichtete. Jetzt steht im Ringlok­schuppen in Mülheim an der Ruhr die deutsche Erstauf­führung an.

Für КОЖА – From Skin to Skin, auf Deutsch Haut – Von Haut zu Haut, kehrt Morales zu einem Thema zurück, das sie seit Beginn ihrer selbst­stän­digen Choreo­grafen-Laufbahn beschäftigt. Am 19. November 2011 präsen­tierte sie, damals noch in Koope­ration mit dem Choreo­grafen Felix Landerer, erstmals ihr Stück Haut, in dem sie sich mit Formen der Berührung im Zeitalter der virtu­ellen Kontakte beschäf­tigte. Nun also geht es wieder um die Haut als das größte Organ des mensch­lichen Körpers und den Ort der Abgrenzung zu anderen Individuen. Dabei ist das mit der Abgrenzung so eine Sache. Schließlich ist die Haut auch eine erogene Zone, die sehr empfindlich auf die Berührung mit anderen Körpern reagiert.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Aber ist das eigentlich noch so? Oder verliert die Haut respektive die Berührung in einer digita­li­sierten Welt zunehmend an Bedeutung? Täuschen ritua­li­sierte Bewegungen wie Umarmungen zur Begrüßung über den Verlust der Körper­lichkeit hinweg? Versuchen wir womöglich gerade, im Rahmen neuer #metoo-Prüderie unsere Emotio­na­lität auf die so genannten Sozialen Medien zu verlagern? Gemeinsam mit den zwölf Tänzern des Provincial Dance Theatre aus Jekate­rinburg und dem Kompo­nisten Michio Woirgardt sucht Morales die künst­le­rische Ausein­an­der­setzung mit diesem erwei­terten Fragenkreis.

Schon beim Einlass treten die Tänze­rinnen auf die Besucher zu und umarmen sie kurz. Aufdring­licher ist da schon die Anmode­ration der Tänzerin, die die Besucher auffordert, sich gegen­seitig an den Händen zu fassen und dann mit geschlos­senen Augen bis 20 zu zählen. Der „thera­peu­tische“ Sinn dabei wird schon verstanden, ist aber so überflüssig wie ein Kropf. Wenn ich eine Arbeit von Maura Morales sehen will, dann will ich mich ausschließlich auf die Choreo­grafie konzen­trieren und nicht auf meine Sitznachbarn. Und die Tänzer, die die „Zählpause“ nutzen, um in Aufstellung zu gehen, sind allemal spannender als die Haut meiner Sitznachbarn.

Die Bühne von Grace Morales präsen­tiert sich so aufge­räumt wie ihr Licht­design. Eine leere Spiel­fläche und freige­räumte Seiten­bühnen bieten Platz für ein paar seitlich aufge­stellte Schein­werfer. Im Hinter­grund ist über Kopf eine Projek­ti­ons­fläche aufge­hängt. Hier zeigt Manfred Borsch Videos, die in die Poren der Haut zu kriechen scheinen, viel Zärtlichkeit ausstrahlen, aber auch das Blut verletzter Haut zeigen. Eine unglaublich schöne Arbeit. Auf der Fläche haben die Tänzer Platz genommen, die sich gerade von den Oberteilen der Kostüme von Marion Strehlow befreien. Strehlow hat den einzelnen Tänzer indivi­duelle Kostüme auf den Leib geschneidert, die eng an der Haut anliegen. Es gibt viel nackte Haut zu sehen an diesem Abend. Die Botschaft aller­dings lautet: Wir sind hier in einem geschützten Raum.

Foto © Vadim Balakin

Die Tänzer, sechs weibliche und sechs männliche, dürfen sich also ausleben. Dürfen sich in geradezu akroba­ti­schen Windungen verwirk­lichen. Die Körper­lichkeit ist greifbar. Morales zeigt hier meisterhaft, wie sie zwölf Menschen auf der Bühne bewegt, die intime Bezie­hungen innerhalb der Gruppe als auch zwischen den Individuen ausspielen. Wo in ihren bisher gezeigten Stücken Aggres­si­vität auftritt, verlässt sie sich in Haut ganz auf die Emotio­na­lität und Akrobatik – und gewinnt. Zunehmend drängen die Tänzer in Soli gegen­ein­ander, während Gruppen­bil­dungen nicht aufgelöst werden. Stacca­to­hafte Bewegungen stehen im Gegensatz zu ihren Bedeu­tungen und gewinnen so besondere Spannung. Auffällig ist die Aufhebung der Geschlech­ter­be­deutung. Da liegen auch schon mal Männer Männern in den Armen oder Frauen Frauen. Nicht das Geschlecht ist relevant, sondern die Berührung der Körper. Über eine Stunde hält Morales die förmlich im Saal knisternde Spannung aufrecht, auch wenn sie nach einer halben Stunde etwa einen Bruch wagt und sich Zeit lässt für ein ausführ­liches „Pas de deux“.

Dass die Zuschauer den Abend als rausch­haftes Geschehen irgendwo zwischen Lebens­beginn und ‑ende erleben, liegt zu großen Teilen auch an der Musik von Michio Woirgardt, die mit einem Pulsieren beginnt und in den Furiosi opern­hafte Dimen­sionen annimmt. Hier und da fühlt man sich an die psyche­de­li­schen Ausflüge Pink Floyds erinnert. Mal treibt die Musik die Handlung voran, peitscht das Geschehen auf der Bühne zu Höhepunkten, mal lässt sie sich zurück­fallen. Aber sie nimmt genauso wenig Stellung wie Morales in ihrer Choreo­grafie. Sind die Pulse der Leiden­schaft geschuldet oder die vibrie­rende Zurück­haltung einer zuneh­menden Unsicherheit? Erst im Schlussteil kann man, wenn man will, das Stück als Fürsprache für die körper­liche Berührung verstehen. Wenn die Tänzer im Kuss als letztem und vielleicht inten­sivstem Ausdruck der Annäherung verharren, scheinen Lippen auf Lippen die Umkehr zu fordern.

Einmal mehr hat Maura Morales mit ihrer Compagnie ein Meisterwerk des zeitge­nös­si­schen Tanzes geschaffen. Die Tänzer aus Jekate­rinburg mit ihrem Drill und der hemmungs­losen Selbst­aufgabe sind dabei als echter Glücksfall zu begreifen. Es dauert einen Moment, ehe das Publikum aus diesem Rausch erwacht und Tänzern wie Choreo­grafin und Kompo­nisten zujubelt. Ein Stück, das nicht an der Oberfläche verharrt, sondern unter die Haut geht, wird im vollbe­setzten Saal begeistert gefeiert. Bei so viel Meister­schaft möchte man die Choreo­grafin doch am liebsten ganz beglückt in die Arme schließen. Und das Glück wandelt sich zum Abschied in Vorfreude. Denn schon am 20. November gibt es im Düssel­dorfer Forum Freies Theater die nächste Urauf­führung der Coope­rativa Maura Morales: Cherchez la femme wird sie heißen.

Michael S. Zerban

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