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Foto © Sean Goldthorpe

Opfer voller Würde und Energie

#JESUIS
(Aakash Odedra)

Besuch am
30. Oktober 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Forum Lever­kusen

Dass sich Künstler mit ihrer Arbeit ernsthaft für die Einhaltung der Menschen­rechte einsetzen und an die vielfäl­tigen Formen mehr oder weniger erkenn­barer Unter­drü­ckungs­me­cha­nismen erinnern wollen, sollte selbst­ver­ständlich sein. Auch auf die Gefahr hin, mit ästhe­ti­schen Ausdrucks­mitteln die Bruta­lität der Wirklichkeit zu entschärfen. Dass dem britisch-indischen Choreo­grafen Aakash Odedra und seiner Company der schwierige Spagat zwischen Kunst und Realität mit dem einstün­digen Tanzstück #JeSuis gelungen ist, beweisen zahlreiche Preise und unzählige Einla­dungen aus aller Welt nicht erst seit der offizi­ellen Urauf­führung im Februar des letzten Jahres in Abu Dhabi.

Bereits die erste, noch im Erpro­bungs­stadium befind­liche Work-in-Progress-Version wirkte so aufwühlend, dass sie den Amnesty Inter­na­tional Freedom of Expression Award 2017 erhielt. Die starke Wirkung des Stücks ist in der Tat dem ungewöhn­lichen Entste­hungs­prozess zu verdanken, der mit einem Treffen Odedras mit sieben türki­schen Tänzern und Tänze­rinnen in Istanbul begann. Die seit dem geschei­terten Putsch-Versuch drama­tische Verschlech­terung der Menschen­rechts-Lage in der Türkei hat die Künstler in der Absicht bestärkt, an die vielen unbekannten Opfer zu erinnern, die staat­licher Willkür in allen Zeiten und Ländern ausge­setzt sind.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Ryan Dawson Laight entwirft mit seinem düsteren Bühnen-Outfit einen schmuck­losen Raum, der ohne Umbau­zä­suren als Verhörraum, Flücht­lings­lager und Rundfunk­studio genutzt werden kann. Das Stück selbst präsen­tiert sich als rasch ablau­fende Folge unter­schied­licher Unter­drü­ckungs-Szenarien. Ob Häftlinge psycho­lo­gisch oder mit brutaler Gewalt einge­schüchtert werden, ob sich Flücht­linge umzubringen versuchen, ob sich gejagte Opfer zu verstecken versuchen oder offizielle Nachrich­ten­sprecher eine verlogene heile Welt verkünden. Es faszi­niert die starke Energie, mit der die vier Damen und drei Herren, allesamt mit türki­schen Wurzeln, die Schrecken des Terrors allein mit der Kraft und Elasti­zität ihrer Körper sugge­rieren. Es fließt kein Blut, zu vollendeten Verge­wal­ti­gungen und Gewalt­ex­zessen kommt es nicht. Entscheidend ist die von ständiger Angst durch­zogene Stimmung, der das Stück seine bestri­ckende Wirkung verdankt. Und das ohne jede verkrampfte Standard­geste, ohne expres­sio­nis­ti­sches Hände­ringen oder haare­rau­fende Verzweif­lungs­at­ti­tüden aus der Motten­kiste des Theaters. Auch in der Demütigung und Zustand tiefsten Leids bleiben die „Opfer“ lebendige, starke Menschen.

Foto © Sean Goldthorpe

Optisch lenkt wenig von der zentralen Ausstrahlung der brillanten Tänzer ab. Weder die schlichten, bräunlich gefärbten Kostüme noch die raffi­nierte, aber unauf­dring­liche Licht­regie Alessandro Barbieris. Gesprochen wird fast gar nicht. Und selbst auf die einge­blendete Wutrede Adolf Hinkels aus Chaplins Great Dictator könnte man verzichten. Ganz und gar nicht aber auf die geniale Klang­ku­lisse von Nicki Wells, der mit seinen raffi­nierten, aber unauf­dring­lichen Klängen nicht nur das Grauen zum Ausdruck bringt, sondern den Menschen eine Stärke zu schenken scheint, die sie am Ende zu einem eksta­ti­schen Tanz mit ausge­dehnten Rotationen motiviert, wie man sie aus der Derwisch-Kultur kennt. Haare und die leichten Kostüm­stoffe scheinen sich wie befreit in schwin­genden Bewegungen aufzu­lösen. Ein Hauch von Freiheit durch­zieht das Ende, bevor ein Täter in die Fänge des Sextetts gerät und selbst zum Opfer wird. Was mit ihm geschieht, bleibt offen.

Eine Darstellung, die die Opfer nicht in ihrer Passi­vität und Schwäche zeigt, sondern ungeachtet aller Schrecken die Würde der Menschen bekräftigt und Hoffnung ausstrahlt. Und das auf einem atembe­rau­benden choreo­gra­fi­schen, tänze­ri­schen und musika­li­schen Niveau.

Der Beifall des Lever­ku­sener Publikums fällt entspre­chend lang und stark aus.

Pedro Obiera

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