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Foto © Marie-Luise Manthei

Auf der Treppe

WERTHER
(Jules Massenet)

Besuch am
3. November 2019
(Premiere am 27. Oktober 2019)

 

Theater Aachen

Nach dem Hagen-Projekt im Umfeld einer neuen Deutung von Richard Wagners Nibelungen-Ring greift das Aachener Theater mit Jules Massenets Goethe-Oper Werther zu einer Tragödie in sanfterem Klang­gewand. Die Neuin­sze­nierung verdient beson­deres Interesse, absol­viert doch damit die junge korea­nische Dirigentin Yura Yang nach ersten Opern-Erfah­rungen in Gelsen­kirchen und Kiel ihren Einstand als Stell­ver­tre­tende General­mu­sik­di­rek­torin der Kaiser­stadt. Wie man hören kann, hochmo­ti­viert, aber auch so kraft­betont, dass das spezi­fische Kolorit der Partitur weitgehend verlo­rengeht. Das Aachener Orchester spielt permanent unter Hochdruck, was Massenets Musik auch in den drama­ti­schen Passagen nicht guttut. Und nötig ist es bei Massenet ohnehin nicht, auch wenn die Akustik des Aachener Theaters eine ausge­wogene Balance zwischen Orchester und Sängern nicht gerade fördert. Damit hat fast jeder Dirigent zu kämpfen. Sogar beim neuen, erst vor einem Jahr inthro­ni­sierten General­mu­sik­di­rektor Chris­topher Ward besteht da noch Korrekturbedarf.

Das dynamische Überge­wicht des Orchesters schlägt sich natürlich auch auf die Singstimmen nieder, so dass selbst ein so kondi­ti­ons­starker Tenor wie Soon-Wook Ka ständig forcieren muss und kaum Gelegenheit bekommt, seine schöne Stimme entspannt einzu­setzen und die lyrischen Quali­täten seiner Partie auszu­kosten. Alexandra Yangel trifft es als Charlotte nicht ganz so hart, aber auch sie kommt zu selten zum Atmen, so dass auch ihre Solostellen und vor allem die Duette mit Werther, was Atmosphäre und Kolorit angeht, unter den Möglich­keiten der vorzüg­lichen Sänger bleiben.

Foto © Marie-Luise Manthei

Dass Fabio Lesuisse in der undank­baren Rolle des unsym­pa­thi­schen Albert und sogar Jelena Rakić als Sophie recht blass wirken, ist zu einem guten Teil der Insze­nierung zu verdanken. Mit der Handlungs­armut des Werks kann Corinna von Rad offen­sichtlich nicht allzu viel anfangen. Man spürt zwar, wie intensiv sie den psychi­schen Grenz­si­tua­tionen Werthers auf der Spur ist. Da alle Akte jedoch auf einer großen Freitreppe im offenen Bühnenraum ablaufen, verlieren sich viele Details in der Weite der von Steffi Wurster geschaf­fenen Bühnenlandschaft.

Da hilft es auch nicht, auf ablen­kende Requi­siten und Dekora­tionen zu verzichten, um den Blick auf den tragi­schen Helden nicht einzu­schränken. Ab und zu wird Werthers Gesicht auf die nüchterne Wand überdi­men­sional proji­ziert. Das ist zu wenig. Im Grunde kämen der Regie in dieser Szenerie durch­gehend filmische Einstel­lungen und Großpro­jek­tionen entgegen.

Das täte auch den Neben­fi­guren gut, denen die Regis­seurin wenig Profil verleiht. Rund ist die ganze Sache nicht, trotz guter musika­li­scher Ansätze und eines bemühten szeni­schen Konzepts.

Der starke Beifall des Aachener Publikums für das musika­lische Team ist mehr als verdient. Aller­dings wirkt es bedenklich, wenn sich das Theater bereits in der zweiten Vorstellung nur zur Hälfte füllt. Viel besser erging es dem Hagen-Projekt auch nicht. So lobenswert und inter­essant die Stück­auswahl für die Saison auch sein mag – es folgen noch die Urauf­führung von Anno Schreiers Oper Der Zauberer von Oz, Tschai­kowskys Pique Dame, Sondheims Sweeney Todd und Cavallis La Calisto: Ein oder zwei Zugstücke könnten der Besucher­sta­tistik nicht schaden.

Pedro Obiera

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