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KING ARTHUR
(Henry Purcell)
Besuch am
2. November 2019
(Premiere am 15. Januar 2017)
Nach dem Ende des Kalten Krieges vor 30 Jahren flammt für einen kurzen Moment die Hoffnung auf, glücklichen Zeiten in Frieden entgegen zu gehen. Doch diese Hoffnung trügt sofort, vernichtet durch nationalistisch beflaggte Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Globalisierte Weltwirtschaftsfantasien entwickeln Europa zu Sehnsuchtsorten eines besseren Lebens. Gebeutelt von Krieg, Leid und Hunger, flüchten viele Menschen aus weiteren Kriegsgebieten in Afrika und im Nahen Osten nach Europa.
Jenes Europa der Nationen, die Europäische Union, ist nun bereits dabei, sich zwischen partikulärem Patriotismus mit nationalistischen Untertönen zu verlieren, wieder auseinander zu fallen. Die Briten und der Brexit dominieren und unterminieren zudem gleichzeitig die Idee einer gemeinsamen Zukunft. So betrachtet, könnte man meinen, Henry Purcell, ein Komponist des 17. Jahrhunderts, wäre mit King Arthur, A Dramatick Opera in fünf Akten, 1691 in Londons Dorset Garden uraufgeführt, zugleich ein ironischer Kommentator in unserer Gegenwart 2019.
Das mögen sich auch die Regisseure Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch mit ihrer Neuinszenierung von King Arthur an der Staatsoper gedacht haben. Purcells so genannte Semi-Oper ist ihrem Selbstverständnis nach mehr als nur eine Opera seria. Sie zielt mit einer Mischform von Sprechtext und Musik auf anspruchsvolle Unterhaltung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Dass sie wegen der damaligen politischen Umstände nach wenigen Jahren wieder von der Bühne verschwindet und über Jahrhunderte in Vergessenheit gerät, antizipiert Purcells King Arthur mit einer Beschwörung der niemals endenden Hoffnung auf die Kraft der Liebe und der Kunst. In der seit mehr als 1.000 Jahren ungebrochen populären, variabel weiter erzählten Legende von König Artus und den Rittern der Tafelrunde finden Bechtolf und Crouch offenbar gemeinsam mit Purcell einen beredten Ausdruck dafür.
Die Arthur-Geschichte nach einem Text von John Dryden erzählt von Arthurs Versuch, Britannien zu vereinen und es gegen die Sachsen zu verteidigen. Um seine dabei vom Sachsenkönig Oswald entführte Braut Emmeline zu befreien, reicht allein kriegerisches Geschick nicht aus. Geister müssen überlistet werden, um der Liebe gerecht zu werden. Natürlich siegt am Ende die Liebe. Aber bis es so weit ist, und die Wärme der Liebe die Kälte schmelzen lässt, müssen letztlich die Künste der Zauberer, Merlin für Arthur und Osmond für Oswald, die entscheidende Schlacht schlagen.
British worthly, aber in kritischer Distanz zu einem Patriotismus mit gemeingefährlichem Potenzial, scheint den Regisseuren Purcell pur nicht ausreichend. Ihr King Arthur geriert sich als ein musiktheatralisches, zeitkritisches Projekt. Dass von King Arthur keine Originalpartitur existiert, jede Inszenierung deshalb herausgefordert ist, ihren eigenen King Arthur zu kreieren, animiert Bechtolf und Crouch zu einer aktionistischen, furiosen, von Fantasie überbordenden, bilderreich assoziativen Erzählung.
Dem Dryden-Text fügen sie eine zusätzliche, von Bechtolf getextete Erzählebene hinzu. Sie kommentiert die Artus-Geschichte aus der Sicht des kleinen achtjährigen Arthurs. Seinen Vater, eben jenen King Arthur, versetzt die Regie in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Für Arthur als abgestürzten Bomberpilot hat Crouch in seiner Doppelfunktion als Bühnenbildner ein enigmatisches Flugzeugmodell in den Bühnenhintergrund montiert. Davor liest Merlin, der gleichzeitig auch der Großvater des kleinen Arthur ist, ihm das Artus-Märchen vor.
Neben Merlin spielen die allfälligen Protagonisten verschiedene weitere Rollen. Puppen ergänzen zusätzlich das Personal von Spielern und Sängern mit symbolisch aufgeladenem Gestus. Die britannisch konnotierten Zeitebenen wechseln zwischen der Purcell-Zeit, der des Zweiten Weltkriegs und der Gegenwart, ohne dass sie unmittelbar getrennt bestimmt sind.

Mit einem grandiosen Bild-Text-Musik-Feuerwerk ziehen Bechtolf und Crouch lustvoll alle Register ambitionierter Unterhaltung. Zu erleben ist ein multi-mediales Gesamtkunstwerk. Stilistische Vielfalt der Purcell-Musik, in der kantable Passagen mit deklamatorischen Etüden sowohl komisch als auch ernsthaft wirken, hat in René Jacobs ihren musikalischen Fürsprecher. Sieben Divertimenti, sogenannte masques ergänzen als Passacaglia, Chaconne und Ostinato-Stücke die eigentliche King-Arthur-Musik mit Sequenzen aus unterschiedlichen Purcell-Quellen.
Mit der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Staatsopernchor – im anglophilen Zeitsprech als Skill Ensemble bezeichnet – entfaltet Jacobs einen opulenten Barockklang. Theorbe, Barockgitarre, Holzbläser, Trompeten sowie exquisite Blockflöten färben die kammermusikalischen Tableaus nachhaltig mit einer üppigen Klangfülle. Zu ihren expliziten Einsätzen musizieren sie stehend. Kurze Ton-Sequenzen, die einzelne Texte in einem lautmalerischen Gestus unterstreichen, und perkussive Intermezzi führen der revueartigen Handlung immer wieder neue Energieströme zu, wobei sich der elaborierte Revuecharakter auf Dauer enervierend dominant in den Vorderhund schiebt.
Für dieses Opern-Projekt sind exzellente Schauspieler gefragt, die sängerisch mitmischen können und exzellente Sänger, die spielen können. Jörg Gudzuhn als Merlin-Großvater funktioniert als distanziert kommentierender Statiker der Aufführung mit britischem Understatement. Seinen Gegenspieler Grimbald charakterisiert Tom Radisch extrovertiert komödiantisch sowie als sich überschätzender Lover-Intrigant im Auftrag seines Königs Oswald. In Max Urlachers König der Sachsen fokussieren sich zeitgeschichtliche Kommentare als Projektionsfläche: „Mit den Sachsen und den Angelsachsen soll zusammenwachsen, was zusammengehört.“
Obwohl Sieger im Kampf um die Macht in Britannien, setzt King Arthur strategisch auf ein friedliches Miteinander nach der Schlacht. Allein ohne die sanfte Hilfe von Béla Jim Ottopal als kleiner Arthur geht gar nichts. Michael Rotschopf mimt seinen King Arthur als einen traumwandelnden Pappkameraden-König. Nach seinem Tod soll der kleine Arthur die nächste Schlacht für ihn schlagen.
Brillant das solistische Aufgebot. Anett Fritsch gestaltet mit ihrem klangfrischen Sopran sowohl engelsgleich Philidel, amourös Cupido als auch mit augenzwinkerndem Spielwitz Venus, Sirene und Nymphe. Als Cupido in der Frost-Szene liefert sie im Lobgesang auf die Liebe ein sängerisches Bravourstück. Die Szene typisiert beispielhaft Purcells musikalisches Gestaltungsprinzip. Cupidos Liebesversprechen in C‑Dur steht dem Kälte-Geist in c‑moll tremolierend gegenüber. In aufsteigenden Linien zur Liebe hin wird das Kalt-Monotone rhythmisch belebt und expressiv aufgemischt.
Emmeline steht als Streitsubjekt des Liebeswerbens zwischen den Parteien. Meike Drostes Emmeline ist eine exzellent widersprüchlich gestalte Figur. Am Schluss ist die Liebe besiegelt. Arthur als unumschränkter Herrscher könnte bekrönt werden. Allerdings wird die üppige Tafel der neu gewonnenen Gemeinschaft vom Fußvolk gekapert. Der Staatsopernchor setzt hier wie insgesamt in der Inszenierung nicht nur sängerische Akzente, er interpretiert mit viel Spielfreude und Witz.
Schlussendlich sitzt der kleine Arthur mit seinem Merlin-Großvater allein an dem riesigen Tisch. Gudzuhn schlägt das Buch zu. Ottopal besteigt das havarierte Flugzeug. Der Chor intoniert ein Hoch auf die Ehre von Alt-England. Der patriotische Taumel, zuvor in einer Persiflage aus der Perspektive des postdramatischen Regietheaters mit der die Inszenierung durchziehenden Korrektur „Ach, das gab’s ja noch gar nicht!“ kommentiert, fällt in sich zusammen.
Purcells Entertainment-Vorgabe bestätigt das Publikum mit großer Jubelaufwallung. Über weite Strecken überdehnen es die Regisseure, aufs Ganze gesehen, mit angestrengtem Zeitgeist-Kolorit eines sich neu sortierenden Europas.
Peter E. Rytz