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ES IST SO SÜß ZU SCHERZEN
(Cornelia Preissinger)
Besuch am
3. November 2019
(Einmaliger Vortrag)
Ein trister Sonntagnachmittag, wenn der Himmel wolkenverhangen ist und der November sich auch in der Seele auszubreiten droht: Die beste Gelegenheit, sich nach einer dieser kleinen kulturellen Veranstaltungen umzusehen, die es so zahlreich in so vielen Städten gibt und die oft unter dem Radar der werblichen Wahrnehmung bleiben. Für diesen Sonntag hat das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf einen Vortrag angekündigt. Man muss schon sehr intensiv suchen, um diese Ankündigung zu finden.
Das Heinrich-Heine-Institut wurde 1970 gegründet und ist „eine Einrichtung zur Erforschung und zur Darstellung des Lebens und des Werks des Schriftstellers Heinrich Heine“. Daneben umfasst das Institut auch ein Schumann-Archiv. Und es verfügt über einen Lesesaal, in dem häufig interessante Lesungen oder Vorträge stattfinden, die viel zu oft an der Allgemeinheit vorbeigehen. Es ist so süß zu scherzen nennt sich der Vortrag, den Cornelia Preissinger anbietet und der bevorzugt von älteren Damen besucht wird. Preissinger studierte Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Neuere Deutsche Literatur in ihrer Heimatstadt München. Nach etlichen Zwischenstationen auf verschiedenen Positionen im Theaterbetrieb verbrachte sie die letzten zehn Jahre als Betriebsdirektorin und Stellvertretende Intendantin an der Staatsoper Hannover. Mit dem Ende dieser Tätigkeit entschied sie sich bewusst gegen eine neue Festanstellung, unter anderem auch, um sich vermehrt Vorträgen widmen zu können. Dass sie im kommenden Jahr eine dreimonatige Vertretung der Operndirektion in Leipzig übernehmen wird, soll eine Ausnahme bleiben.
Jetzt aber beschäftigt sie sich zunächst mit einem Künstlerehepaar, das nicht erst posthum gern von vielen Sichtweisen vereinnahmt wurde. Allzu oft steht hier die „arme“ Frau im Vordergrund, die unter ihrem Ehemann zu leiden hat. Preissinger, die selbst mit dem Bariton Johannes Preißinger verheiratet ist und somit im weitesten Sinne eine Künstlerehe führt, wirft einen neuen, unverstellten Blick auf die Ehe von Clara und Robert Schumann, die bis heute als eine der größten Liebesgeschichten des 19. Jahrhunderts gilt. Und sie macht ihre Sichtweise zunächst an einem Mann fest, der mit 3.600 Vertonungen seiner Gedichte zu einem der am häufigsten vertonten Dichter gehört. Gleich zu Beginn ihres Vortrags zeigt Preissinger die Bedeutung dieses heute nahezu unbekannten Poeten auf, indem sie eines seiner Lieder intonieren lässt.

Denn Preissinger hat zu ihrem Vortrag den Bariton Stefan Adam und den Klavierbegleiter Christoph Stöcker eingeladen, um ihren Vortrag mit musikalischen Beispielen zu unterfüttern. Und Adam, der eigens für diese Veranstaltung aus Hannover angereist ist, fordert gleich erst mal zum Mitsingen auf. Der Mai ist gekommen ist den überwiegend älteren Besuchern durchaus ein Begriff, und schon singen alle fröhlich mit. Dabei wissen wohl die wenigsten, dass der Text von Emanuel Geibel stammt. Geibel galt bis etwa 1915 als einer der wichtigsten deutschen Lyriker. Aus einem seiner Gedichte stammt das Zitat „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen“, das später so furchtbar entstellt wurde. Theodor Fontane prägte das Spottwort von der Geibelei, mit dem er klangschöne, aber formal stereotype Lyrik verstand. Mit eben dieser „glatten“ Lyrik aber empfahl der „Backfischdichter“ sich Komponisten wie Robert Schumann, Hugo Wolf, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms.
So entstand das Lied Hidalgo von Robert Schumann nach einem Gedicht von Geibel an dem Tag, als Robert und Clara Schumann erfuhren, dass ihre Heirat gerichtlicherseits bewilligt wurde. Solcherlei Anekdoten weiß Preissinger viele aneinanderzureihen, um ihren Vortrag lebhaft und abwechslungsreich zu gestalten. Wichtiger noch ist aber der Tenor, der vom üblichen „Die arme Clara, der böse Robert“ abweicht und mit vielerlei historischen Zitaten belegt, dass es immer wieder Robert war, der Clara zum Komponieren aufforderte. Clara selbst empfand nach Preissinger keinen hohen Leidensdruck, weil sie keine Zeit für Kompositionen fand. Als Pragmatikerin war ihr viel wohler, wenn der Alltag reibungslos ablief. Dazu passt wohl auch, dass Clara nach Roberts Tod nicht mehr komponierte.
Adam und Stöcker bringen derweil Klassiker von Robert Schumann wie des Knaben Wunderhorn, der Page oder Hidalgo, aber auch Lieder von Clara wie Liebeszauber, Der Mond kommt still gegangen oder Die stille Lotusblüte zu Gehör. Im Bewusstsein, im Hause des einzigen zu sitzen, der noch häufiger als Geibel vertont wurde, lässt man sich gern in vergangene Zeiten entführen und erlebt staunend, wie wenig sich die Künstlerehen früherer Zeiten vom heutigen Alltag unterscheiden. Selbstverständlich dürfen im Vortrag auch nicht die Querverweise auf Frédéric Chopin und George Sand oder Gottfried und Johanna Kinkel fehlen.
Auf der Reise in die Vergangenheit verfliegt die Zeit, und nach einer guten Stunde sind die Besucher immer noch begeistert und hellwach bei der Sache. Aber auch der schönste Sonntagnachmittag hat einmal ein Ende. Die drei Künstler nehmen den berechtigten und langanhaltenden Applaus entgegen, ehe sie zu weiteren Gesprächen mit den Besuchern zur Verfügung stehen. Früher wäre man nach solch schönen Vorträgen noch beschwingt ins Café Bittner auf der anderen Seite des Carlsplatzes flaniert, um dort über das Gehörte bei Kaffee, Eierlikör und Kuchen zu reflektieren. Aber auch das Café ist längst Geschichte.
Michael S. Zerban