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FASE, FOUR MOVEMENTS TO THE MUSIC OF STEVE REICH
(Anne Teresa De Keersmaeker)
Besuch am
9. November 2019
(Einmalige Aufführung)
Dank zahlreicher Kooperationen ist dem Tanzhaus NRW in Düsseldorf mal wieder ein echter Coup gelungen. Und an einem solchen Tag darf auch mal alles passen. Pünktlich öffnen sich die Türen zum Großen Saal, um das zahlreich erschienene Publikum rechtzeitig einzulassen, und fast pünktlich beginnt eine ganz besondere Aufführung.
Den 18. März 1982 wird Anne Teresa De Keersmaeker ihr Leben lang nicht vergessen. Zwei Jahre zuvor hatte sie ihre erste Choreografie, Asch, präsentiert, danach ein Jahr lang in New York ihre Studien fortgesetzt. Zurück in Brüssel, zeigte sie ihre zweite Choreografie mit 21 Jahren. Fase, Four Movements to the Music of Steve Reich wurde ihr Durchbruch. 38 Jahre lang sollte sie diese Choreografie selbst tanzen – und sie ganz nebenher zu so etwas wie einer lebenden Legende befördern. Im vergangenen Jahr entschied De Keersmaeker, ihre Rolle an eine Nachfolgerin aus ihrer Compagnie Rosas abzugeben.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Jetzt kommt also genau dieses Stück auf die Bühne im Großen Saal des Tanzhauses NRW. Die Bühne ist leer. Die rückwärtige Wand ist für Projektionen präpariert. Piano Phase wird das erste Duo mittels eingeblendeter Schrift angekündigt. 1967 unternahm Steve Reich mit diesem Stück einen seiner ersten Versuche zur Phasenverschiebung. Auf Klavier und Tonband, später auf zwei Klavieren, werden minimalistische Töne permanent wiederholt und variiert. So entsteht der Eindruck hohen Tempos bei scheinbarem Stillstand. Hämmernd dröhnen die Töne in Düsseldorf vom Band. De Keersmaeker übernimmt das Prinzip der Phasenverschiebung für den Tanz. Dabei wählt sie bewusst sparsame, ja, beinahe schon kindhafte Körperbewegungen, die ihren Reiz durch den Aufbau der Körperspannung gewinnen. Laura Bachman und Soa Ratsifandrihana sind perfekt aufeinander eingespielt. Ihre Sommerkleidchen unterstreichen den Eindruck des Kindlichen, während die immer gleichen Bewegungsabläufe mal synchronisiert, mal in kleinen, schon fast unmerklichen Änderungen ein Höchstmaß an Dynamik ausstrahlen. Remon Fromont stellt die Tänzerinnen in Scheinwerferlicht, das die Symmetrie des Tanzes als Schattenwurf auf die Projektionsfläche unterstreicht.

Der reizvolle Widerspruch zwischen der Dynamik der Körper und der scheinbaren Statik in Musik und Geschehen wird im nachfolgenden Stück Come out noch verstärkt, wenn die Tänzerinnen sich im Hosenanzug mit High Heels auf zwei Barhockern im schummrigen Licht zweier Barlampen wiederfinden. In dem Werk, das ein Jahr vor Piano Phase entstanden war, experimentierte Reich mit einem gesprochenen Zitat, das er ständig wiederholte, splittete und schließlich in einen Kanon münden ließ. An die beiden Hochstühle gebunden, bleibt die Dynamik der Bewegungen ungebrochen.
Das Solo zu Violin Phase, ebenfalls 1967 komponiert, ist an die dritte Stelle der Choreografie gerückt, war ursprünglich der Ausgangspunkt zum Werk. So verliert es etwas an Bedeutung, und das ist auch gut so. Auch wenn die geschilderten Bewegungselemente hier bereits Eingang finden, ist dem Tanz im Lichtkreis anzusehen, dass es dem Können einer 21-jährigen Autodidaktin entsprungen ist. Das Fehlen von Duplizität und Gegenläufigkeit der Partnerin nehmen dem Stück von der Spannung. Und schließlich sorgt der eine oder andere Hüpfer für Lacher beim Publikum, wenn dabei ein völlig unpassender, strahlendweißer Schlüpfer unter dem Sommerkleidchen von Ratsifandrihana sichtbar wird.
Von Clapping Music aus dem Jahr 1972 erzählt man sich, dass Reich die Idee dazu in einem Brüsseler Flamenco-Club bei einer Jam Session nach dem eigenen Konzert gekommen sei. Auch hier wendet er wieder das Prinzip der Phasenverschiebung an, wenn er zwei Perkussionisten einen minimalen Grundrhythmus klatschen lässt und die Wiederholungen gegeneinander verschiebt. Für Bachman und Ratsifandrihana willkommene Gelegenheit, ein letztes Mal die einst wegweisende Körpersprache von De Keersmaeker zu zeigen und sich dabei dieses Mal aus der örtlichen Statik zu lösen.
Bis heute gilt Fase als Meilenstein des zeitgenössischen Tanzes. Und das Publikum zeigt, dass die Choreografie bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat. Es kommt im Tanzhaus NRW nicht so oft vor, dass die Besucher sich mit stehendem Applaus bedanken und die Tänzer so oft auf die Bühne zurückholen. Ein großer Abend, der Appetit macht auf die Choreografie Bartók/Beethoven/Schönberg, die Anne Teresa De Keersmaeker am kommenden Wochenende im Tanzhaus zeigen wird.
Michael S. Zerban