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Was erwartet ein Zuschauer heute, wenn er eine Neuinszenierung von Johann Strauß genialer Operette Die Fledermaus besucht? Natürlich Champagnerlaune, sprühende Gags und ein musikalisches Schwelgen in den seit bald 150 Jahren unverändert zündenden Melodien. Kurzum, eine Herausforderung für jedes Theater, denn, bitte schön, unterschätzt Die Fledermaus und das Genre Operette nicht. Nicht alles, was leicht und beschwingt klingt, ist auch leicht auf die Bühne zu bringen. Und gerade bei der Fledermaus ist die Gefahr groß, durch überzogene Gags und schrille Performance den Zauber dieses Meisterwerkes der Goldenen Operette zu konterkarikieren. In Coburg ist genau das passiert. Regisseur Holger Potocki und sein Team sowie Johannes Braun, erster Kapellmeister am Landestheater Coburg und musikalischer Leiter der Neuinszenierung, haben mit ihrer Neufassung der Fledermaus eine diskussionswürdige und bitterböse Screwball-Komödie mit Anspielung an diverse Hollywood-Streifen auf die Bühne gebracht, deren durchaus witzig gedachte Effekte nicht wirklich zünden wollen.
Potocki verlegt die Geschichte in die heutige Zeit. Gabriel Eisenstein ist bei ihm ein aufgeblasener, von sich überzeugter Schönheitschirurg, der ins Gefängnis muss und dem obendrein eine Zivilklage droht, weil er unter Umgehung zahlreicher Vorschriften eine missglückte Geschlechtsumwandlung an der Prinzessin beziehungsweise dem Prinzen Orlofsky vorgenommen hat. Das Ganze wird nach der Ouvertüre als Radiobeitrag von Bayern 1 mit Moderator Marcus Fahn eingespielt. Nun gibt es also schon zwei Protagonisten, die sich an Eisenstein rächen wollen. Neben Orlofsky ist es natürlich sein alter Freund Dr. Falke, den er einst als Konkurrent um seine heutige Frau Rosalinde auf einer Party mit Narkosetropfen ausschaltete und ihm kurzerhand eine Batman-Maske ans Gesicht nähte und ihn so der Lächerlichkeit preisgab.
Die Narben sind Falke heute noch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Und ausgerechnet „Finki“, wie Eisenstein seinen alten Kumpel Falke despektierlich nennt, verschafft ihm eine Einladung inkognito zu einer Party des Prinzen Orlofsky, der Interesse hat, sich mit Eisenstein zu einigen und die angedrohte Zivilklage, die seinen Ruin bedeuten würde, fallen zu lassen. Eisenstein selbst bezeichnet sich selbst als „hippokratischen Märtyrer einer barbarischen Justiz“, die Diskussion darüber ist für ihn nicht mehr als eine „Cerebral-Phimose“ – wörtlich übersetzt Gehirn-Vorhautverengung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der erste Aufzug spielt im Wartezimmer des Schönheitschirurgen Dr. Gabriel Eisenstein. Seine Frau Rosalinde, an der er auch nur zu gerne noch was verändern würde, macht für ihn die Terminplanung, während Adele als punkige Reinigungskraft für ständigen Stress sorgt. Diverse Patienten des Herrn Doktor kommen ins Wartezimmer zur Nachsorge, während eine Postbotin, die nur ein Paket vorbeibringen will, direkt in Narkose versetzt wird und auf den OP-Tisch hinter dem Wartezimmer gelegt wird. Alfred, der Sänger, kommt ohne Termin und bringt Rosalinde in Schwierigkeiten, denn sie schmachtet erotomanisch für den etwas alternativen Sängerburschen, der auch direkt ein paar Kostproben italienischer Arien von Puccini und Verdi zum Besten gibt. Und der Gefängnisdirektor Frank, der ja bekanntermaßen den Herrn Eisenstein persönlich ins Gefängnis abholen will, entpuppt sich als Promiliebling und lässt sich von Alfred, den er für den Schönheitschirurgen Eisenstein hält, erst einmal ein Autogramm geben. Die kurze Umbauphase zum zweiten Akt wird mit einer Schnellpolka von Johann Strauß musikalisch verkürzt.
Der zweite Akt spielt in einem mit Tüchern verhängtem Ballsaal. Auf der Party des Prinzen Orlofsky, vom Typ her strenge Gouvernante mit kurzen Hosen, Kniestrümpfen und einem merkwürdigen Kurzhaarschnitt, findet eine kulinarische Kunstperformance statt. Eisenstein, verkleidet als Marquis Renard mit weißer Perücke und weißem Bart, wird dennoch von Adele in der Rolle der angehenden Künstlerin Olga im seidengrauen Overall und pinkrosafarbener Frisur sofort erkannt, und das Drama nimmt seinen Lauf. Orlofsky rächt sich an Eisenstein, indem er eine Operation an ihm simuliert und ihn die Qualen erleiden lassen will, die er selbst erdulden musste. „Höhepunkt“ ist eine „Kunstfehler“-Performance, in der verunstaltete Opfer von Schönheitschirurgen zu einem von Johannes Braun neu komponierten schrägen „Walzer“ nach Motiven von Johann Strauß defilieren. Die Pause findet mitten im zweiten Akt statt, was wiederum für einen Spannungsabfall des Stückes sorgt. Die Geschichte geht weiter zum Ende der Party, mittlerweile ist Rosalinde als ungarische Oligarchin eingetroffen, um ihren Gatten bei seinen amourösen Abenteuern in flagranti zu erwischen. Eisenstein fällt auf die mit einer Strumpfmaske nicht erkennbare Rosalinde herein. Eine witzige Anspielung auf den Fall des ehemaligen österreichischen Vizekanzler Strache und dessen Treffen mit einer angeblichen russischen Oligarchentochter auf Ibiza kommt leider nicht richtig zur Geltung.
Der Rest des zweiten Aufzuges ist bekannt, Rosalinde ergattert Eisensteins Uhr, und um 6 Uhr morgens verlassen der Chevalier Chagrin alias Gefängnisdirektor Frank und Marquis Renard alias Gabriel Eisenstein die Schickimicki-Party, um aus unterschiedlichen Gründen den Weg ins Gefängnis anzutreten.

Der dritte Akt spielt bekanntermaßen im Gefängnis, und doch ist hier alles anders. Der Gefängnisaufseher Frosch ist gleichzeitig Hausmeister, Telefondesinfizierer und vor allem Hobbypsychologe, der mit den Gefangenen, alle nach amerikanischem Vorbild in orangefarbene Overalls gekleidet, therapeutische Gesprächskreise führt, vorzugsweise mit Tiermasken. Auch Alfred, der für Eisenstein hier eingebuchtet wird, muss eine Maske tragen, als armes Huhn. Diese Dialogszene ist, obwohl witzig angelegt, nicht wirklich lustig. Es kommt einem fast vor, als ob dem Regisseur und seinem Team nach dem schrillen zweiten Akt die Ideen ausgegangen sind. Einzig Adele, die dem Möchtegernmäzen Dr. Frank eine Kostprobe ihrer Schauspielkunst darbieten möchte, läuft zur Hochform auf. Ihr Couplet Spiel ich die Unschuld vom Land endet mit einem sängerisch dargebotenen Orgasmus à la Meg Ryan im Hollywood-Klassiker Harry und Sally. Die finale Eifersuchtsszene zwischen Eisenstein und Rosalinde wird ganz modern über das Mobiltelefon abgehandelt, Eisenstein und sein Advokat Dr. Blind sitzen in einer Proszeniumsloge, und Blind muss für Eisenstein die Kommunikation und damit auch teilweise den Gesang übernehmen, was auch nicht wirklich passt. Am Schluss erscheint Dr. Falke in einem kompletten Batman-Kostüm gemeinsam mit der gesamten Party-Entourage mit Batman-Masken und deckt seine Intrige als Rache Batmans, pardon als Rache der Fledermaus auf. Eisenstein und Rosalinde versöhnen sich, denn schuld an allem war eigentlich der Champagner. Und Eisenstein tritt nun endgültig im orangefarbenen Gefängnisoverall und in Handschellen gefesselt seine achtwöchige Gefängnisstrafe an.
Potocki hat für diese Inszenierung eine komplett neue Textfassung geschrieben, die dem heutigen Sprachstil entspricht. Das ist durchaus legitim und meist auch ganz witzig. Da die Texte zu den Gesangsstücken natürlich im Wesentlichen nicht verändert werden, ist da eine enorme Diskrepanz zwischen dem gesprochenen und gesungenen Wort, und das passt meist nicht. Wenn es dann noch musikalische Umstellungen gibt, wie den Csárdás Klänge der Heimat der Rosalinde an den Anfang des zweiten Teils vor das Uhrenduett zu stellen, dann ist das schon eine leichte Verfälschung des Werkes. Denn warum singt die Rosalinde überhaupt die Klänge der Heimat? Um zu beweisen, dass sie eine ungarische Gräfin ist. Das kommt in dieser Inszenierung nicht raus, und so ist dieser Csárdás mehr eine Gesangseinlage als szenischer und musikalischer Höhepunkt. Dass Johannes Braun für die „Kunstfehler“-Performance im zweiten Akt einen schrägen „Walzer“ mit Themen von Johann Strauß komponiert hat, ist aller Ehren wert, stört aber den harmonischen musikalischen Ablauf, genauso wie die „Batman“-Reminiszenz im dritten Akt.
Insgesamt ein durchaus interessanter Regie-Ansatz, der sich aber zu viel in stereotypem Gesellschaftsbashing verliert. Lena Brexendorff, mit der Potocki schon lange zusammenarbeitet, ist nicht nur für das Bühnenbild, sondern auch für die schrillen Kostüme und Accessoires verantwortlich, die Andreas Rehfeld mit einer gelungenen Lichtregie gut in Szene setzt.

Sängerisch und schauspielerisch ist durchaus formidabel, was das Ensemble des Landestheaters Coburg hier zu bieten hat. Marvin Zobel überzeugt als blasierter Schönheitschirurg Dr. Eisenstein mit klischeehaftem Spiel und schönem Gesang. Judith Kuhn als seine Ehefrau Rosalinde weiß mit ihrer warmen Mittellage und den strahlenden Höhen zu überzeugen, und ihr Csárdás Klänge der Heimat ist musikalischer Solohöhepunkt. Peter Aisher bedient als Tenor Alfred alle Klischees und darf nach Lust und Laune gesanglich in anderen Opern wildern. Francesca Paratore ist als flippige Adele mit leuchtendem Soubretten-Klang, perlenden Koloraturen und witzigem Spiel eine Idealbesetzung. Emily Lorini überzeugt mit engagiertem Spiel sowie mit warmem Mezzo-Klang und klaren Höhen als Prinz Orlofsky. Christian Huber gibt den Dr. Falke mit wohlklingendem Bariton und subversivem Spiel, und Bartosz Araszkiewicz überzeugt mit markantem Bass als Gefängnisdirektor Frank. Dirk Mestmacher gibt den hier mal nicht stotternden Advokaten Dr. Blind als etwas blasse Nebenfigur, und Laura Incko als Ballettmanagerin Ida fügt sich harmonisch in das überzeugende Ensemble ein. Stephan Mertl als Gefängnisaufseher und Hobbypsychologe Frosch löst seine Aufgabe schauspielerisch gut, kann die Szene mit der Tiermaskentherapie aber nicht wirklich retten.
Der Chor des Landestheater Coburg, gut einstudiert von Mikko Sidoroff, hat sichtbare Freude an diesem Stück und überzeugt durch engagiertes Spiel und Gesang. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Johannes Braun hat phasenweise Schwierigkeiten mit der durchaus anspruchsvollen Partitur. Schon in der Ouvertüre machen die vielen Tempowechsel zu schaffen, dazu dröhnt es manchmal doch sehr stark aus dem Orchestergraben, was aber auch teilweise der schwierigen Akustik des Hauses geschuldet ist. Insgesamt eine solide, aber keine überzeugende musikalische Darbietung.
Das Publikum, das während der Vorführung nur müden Szenenapplaus spendet, ist auch nach der Vorstellung bis auf wenige Einzelne nicht grade enthusiastisch. Es gibt höflichen Applaus für alle Protagonisten, von denen Francesca Paratore als Adele noch am meisten abräumen kann. Auch das Regieteam bekommt warmen Applaus, aber es gibt weder Jubel noch kritische Buhs. Es scheint, als habe man in Coburg diese Inszenierung so einfach über sich ergehen lassen. Schade, eine kontroverse Reaktion und Auseinandersetzung mit dieser im Ansatz interessanten Inszenierung wäre durchaus angebracht gewesen.
Andreas H. Hölscher