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Mehr Schein als Sein

DIE FLEDERMAUS
(Johann Strauß)

Besuch am
9. November 2019
(Premiere)

 

Landes­theater Coburg

Was erwartet ein Zuschauer heute, wenn er eine Neuin­sze­nierung von Johann Strauß genialer Operette Die Fledermaus besucht? Natürlich Champa­gner­laune, sprühende Gags und ein musika­li­sches Schwelgen in den seit bald 150 Jahren unver­ändert zündenden Melodien. Kurzum, eine Heraus­for­derung für jedes Theater, denn, bitte schön, unter­schätzt Die Fledermaus und das Genre Operette nicht. Nicht alles, was leicht und beschwingt klingt, ist auch leicht auf die Bühne zu bringen. Und gerade bei der Fledermaus ist die Gefahr groß, durch überzogene Gags und schrille Perfor­mance den Zauber dieses Meister­werkes der Goldenen Operette zu konter­ka­ri­kieren. In Coburg ist genau das passiert. Regisseur Holger Potocki und sein Team sowie Johannes Braun, erster Kapell­meister am Landes­theater Coburg und musika­li­scher Leiter der Neuin­sze­nierung, haben mit ihrer Neufassung der Fledermaus eine diskus­si­ons­würdige und bitterböse Screwball-Komödie mit Anspielung an diverse Hollywood-Streifen auf die Bühne gebracht, deren durchaus witzig gedachte Effekte nicht  wirklich zünden wollen.

Potocki verlegt die Geschichte in die heutige Zeit. Gabriel Eisen­stein ist bei ihm ein aufge­bla­sener, von sich überzeugter Schön­heits­chirurg, der ins Gefängnis muss und dem obendrein eine Zivil­klage droht, weil er unter Umgehung zahlreicher Vorschriften eine missglückte Geschlechts­um­wandlung an der Prinzessin bezie­hungs­weise dem Prinzen Orlofsky vorge­nommen hat. Das Ganze wird nach der Ouvertüre als Radio­beitrag von Bayern 1 mit Moderator Marcus Fahn einge­spielt. Nun gibt es also schon zwei Protago­nisten, die sich an Eisen­stein rächen wollen. Neben Orlofsky ist es natürlich sein alter Freund Dr. Falke, den er einst als Konkurrent um seine heutige Frau Rosalinde auf einer Party mit Narko­se­tropfen ausschaltete und ihm kurzerhand eine Batman-Maske ans Gesicht nähte und ihn so der Lächer­lichkeit preisgab.

Die Narben sind Falke heute noch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Und ausge­rechnet „Finki“, wie Eisen­stein seinen alten Kumpel Falke despek­tierlich nennt, verschafft ihm eine Einladung inkognito zu einer Party des Prinzen Orlofsky, der Interesse hat, sich mit Eisen­stein zu einigen und die angedrohte Zivil­klage, die seinen Ruin bedeuten würde, fallen zu lassen. Eisen­stein selbst bezeichnet sich selbst als „hippo­kra­ti­schen Märtyrer einer barba­ri­schen Justiz“, die Diskussion darüber ist für ihn nicht mehr als eine „Cerebral-Phimose“ – wörtlich übersetzt Gehirn-Vorhautverengung.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der erste Aufzug spielt im Warte­zimmer des Schön­heits­chir­urgen Dr. Gabriel Eisen­stein. Seine Frau Rosalinde, an der er auch nur zu gerne noch was verändern würde, macht für ihn die Termin­planung, während Adele als punkige Reini­gungs­kraft für ständigen Stress sorgt. Diverse Patienten des Herrn Doktor kommen ins Warte­zimmer zur Nachsorge, während eine Postbotin, die nur ein Paket vorbei­bringen will, direkt in Narkose versetzt wird und auf den OP-Tisch hinter dem Warte­zimmer gelegt wird. Alfred, der Sänger, kommt ohne Termin und bringt Rosalinde in Schwie­rig­keiten, denn sie schmachtet eroto­ma­nisch für den etwas alter­na­tiven Sänger­bur­schen, der auch direkt ein paar Kostproben italie­ni­scher Arien von Puccini und Verdi zum Besten gibt. Und der Gefäng­nis­di­rektor Frank, der ja bekann­ter­maßen den Herrn Eisen­stein persönlich ins Gefängnis abholen will, entpuppt sich als Promi­liebling und lässt sich von Alfred, den er für den Schön­heits­chir­urgen Eisen­stein hält, erst einmal ein Autogramm geben. Die kurze Umbau­phase zum zweiten Akt wird mit einer Schnell­polka von Johann Strauß musika­lisch verkürzt.

Der zweite Akt spielt in einem mit Tüchern verhängtem Ballsaal. Auf der Party des Prinzen Orlofsky, vom Typ her strenge Gouver­nante mit kurzen Hosen, Kniestrümpfen und einem merkwür­digen Kurzhaar­schnitt, findet eine kulina­rische Kunst­per­for­mance statt. Eisen­stein, verkleidet als Marquis Renard mit weißer Perücke und weißem Bart, wird dennoch von Adele in der Rolle der angehenden Künst­lerin Olga im seiden­grauen Overall und pinkro­sa­far­bener Frisur sofort erkannt, und das Drama nimmt seinen Lauf. Orlofsky rächt sich an Eisen­stein, indem er eine Operation an ihm simuliert und ihn die Qualen erleiden lassen will, die er selbst erdulden musste. „Höhepunkt“ ist eine „Kunstfehler“-Performance, in der verun­staltete Opfer von Schön­heits­chir­urgen zu einem von Johannes Braun neu kompo­nierten schrägen „Walzer“ nach Motiven von Johann Strauß defilieren. Die Pause findet mitten im zweiten Akt statt, was wiederum für einen Spannungs­abfall des Stückes sorgt. Die Geschichte geht weiter zum Ende der Party, mittler­weile ist Rosalinde als ungarische Oligarchin einge­troffen, um ihren Gatten bei seinen amourösen Abenteuern in flagranti zu erwischen. Eisen­stein fällt auf die mit einer Strumpf­maske nicht erkennbare Rosalinde herein. Eine witzige Anspielung auf den Fall des ehema­ligen öster­rei­chi­schen Vizekanzler Strache und dessen Treffen mit einer angeb­lichen russi­schen Oligar­chen­tochter auf Ibiza kommt leider nicht richtig zur Geltung.

Der Rest des zweiten Aufzuges ist bekannt, Rosalinde ergattert Eisen­steins Uhr, und um 6 Uhr morgens verlassen der Chevalier Chagrin alias Gefäng­nis­di­rektor Frank und Marquis Renard alias Gabriel Eisen­stein die Schicki­micki-Party, um aus unter­schied­lichen Gründen den Weg ins Gefängnis anzutreten.

Foto © Sebastian Buff

Der dritte Akt spielt bekann­ter­maßen im Gefängnis, und doch ist hier alles anders. Der Gefäng­nis­auf­seher Frosch ist gleich­zeitig Hausmeister, Telefon­des­in­fi­zierer und vor allem Hobby­psy­chologe, der mit den Gefan­genen, alle nach ameri­ka­ni­schem Vorbild in orange­farbene Overalls gekleidet, thera­peu­tische Gesprächs­kreise führt, vorzugs­weise mit Tiermasken. Auch Alfred, der für Eisen­stein hier einge­buchtet wird, muss eine Maske tragen, als armes Huhn. Diese Dialog­szene ist, obwohl witzig angelegt, nicht wirklich lustig. Es kommt einem fast vor, als ob dem Regisseur und seinem Team nach dem schrillen zweiten Akt die Ideen ausge­gangen sind. Einzig Adele, die dem Möchte­gern­mäzen Dr. Frank eine Kostprobe ihrer Schau­spiel­kunst darbieten möchte, läuft zur Hochform auf. Ihr Couplet Spiel ich die Unschuld vom Land endet mit einem sänge­risch darge­bo­tenen Orgasmus à la Meg Ryan im Hollywood-Klassiker Harry und Sally. Die finale Eifer­suchts­szene zwischen Eisen­stein und Rosalinde wird ganz modern über das Mobil­te­lefon abgehandelt, Eisen­stein und sein Advokat Dr. Blind sitzen in einer Prosze­ni­umsloge, und Blind muss für Eisen­stein die Kommu­ni­kation und damit auch teilweise den Gesang übernehmen, was auch nicht wirklich passt. Am Schluss erscheint Dr. Falke in einem kompletten Batman-Kostüm gemeinsam mit der gesamten Party-Entourage mit Batman-Masken und deckt seine Intrige als Rache Batmans, pardon als Rache der Fledermaus auf. Eisen­stein und Rosalinde versöhnen sich, denn schuld an allem war eigentlich der Champagner. Und Eisen­stein tritt nun endgültig im orange­far­benen Gefäng­nis­o­verall und in Handschellen gefesselt seine achtwö­chige Gefäng­nis­strafe an.

Potocki hat für diese Insze­nierung eine komplett neue Textfassung geschrieben, die dem heutigen Sprachstil entspricht. Das ist durchaus legitim und meist auch ganz witzig. Da die Texte zu den Gesangs­stücken natürlich im Wesent­lichen nicht verändert werden, ist da eine enorme Diskrepanz zwischen dem gespro­chenen und gesun­genen Wort, und das passt meist nicht. Wenn es dann noch musika­lische Umstel­lungen gibt, wie den Csárdás Klänge der Heimat der Rosalinde an den Anfang des zweiten Teils vor das Uhren­duett zu stellen, dann ist das schon eine leichte Verfäl­schung des Werkes. Denn warum singt die Rosalinde überhaupt die Klänge der Heimat? Um zu beweisen, dass sie eine ungarische Gräfin ist. Das kommt in dieser Insze­nierung nicht raus, und so ist dieser Csárdás mehr eine Gesangs­einlage als szeni­scher und musika­li­scher Höhepunkt. Dass Johannes Braun für die „Kunstfehler“-Performance im zweiten Akt einen schrägen „Walzer“ mit Themen von Johann Strauß kompo­niert hat, ist aller Ehren wert, stört aber den harmo­ni­schen musika­li­schen Ablauf, genauso wie die „Batman“-Reminiszenz im dritten Akt.

Insgesamt ein durchaus inter­es­santer Regie-Ansatz, der sich aber zu viel in stereo­typem Gesell­schafts­bashing verliert. Lena Brexen­dorff, mit der Potocki schon lange zusam­men­ar­beitet, ist nicht nur für das Bühnenbild, sondern auch für die schrillen Kostüme und Acces­soires verant­wortlich, die Andreas Rehfeld mit einer gelun­genen Licht­regie gut in Szene setzt.

Foto © Sebastian Buff

Sänge­risch und schau­spie­le­risch ist durchaus formi­dabel, was das Ensemble des Landes­theaters Coburg hier zu bieten hat. Marvin Zobel überzeugt als blasierter Schön­heits­chirurg Dr. Eisen­stein mit klischee­haftem Spiel und schönem Gesang. Judith Kuhn als seine Ehefrau Rosalinde weiß mit ihrer warmen Mittellage und den strah­lenden Höhen zu überzeugen, und ihr Csárdás Klänge der Heimat ist musika­li­scher Solohö­he­punkt. Peter Aisher bedient als Tenor Alfred alle Klischees und darf nach Lust und Laune gesanglich in anderen Opern wildern. Francesca Paratore ist als flippige Adele mit leuch­tendem Soubretten-Klang, perlenden Kolora­turen und witzigem Spiel eine Ideal­be­setzung. Emily Lorini überzeugt mit engagiertem Spiel sowie mit warmem Mezzo-Klang und klaren Höhen als Prinz Orlofsky. Christian Huber gibt den Dr. Falke mit wohlklin­gendem Bariton und subver­sivem Spiel, und Bartosz Araszkiewicz überzeugt mit markantem Bass als Gefäng­nis­di­rektor Frank. Dirk Mestmacher gibt den hier mal nicht stotternden Advokaten Dr. Blind als etwas blasse Neben­figur, und Laura Incko als Ballett­ma­na­gerin Ida fügt sich harmo­nisch in das überzeu­gende Ensemble ein. Stephan Mertl als Gefäng­nis­auf­seher und Hobby­psy­chologe Frosch löst seine Aufgabe schau­spie­le­risch gut, kann die Szene mit der Tiermas­ken­the­rapie aber nicht wirklich retten.

Der Chor des Landes­theater Coburg, gut einstu­diert von Mikko Sidoroff, hat sichtbare Freude an diesem Stück und überzeugt durch engagiertes Spiel und Gesang. Das Philhar­mo­nische Orchester unter der Leitung von Johannes Braun hat phasen­weise Schwie­rig­keiten mit der durchaus anspruchs­vollen Partitur. Schon in der Ouvertüre machen die vielen Tempo­wechsel zu schaffen, dazu dröhnt es manchmal doch sehr stark aus dem Orches­ter­graben, was aber auch teilweise der schwie­rigen Akustik des Hauses geschuldet ist. Insgesamt eine solide, aber keine überzeu­gende musika­lische Darbietung.

Das Publikum, das während der Vorführung nur müden Szenen­ap­plaus spendet, ist auch nach der Vorstellung bis auf wenige Einzelne nicht grade enthu­si­as­tisch. Es gibt höflichen Applaus für alle Protago­nisten, von denen Francesca Paratore als Adele noch am meisten abräumen kann. Auch das Regieteam bekommt warmen Applaus, aber es gibt weder Jubel noch kritische Buhs. Es scheint, als habe man in Coburg diese Insze­nierung so einfach über sich ergehen lassen. Schade, eine kontro­verse Reaktion und Ausein­an­der­setzung mit dieser im Ansatz inter­es­santen Insze­nierung wäre durchaus angebracht gewesen.

Andreas H. Hölscher

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