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Wenn Geschlechterkämpfe auf der Opernbühne angesagt sind, gehört Georges Bizets Carmen zur ersten Wahl. Daher darf es nicht verwundern, wenn eine Regisseurin andere Schwerpunkte setzt als ein männlicher Kollege. Carmens Rolle als selbstbewusste, freiheitsliebende Außenseiterin, die sich weder den Normen der katholisch geprägten bürgerlichen Gesellschaft noch den nicht viel freieren Regeln ihrer gesetzlosen Räuber- und Mörderbande in den Bergen unterwerfen will, reflektiert die amerikanische Regisseurin Lydia Steier in ihrer Kölner Neuinszenierung aus vielen, möglicherweise zu vielen Perspektiven.
Die von den damaligen Star-Librettisten Meilhac und Halévy genial gestrickte Parallelführung des Stierkampfs mit den „Schlachten der Geschlechter“ durchzieht sinnvollerweise die ganze dreistündige Produktion. In der ersten Szene ein wenig aufdringlich, wenn auf dem Vorplatz der Arena die Händlerbuden das bluttriefende Fleisch der gefallenen Stiere anbieten. In den Orchesterzwischenspielen deuten Pantomimen auf das fatale Ende Carmens hin, teils im Kampf mit stilisierten Stieren, teils mit Männern, aber auch weiblichen Rivalinnen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Allerdings überdehnt Steier in den Bühnenbildern von Momme Hinrichs den Freiheitsdrang der Rebellin, wenn sie bei ihr am Ende nicht Don José zum Opfer fällt, sondern sich selbst mit dem Messer geradezu abschlachtet. Dass die Regisseurin in diesem Stück das in der Tat verlogene und bigotte Rollenbild der Frau als Heilige und Hure aufbrechen will, geht gehörig schief. Carmen als prächtig aufgetakelte Mutter Gottes in der zu einer Kathedrale mutierten Kneipe Lillas Pastias wird vom Stück ebenso wenig getragen wie der Bordellbetrieb, den die Schmugglerbande mit ihren Damen betreibt. Auch wenn sich Carmen nicht zur Prostitution zwingen lässt, wirkt es unlogisch, dass sie ihr Leben ausgerechnet in einer von Männern so brutal dominierten Umgebung verbringen will. Carmen ist weder Heilige noch Hure. Ob das militante Outfit einer Lara Croft, in dem sich die Kölner Carmen durchs Leben kämpft, angemessener ist, bleibt offen.
Ihr Versuch, durch eine bürgerliche Ehe mit dem Matador Escamillo ihren inneren Frieden zu finden, muss angesichts des ebenfalls machohaften Milieus der Stierkämpfer scheitern. Steier hat recht, dass Lösungen für Carmens Freiheitsvisionen in den realen Lebensformen kaum zu finden sind. So diskutabel die symbolträchtigen Erläuterungen der Regisseurin sein mögen: Die zentrale Auseinandersetzung mit dem zwischen soldatischer Disziplin und emotionaler Explosivität zerrissenen Don José wird immer wieder von szenischen Ablenkungen überwuchert.

Der perfekte Einklang von Musik und Libretto vermag allerdings szenische Abwege dieser Art mühelos zu verkraften. Dafür sorgt Claude Schnitzler am Pult des Gürzenich-Orchesters mit all seiner Erfahrung. Und seiner Routine ist es zu verdanken, dass sich die Folgen der unglücklichen Postierung des Orchesters am linken Seitenrand des Staatenhauses in Grenzen halten. Gleichwohl klingt das Orchester distanziert und alles andere als ausgewogen. Und im präzisen Zusammenspiel mit den komplexen Chorszenen und den Solisten auf der riesigen Spielfläche hapert es in der Premiere noch an etlichen Stellen.
Adriana Bastidas-Gamboa, seit zehn Jahren eine unerlässliche Stütze des Kölner Ensembles, bringt für die Titelrolle stimmlich und darstellerisch alles mit, was die Partie fordert: Eine äußerst nuancenreiche, sinnliche, aber auch substantiell durchsetzungsfähige Stimme, körperliche Agilität und, mancher Feministin zum Verdruss, erotisch-feminine Ausstrahlung. Die Mezzosopranistin ist ein Gewächs des Kölner Opernstudios, dem zurzeit noch Alina Wunderlin und Arnheiður Eiríksdóttir angehören, die sich als Carmens Freundinnen Frasquita und Mercédes nahtlos in das vorzügliche Ensemble einfügen. Martin Muehle bleibt dem Don José nichts an tenoralem Glanz und emotionaler Intensität schuldig, Claudia Rohrbach überzeugt als Micaëla mit ihren hinreichend bekannten lyrischen Qualitäten. Dem Escamillo von Oliver Zwarg fehlt es dagegen an baritonaler Durchschlagskraft. Eine Rolle, für die die Kölner Oper als Alternativen noch bekannte Größen wie Samuel Youn und Erwin Schrott engagiert hat.
Eindrucksvoll die Chöre der Kölner Oper einschließlich der Kinder des Domchores und des Max Ernst Gymnasiums Brühl.
Begeisterter Beifall des Premierenpublikums für alle musikalischen Akteure, vereinzelte Buh-Rufe, aber auch viel Zustimmung für das szenische Team.
Pedro Obiera