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Heilige und Hure

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
10. November 2019
(Premiere)

 

Oper Köln, Staatenhaus Deutz

Wenn Geschlech­ter­kämpfe auf der Opern­bühne angesagt sind, gehört Georges Bizets Carmen zur ersten Wahl. Daher darf es nicht verwundern, wenn eine Regis­seurin andere Schwer­punkte setzt als ein männlicher Kollege. Carmens Rolle als selbst­be­wusste, freiheits­lie­bende Außen­sei­terin, die sich weder den Normen der katho­lisch geprägten bürger­lichen Gesell­schaft noch den nicht viel freieren Regeln ihrer gesetz­losen Räuber- und Mörder­bande in den Bergen unter­werfen will, reflek­tiert die ameri­ka­nische Regis­seurin Lydia Steier in ihrer Kölner Neuin­sze­nierung aus vielen, mögli­cher­weise zu vielen Perspektiven.

Die von den damaligen Star-Libret­tisten Meilhac und Halévy genial gestrickte Paral­lel­führung des Stier­kampfs mit den „Schlachten der Geschlechter“ durch­zieht sinnvol­ler­weise die ganze dreistündige Produktion. In der ersten Szene ein wenig aufdringlich, wenn auf dem Vorplatz der Arena die Händler­buden das bluttrie­fende Fleisch der gefal­lenen Stiere anbieten. In den Orches­ter­zwi­schen­spielen deuten Panto­mimen auf das fatale Ende Carmens hin, teils im Kampf mit stili­sierten Stieren, teils mit Männern, aber auch weiblichen Rivalinnen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Aller­dings überdehnt Steier in den Bühnen­bildern von Momme Hinrichs den Freiheits­drang der Rebellin, wenn sie bei ihr am Ende nicht Don José zum Opfer fällt, sondern sich selbst mit dem Messer geradezu abschlachtet. Dass die Regis­seurin in diesem Stück das in der Tat verlogene und bigotte Rollenbild der Frau als Heilige und Hure aufbrechen will, geht gehörig schief. Carmen als prächtig aufge­ta­kelte Mutter Gottes in der zu einer Kathe­drale mutierten Kneipe Lillas Pastias wird vom Stück ebenso wenig getragen wie der Bordell­be­trieb, den die Schmugg­ler­bande mit ihren Damen betreibt. Auch wenn sich Carmen nicht zur Prosti­tution zwingen lässt, wirkt es unlogisch, dass sie ihr Leben ausge­rechnet in einer von Männern so brutal dominierten Umgebung verbringen will. Carmen ist weder Heilige noch Hure. Ob das militante Outfit einer Lara Croft, in dem sich die Kölner Carmen durchs Leben kämpft, angemes­sener ist, bleibt offen.

Ihr Versuch, durch eine bürger­liche Ehe mit dem Matador Escamillo ihren inneren Frieden zu finden, muss angesichts des ebenfalls macho­haften Milieus der Stier­kämpfer scheitern. Steier hat recht, dass Lösungen für Carmens Freiheits­vi­sionen in den realen Lebens­formen kaum zu finden sind. So disku­tabel die symbol­träch­tigen Erläu­te­rungen der Regis­seurin sein mögen: Die zentrale Ausein­an­der­setzung mit dem zwischen solda­ti­scher Disziplin und emotio­naler Explo­si­vität zerris­senen Don José wird immer wieder von szeni­schen Ablen­kungen überwuchert.

Foto © Hans Jörg Michel

Der perfekte Einklang von Musik und Libretto vermag aller­dings szenische Abwege dieser Art mühelos zu verkraften. Dafür sorgt Claude Schnitzler am Pult des Gürzenich-Orchesters mit all seiner Erfahrung. Und seiner Routine ist es zu verdanken, dass sich die Folgen der unglück­lichen Postierung des Orchesters am linken Seitenrand des Staaten­hauses in Grenzen halten. Gleichwohl klingt das Orchester distan­ziert und alles andere als ausge­wogen. Und im präzisen Zusam­men­spiel mit den komplexen Chorszenen und den Solisten auf der riesigen Spiel­fläche hapert es in der Premiere noch an etlichen Stellen.

Adriana Bastidas-Gamboa, seit zehn Jahren eine unerläss­liche Stütze des Kölner Ensembles, bringt für die Titel­rolle stimmlich und darstel­le­risch alles mit, was die Partie fordert: Eine äußerst nuancen­reiche, sinnliche, aber auch substan­tiell durch­set­zungs­fähige Stimme, körper­liche Agilität und, mancher Feministin zum Verdruss, erotisch-feminine Ausstrahlung. Die Mezzo­so­pra­nistin ist ein Gewächs des Kölner Opern­studios, dem zurzeit noch Alina Wunderlin und Arnheiður Eiríks­dóttir angehören, die sich als Carmens Freun­dinnen Frasquita und Mercédes nahtlos in das vorzüg­liche Ensemble einfügen. Martin Muehle bleibt dem Don José nichts an tenoralem Glanz und emotio­naler Inten­sität schuldig, Claudia Rohrbach überzeugt als Micaëla mit ihren hinrei­chend bekannten lyrischen Quali­täten. Dem Escamillo von Oliver Zwarg fehlt es dagegen an barito­naler Durch­schlags­kraft. Eine Rolle, für die die Kölner Oper als Alter­na­tiven noch bekannte Größen wie Samuel Youn und Erwin Schrott engagiert hat.

Eindrucksvoll die Chöre der Kölner Oper einschließlich der Kinder des Domchores und des Max Ernst Gymna­siums Brühl.

Begeis­terter Beifall des Premie­ren­pu­blikums für alle musika­li­schen Akteure, verein­zelte Buh-Rufe, aber auch viel Zustimmung für das szenische Team.

Pedro Obiera

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