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FESTLICHES KONZERT FÜR ORGEL UND ORCHESTER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
10. November 2019
(Einmalige Aufführung)
Da stehst du an einem Wochentag vor der Pfarrkirche St. Helena. Die befindet sich im Mönchengladbacher Stadtteil Rheindalen. Irgendein Vorort in Nordrhein-Westfalen, in den man sich nach getaner Arbeit in den umliegenden Städten zurückzieht, um sein Eigenheim zu genießen. Mit den Jahren ist hier eine Infrastruktur entstanden, die Fahrten in die umliegenden Stadtteile überflüssig macht. Die Straßen sind verkehrsberuhigt. Es ist alles in Ordnung in Rheindalen. Auf der Werbetafel vor der Kirche wird ein Konzert angekündigt, das eigentlich alles verspricht, was man nicht braucht. Ein festliches Konzert für Orgel und Orchester mit Werken der Komponisten Denis Bédard, Arnold Schönberg und Francis Poulenc. Und das auch noch eine Jubiläumsfeier für das 35-jährige Bestehen der Seifert-Orgel. Nein, es gibt wirklich keinen ernsthaften Grund dafür, am Sonntagnachmittag in die Kirche zu gehen. Auch dann nicht, wenn freier Eintritt versprochen wird. Der wird ja inzwischen immer häufiger mit dem Zusatz angeboten, dass um eine „angemessene“ Spende gebeten wird, so auch hier. Der neueste Trend, um GEMA-Gebühren zu entgehen, die so hoch sind, dass eine kleinere Veranstaltung gar keine Chance hat, einen Gewinn zu erzielen, der nicht sofort von diesen Gebühren aufgefressen wird.

Wenn die Kirche am Sonntagnachmittag trotzdem sehr gut besucht ist, mag das am Vertrauen der Besucher in den Kantor Reinhold Richter liegen, der sie musikalisch noch nie enttäuscht hat, auch wenn nicht immer nur der Kanon auf dem Programmzettel auftaucht. Seit 1982 kümmert der studierte Kirchenmusiker und Organist sich als Kantor um die musikalischen Belange der Kirche. Heute hat Richter sich für das festliche Konzert für Orgel und Orchester Hilfe geholt. Ihm zur Seite steht – nicht zum ersten Mal – die Camerata Gladbach. 2014 wurde das Kammerorchester in offener Formation von Johanna Brinkmann und Tanja Cherepashchuk gegründet, das sich zu großen Teilen aus Mitgliedern der Niederrheinischen Sinfoniker zusammensetzt.
Die versammeln sich in der drangvollen Enge der Orgelempore, um mit Denis Bédards Konzert für Orgel und Streichorchester zu beginnen. Aus dem Jahr 2000 stammt das Werk, das Streicher und Orgel in einen Dialog bringen möchte. Auch wenn das Zwiegespräch kompositorisch eher hölzern klingt, ist das Stück eingängig, einfach strukturiert und mit 20 Minuten durchaus überschaubar. Streicher und Organist schöpfen die Möglichkeiten voll aus und schicken einen wunderbaren Klang in das Kirchenschiff. Gewöhnungsbedürftig ist, dabei auf einen leeren Altarraum zu blicken.
Das ändert sich beim nächsten Programmpunkt. Die 18 Streicher der Camerata Gladbach steigen in den Altarraum hinunter. Und sorgen für eine Überraschung. Denn Richter, der an sich ein Freund von Gegenwartsmusik ist, hat sich von Arnold Schönberg nicht etwa ein Beispiel der Zwölfton-Technik ausgesucht, sondern mit Verklärte Nacht ein spätromantisches Frühwerk des Komponisten ausgewählt. Im Herbst 1899 komponierte Schönberg während eines Ferienaufenthaltes im niederösterreichischen Paybach sein halbstündiges Streicherkonzert auf der Grundlage des gerade mal fünf Jahre zuvor erschienenen, gleichnamigen Gedichts von Richard Dehmel. Dass die Camerata Gladbach, die eigentlich eher dazu tendiert, sich selbst zu organisieren, zur Aufführung dieses Werks auf einen Dirigenten zurückgreift, ist durchaus kein Zeichen von Schwäche, sondern eher der Wunsch, das komplexe wie wunderschöne Werk in höchster Perfektion darzubieten. Mit Yorgos Ziavras haben die Musiker einen Musikalischen Leiter ausgewählt, mit dem sie nicht nur wiederholt zusammengearbeitet haben, sondern der auch höchst engagiert die Finessen dieser Tondichtung herausarbeitet. Ein großartiges Erlebnis, für das der Altarraum akustisch wie erschaffen scheint.

Hernach zieht das Orchester sich wieder auf die Orgelempore zurück, um gemeinsam mit Reinhold Richter Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken aus dem Jahr 1938 aufzuführen. Für Orgelkonzert-Liebhaber sicher kein unbekanntes Werk, zeigen Richter und seine Mannen hier noch einmal die ganze Strahlkraft des etwa 23-minütigen Stückes auf. Inzwischen haben auch die Besucher sich auf die Situation eingestellt, dass vor ihnen nichts zu sehen ist. Viele vertiefen sich in die Programmzettel, die trotz einfachster Machart eine vorbildliche Rundum-Information bieten, andere lassen sich mit geschlossenen Augen von der zart dargebotenen Musik in andere Sphären treiben.
Ein Musikerlebnis, das ganz ohne die allzu bekannten Stücke auskommt, keine Konzerthalle braucht, um den Zuhörern die heiligen Schauder über den Rücken zu treiben, die Musik mitunter auszulösen in der Lage ist. Organist, Orchester und Dirigent dürfen sich zu Recht lang und ausgiebig feiern lassen. Die Feierlichkeiten zum 35-jährigen Bestehen der Seifert-Orgel in Form einer Konzertreihe haben damit einen würdigen Abschluss gefunden. Und damit beginnt für das Publikum erneut die Suche nach den Pretiosen, die Sonntagnachmittage bieten, wenn man nur die Augen und Ohren offenhält.
Michael S. Zerban