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IL PRIMO OMICIDIO
(Alessandro Scarlatti)
Besuch am
9. November 2019
(Premiere am 1. November 2019)
Der erste Mord der christlichen Geschichte hat schon Alessandro Scarlatti fasziniert und ihn dazu erwogen, 1707 ein Oratorium in szenischer Form für sechs Stimmen und kleines Ensemble zu komponieren. Jetzt kommt diese Co-Produktion mit der Opéra de Paris des sehr selten gespielten Werkes nach Berlin. Alessandro Scarlatti – Vater von Domenico – war ein prominenter Vertreter der neapolitanischen Schule und der wichtigste italienische Opernkomponist zwischen Ende des 17. Jahrhunderts und Anfang des 18. Jahrhunderts. Das Oratorium, das die biblische Geschichte von Kain und Abel erzählt, verläuft in der Struktur einer typischen Barockoper: eine Fortsetzung von Rezitativen und A‑B-A-Arien mit wenigen Duetten und ohne Chor. Regisseur Romeo Castellucci – der auch für Bühnenbild, Kostüme und Licht zeichnet – nutzt diese Strenge, um visuell atemberaubende Tableaus zu kreieren.
Im ersten Akt tragen die Sänger zeitlose Kleider und Kostüme, die in starkem Kontrast zu den typischen starren Posen der Barock- und Renaissance-Malerei stehen, die sie gegen einen gemalten Hintergrund einnehmen. Dazu kommen abstrakte Farbflächen, die durch diffuses Licht an Mark Rothkos Kunstwerke erinnern. Daraus entsteht eine ruhige, poetische und nachdenkliche Atmosphäre.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Sobald sich der Mord ereignet, werden alle Charaktere, einschließlich Gott und Luzifer, gespalten: die Sänger sind aus dem Graben zu hören, und jeweils ein Kind verdoppelt die jeweilige Rolle auf der Bühne. Die Idee der Kinderdoppelgänger ist sicherlich nicht originell in Opernproduktionen, aber sie drückt die Dissoziation aus, die bei Menschen und Unsterblichen gleichermaßen durch den ersten unmenschlichen Akt verursacht wurde: den ersten Mord. Vielleicht kann man das als eine traditionell freudianische psychoanalytische Interpretation ansehen: Das Ego, das vernünftige Wesen, ist unsichtbar, während das Es, das aus purer Emotion enstandene Kind, ungezügelt auf der Bühne herumpoltert. Das Bühnenbild verändert sich ebenfalls total: die Kinder spielen in einem naturalistischen, steinernen Gebüsch unter einem sternklaren Nachthimmel.
Am Ende, wenn Adam und Eva mit Gott versöhnt sind, der mehr Kinder und schließlich Erlösung verspricht, steigen die beiden Sänger zurück auf die Bühne und umarmen ihre Kinderdoppelgänger: Sie werden wieder eins. Die Kinder auf der Bühne sind unglaublich professionell und engagiert, haben eine gute Diktion und spielen mit Überzeugung und Engagement. Allen voran Lukas Ray, der Gott „synchronisiert“, erobert mit seiner sehr emotionalen Interpretation, unterstützt durch die Tatsache, dass er das kleinste Kind auf der Bühne ist.

Die Sängerbesetzung ist mit Sorgfalt auf ihre Barockeignung ausgesucht: Kristina Hammarström singt den mörderischen Bruder Kain mit ihrem tiefen Mezzo und verstärkt die Dunkelheit in seinem Charakter: Neid, Wut, Verzweiflung. Olivia Vermeulens silberner Mezzo ist ein würdiger Kontrast zu Hammarströms brünierter Stimme: Sie bringt Abels Unschuld und sein reines Herz zum Ausdruck. Die Szene des Opfers an Gott ist allerdings eher kitschig gelungen: Das Lamm, das Abel opfert, wird durch einen länglichen, chirurgischen Blutbeutel dargestellt, den er durchtrennt und das Blut auf sich selbst schmiert. Die Botschaft ist klar: Abel ist das Opferlamm.
Der Sopran von Birgitte Christensen als Eva ist warm, rund und mit schöner Höhe. Ihre Wehklage-Arie nach Abels Tod, Madre tenera ed amante, ist vielleicht der Höhepunkt des Abends. In einer klaren Parallele zu Christus wird Abels Körper von einigen Statisten gewaschen und niedergelegt, während sich das Kind Eva wie die Jungfrau Maria einen blauen Schal über den Kopf legt und sich wie in einer Pietà darstellt. Die Geigen spiegeln Christensens Wehklagen mit eleganten, abgemessenen Portamenti wider, die auf historischen Instrumenten ungewöhnlich und ergreifend klingen.
Thomas Walker ist ein gebieterischer, mehr als trauriger Adam, sein Tenor strahlend und selbstbewusst. Benno Schachtners Countertenor als Stimme Gottes hat eine begrenzte Palette, klingt angemessen und korrekt, aber nicht besonders inspirierend. Arttu Kataja ist Luzifer, dessen Bass selbst in den dunkelsten seiner Arien bemerkenswert geschmeidig und elegant ist, während er Kain zuerst zum Mord und dann erfolglos zum Selbstmord verführt.
Dirigent René Jacobs verstärkt das Instrumentalensemble seines B’Rock Orchestras mit Oboen, Blockflöten, Posaunen, Harfen und Lauten und passt es der Größe des Theaters an. Als ausgewiesener Experte für diese Musikperiode führt er Orchester und Sänger zu einer respektvollen und nachdenklichen Lektüre der Partitur, wobei er die Strenge der Musik und ihre Mystik hervorhebt. Die Präzision der Instrumentalspieler ist bewundernswert, die vielen obligaten Soli, die die Arien begleiten, werden mit Emotion und sorgfältiger Phrasierung geliefert, wobei insbesondere die Geigensoli von Konzertmeisterin Cecilia Bernardini erwähnt werden sollen.
Einhelliger Applaus für die Solisten und die Produktion.
Zenaida des Aubris